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Franziskus bei seiner Rede an die Kurienchefs Franziskus bei seiner Rede an die Kurienchefs  (Vatican Media)

Papst Franziskus: Krise der Kirche ist auch eine Chance

Papst Franziskus warnt davor, „die Kirche vorschnell nach den Krisen zu beurteilen, die durch die Skandale von gestern und heute verursacht wurden“. Das sagte er an diesem Montag bei seinem Weihnachtsempfang für die Römische Kurie.

Stefan von Kempis - Vatikanstadt

„Wie oft scheint unseren kirchlichen Analysen die Hoffnung zu fehlen. Ein hoffnungsloser Blick auf die Wirklichkeit kann aber nicht als realistisch bezeichnet werden.“ Wer die Kirche nicht im Licht des Evangeliums beurteile, der versuche sich an der „Autopsie einer Leiche“, so Franziskus.

Der Papst empfing die Chefs der einzelnen Kurienbehörden in der Segnungsaula der Petersbasilika. Elektrische Kerzen an einem Weihnachtsbaum blinkten, während er ihnen eine ausführliche Betrachtung zum Thema Krise vorlas. Viele der anwesenden Kirchenleute, aber nicht alle, trugen Atemschutzmasken.

Ein Zitat von Hanna Arendt

Der Papst stieg mit einem ungewöhnlichen Zitat in seinen Text ein. „Die Geburt Jesu von Nazaret, das Geheimnis seiner Geburt, erinnert uns daran, dass wir ‚nicht geboren werden, um zu sterben, sondern im Gegenteil, um etwas Neues anzufangen‘. Das schreibt die jüdische Philosophin Hanna Arendt eindrucksvoll und prägnant. Sie kehrt damit das Denken ihres Lehrers Heidegger um, wonach der Mensch geboren wird, um in den Tod geworfen zu werden.“

Hier zum Nachhören

Damit war ein hoffnungsvoller Grundakkord für diese Ansprache an die Kurie angeschlagen. „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien die frohe Botschaft verkünden: Uns ist ein Kind geboren.“

„Krise betrifft alle“

Doch dann kam Franziskus auf sein eigentliches Thema zu sprechen: die Krise. „Dieses Weihnachtsfest ist das Weihnachtsfest in der Pandemie, der gesundheitlichen, sozialökonomischen, aber auch kirchlichen Krise, die die ganze Welt unterschiedslos getroffen hat. Die Krise ist nicht mehr nur ein Allgemeinplatz des Diskurses und des intellektuellen Establishments, sie ist zu einer Realität geworden, die alle betrifft.“

Zwei Gesichter habe die Krise: Sie stelle uns auf die Probe, biete aber auch „eine große Chance, uns zu bekehren und wieder authentisch zu werden“. Die Bibel sei „voll von Krisengestalten, die aber gerade dadurch Heilsgeschichte schrieben“ - Abraham, Mose, Elisas und Jesus selbst, eine nicht erschöpfende Aufzählung, so der Papst.

Ein bisschen Medien-Bashing

„Gott lässt auch weiterhin den Samen seines Reiches in unserer Mitte gedeihen. Hier in der Kurie gibt es viele, die mit ihrer bescheidenen, diskreten, stillen, loyalen, professionellen und ehrlichen Arbeit Zeugnis ablegen. Auch unsere Zeit hat ihre Probleme, aber ebenso gibt es das lebendige Zeugnis dafür, dass der Herr sein Volk nicht im Stich gelassen hat. Der einzige Unterschied ist, dass die Probleme sofort in den Zeitungen landen, während die Zeichen der Hoffnung erst nach langer Zeit Schlagzeilen machen – und das auch nicht immer.“

„Zeit der Krise, Zeit des Geistes“

Die „Zeit der Krise“ sei auch „eine Zeit des Heiligen Geistes“, fuhr Franziskus fort. Wir sollten uns von „der Erfahrung der Dunkelheit“ also nicht niederdrücken lassen, sondern darauf vertrauen, „dass die Dinge gerade eine neue Form annehmen, die allein aus der Erfahrung einer im Dunklen verborgenen Gnade entsprang“. Man solle die Krise nicht mit einem Konflikt verwechseln: Krisen hätten in der Regel „einen positiven Ausgang“, das sei mit Konflikten oft anders.

Konflikt-Kategorien passen nicht auf die Kirche

„Interpretiert man die Kirche nach den Kategorien des Konflikts – rechts und links, progressiv und traditionalistisch – fragmentiert, polarisiert, pervertiert und verrät man ihr wahres Wesen: Sie ist ein Leib, der fortwährend in der Krise ist, gerade weil er lebendig ist, aber sie darf niemals zu einem Leib werden, der in einem Konflikt mit Siegern und Besiegten steht. In der Tat wird sie auf diese Weise Angst verbreiten; sie wird starrer und weniger synodal werden und eine einheitliche und vereinheitlichende Logik durchsetzen, die so weit von dem Reichtum und der Pluralität entfernt ist, die der Geist seiner Kirche geschenkt hat.“

Die „Neuheit“, die der Heilige Geist durch eine Krise bringe, stehe nie „im Widerspruch zum Alten“, sondern gehe vielmehr aus dem Alten hervor.

