Suche

Vatican News
Franziskus im Februar 2020 bei einer Begegnung mit dem maronitischen Patriarchen, Kardinal Raï Franziskus im Februar 2020 bei einer Begegnung mit dem maronitischen Patriarchen, Kardinal Raï 

Papst Franziskus: Solidaritäts-Brief an den Libanon

Nicht nur in den Südsudan, sondern auch in den Libanon geht an diesem Donnerstag eine Weihnachtsbotschaft des Papstes. Franziskus spricht den Menschen im Libanon in dem an Kardinal Béchara Boutros Raï gerichteten Brief seine Bestürzung über ihre tiefe wirtschaftliche, soziale und politische Krise aus.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Ein „Wort des Trostes und der Ermutigung“ ist es, das der Papst über den Leiter der größten katholischen Gemeinschaft des Nahen Ostens an alle Libanesen richten will, „unabhängig von ihrer Gruppe oder religiösen Zugehörigkeit“. „Mein Schmerz über das Leid und die Ausweglosigkeit, die die typische Geschäftigkeit und Lebendigkeit im Zedernland ersticken, ist groß“, schreibt Franziskus. „Mehr noch, es schmerzt mich, zu sehen, wie alle Hoffnungen auf ein friedliches Zusammenleben ins Wanken geraten.“

Das Ende eines Modells

In einer positiv gestimmten Lesart gilt der Libanon mit seiner Vielzahl an religiösen Gruppen als ein Modell der Koexistenz; Skeptiker halten dem entgegen, dieses Modell des inneren Ausbalancierens aller Kräfte habe noch nie richtig funktioniert, das Land über Jahrzehnte paralysiert und jetzt in den Abgrund gerissen. Auch Franziskus erwähnt in seinem Brief, dass der Libanon „für die Geschichte und für die Welt“ eigentlich „eine Botschaft der Freiheit und ein Zeugnis des guten Zusammenlebens“ sei. Jetzt aber spüre er zutiefst „die Schwere eurer Verluste, vor allem wenn ich an die vielen jungen Leute denke, denen jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft genommen wird.“

„Die Vorsehung wird den Libanon nicht im Stich lassen“

Franziskus‘ Brief bezieht sich gar nicht ausdrücklich auf die Explosions-Katastrophe im Hafen von Beirut; dieser Knall von Anfang August war nämlich nur ein Mosaikstein im größeren, verstörenden Bild eines Staates, der von seiner Elite heruntergewirtschaftet worden ist und jetzt ins Elend abrutscht. Doch natürlich will der Papst nicht nur einen Klagegesang anstimmen, sondern den Libanesen auch Hoffnung machen: „Die göttliche Vorsehung wird den Libanon nie im Stich lassen und wird auch dieses Drama zum Besten hinzulenken wissen.“

Proteste gegen die Regierung auf den Straßen von Beirut - Aufnahme vom September 2020
Proteste gegen die Regierung auf den Straßen von Beirut - Aufnahme vom September 2020

„Von den Zedern lernen“

Wie die schon in der Bibel erwähnten Zedern sollten die Libanesen sich jetzt auf ihre Wurzeln besinnen, um wieder „ein solidarisches Volk“ zu werden. „Wie die Zeder jeden Sturm überdauert, mögt auch ihr angesichts der Schwierigkeiten des Moments eure Identität wiederentdecken, nämlich Respekt, Zusammenleben und Pluralismus“. Die Libanesen sollten jetzt „nicht ihre Häuser und ihr Erbe aufgeben“, um nicht den „Traum“ ihrer Vorfahren zu verraten, „die an die Zukunft eines schönen und prosperierenden Landes geglaubt haben“.

Appell an die politische Elite

Franziskus appelliert an die politischen und religiösen Führer, über ihren Schatten zu springen und zum Wohl des Landes zusammenzuarbeiten. „Helfen wir dem Libanon, bei den Konflikten und Spannungen in der Region außen vor zu bleiben“, appelliert er an die internationale Gemeinschaft. „Helfen wir ihm, aus der schweren Krise herauszufinden und sich wieder zu erholen.“

En passant: „Ich will den Libanon besuchen, sobald das möglich ist“

In einem Nebensatz erwähnt der Papst auch, dass er den Libanon „besuchen will, sobald das möglich ist“. Der letzte Papst, der nach Beirut reiste, war 2012 – auf seiner letzten Auslandsreise überhaupt – Benedikt XVI. Im kommenden März will Papst Franziskus, wenn es ihm die Umstände erlauben, den Irak besuchen. Dass er an einer Visite im Bürgerkriegsland Südsudan festhalten will, aber erst bei friedlichen Verhältnissen dorthin reisen kann, hat der 84-jährige Papst in seinem ebenfalls am Heiligen Abend veröffentlichten Brief an die zerstrittenen politischen Führer im Südsudan bekräftigt.  

(vatican news)
 

24 Dezember 2020, 12:00