„Platz schaffen für das Neue“

„In diesem Sinne führen alle Widerstände, die wir leisten, wenn wir in eine Krise geraten, … dazu, dass wir allein und steril bleiben. Indem wir uns gegen die Krise wehren, behindern wir das Werk der Gnade Gottes, die sich in uns und durch uns manifestieren will. Wenn uns also ein gewisser Realismus unsere jüngste Geschichte nur als die Summe von nicht immer geglückten Versuchen, Skandalen, Stürzen, Sünden, Widersprüchen und Kurzschlüssen beim Zeugnisgeben darstellt, sollten wir weder erschrecken, noch sollten wir die Evidenz all dessen leugnen, was in uns und in unseren Gemeinschaften vom Tod betroffen ist und der Bekehrung bedarf… Nur wenn wir eine bestimmte Mentalität absterben lassen, wird es uns auch gelingen, Platz für das Neue zu schaffen, das der Geist ständig im Herzen der Kirche weckt.”

Die Kirche verheutigen - aber wie?

Mit Bedacht griff der Papst einen Begriff seines Vorgängers, des heiligen Konzilspapstes Johannes XXIII.‘, auf: „aggiornamento“, „Verheutigung“. Er warb um Mut zu einem „aggiornamento“ der Kirche, warnte dabei aber vor Stückwerk und der Versuchung, einen bloßen Ausschnitt als Ganzes anzusehen. 

„Wir müssen aufhören, die Reform der Kirche als das Flicken eines alten Kleides zu betrachten oder als schlichte Abfassung einer neuen Apostolischen Konstitution. Es geht nicht darum, ‚ein Gewand zu flicken‘, denn die Kirche ist kein einfaches Gewand Christi, sondern sein Leib, der die ganze Geschichte umfasst (vgl. 1 Kor 12,27)… Wir müssen uns darum bemühen, dass unsere Zerbrechlichkeit nicht zu einem Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums wird, sondern zu einem Ort, an dem sich die große Liebe offenbart, mit der Gott, reich an Barmherzigkeit, uns geliebt hat und weiterhin liebt (vgl. Eph 2,4).“

„Das Neue sind die verschiedenen Aspekte der Wahrheit, die wir allmählich verstehen“

Franziskus zitierte seinen Vorgänger Benedikt XVI. mit der Aussage, Tradition sei „der lebendige Fluss, in dem die Ursprünge stets gegenwärtig sind". Der Heilige Geist verstehe es, Altes und Neues zu vereinen. „Das ,Alte´ ist die Wahrheit und Gnade, die wir bereits besitzen. Das Neue sind die verschiedenen Aspekte der Wahrheit, die wir allmählich verstehen. Keine geschichtliche Weise, das Evangelium zu leben, gelangt je zu einem erschöpfenden Verständnis desselben. Wenn wir uns vom Heiligen Geist leiten lassen, werden wir ,der ganzen Wahrheit´ Tag für Tag näherkommen."

Ohne Beten keine Lösung

Franziskus ermutigte dazu, die Krise „als eine Zeit der Gnade anzunehmen, die uns gegeben ist, um Gottes Willen für jeden von uns und für die ganze Kirche zu verstehen“. Dabei dürften wir den Kontakt zu Gott nicht abreißen lassen: „Wir kennen keine andere Lösung für die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, als mehr zu beten und gleichzeitig mit mehr Vertrauen alles zu tun, was uns möglich ist.“ Er rate zu „großem Frieden und Gelassenheit“. „Es wäre schön, wenn wir aufhören würden, im Konflikt zu leben, und uns stattdessen wieder bewusst würden, dass wir unterwegs sind… Die Krise ist Bewegung, sie ist Teil des Weges.“ 

Krise und Konflikt seien nicht dasselbe, erklärte Franziskus vor den Kurienleitern. Jeder solle sich fragen, ob er Jesus „in die Krise folgen oder sich im Konflikt vor ihm verteidigen will“. „Niemand möge das Werk, das der Herr in diesem Augenblick tut, aus freien Stücken behindern.“ Der Papst schloss mit einem neuerlichen Dank an seine wichtigsten Mitarbeiter: „Danke: danke für eure Arbeit, vielen Dank; und bitte betet immer für mich, damit ich den Mut habe, in der Krise zu bleiben." 

(vatican news)
 

21 Dezember 2020, 11:52