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Vatican News

„Das ganze Leben ist eine Liturgie“

Papst Franziskus fordert Christen auf, nicht immer nur rückwärts zu schauen. Nostalgie sei „in geistlicher Hinsicht pathologisch“, sagte er in einer Videobotschaft an ein Festival der katholischen Soziallehre in Verona.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Ausflüge und Audienzen hat Franziskus corona-bedingt reduziert, darum meldet er sich in diesen Monaten immer häufiger per Videobotschaft zu Wort. Das neue Papst-Video wurde am späten Donnerstagabend zum Auftakt des viertägigen Soziallehre-Festivals, das schon auf eine gewisse Tradition zurückblicken kann, veröffentlicht.

Mit dem Thema Corona hielt sich der Papst diesmal nicht lange auf; eher beiläufig sprach er von einem „Szenario, das schwerwiegende soziale Probleme mit sich bringt“. Stattdessen kreisten Franziskus‘ Gedanken um das Motto des Festivals: „Gedächtnis der Zukunft“.

„Ein bisschen seltsam – aber kreativ“

„Es hört sich ein bisschen seltsam an – aber es ist kreativ. Es inspiriert uns dazu, kreativ auf die Zukunft zuzugehen. Für uns Christen hat die Zukunft einen Namen: den Namen Hoffnung nämlich. Hoffnung ist die Tugend des Herzens, die sich nicht im Dunkel verschließt, die nicht beim Vergangenen stehenbleibt, sich nicht in der Gegenwart so durchschlägt, sondern die das Morgen ins Auge fasst. Was bedeutet das Morgen für uns Christen? Es ist das erlöste Leben, die Freude der Begegnung mit der dreifaltigen Liebe.“

Christsein heiße darum, „einen kreativen Blick und ein kreatives Herz zu haben“ und „eschatologisch“, also auf die künftigen Dinge „ausgerichtet“ zu sein. Nostalgie sei da fehl am Platz: Sie bedeute eine „Versuchung“, der man nicht nachgeben dürfe.

Botschaft von Papst Franziskus an ein Festival der katholischen Soziallehre - zum Nachhören

„Es gibt nur das wirklich, woran Gott sich erinnert“

„Ein russischer Denker, Vjačeslav Ivanovič Ivanov, hat einmal gesagt: Es gibt nur das wirklich, woran Gott sich erinnert. Hier haben wir den Grund, warum die Dynamik der Christen nicht darin besteht, nostalgisch an der Vergangenheit festzuhalten, sondern vielmehr darin, Zugang zum ewigen Gedächtnis des Vaters zu finden. Und das ist möglich, wenn man ein Leben der Nächstenliebe führt. Also keine Nostalgie! Sie blockiert die Kreativität und macht die Menschen streng und ideologisch, auch im sozialen, politischen und kirchlichen Bereich. Stattdessen: das Gedächtnis. Es ist eng mit der Liebe und der Erfahrung verbunden und wird zu einer der tiefsten Dimensionen des Menschen.“

Durch die Taufe, so fuhr der Papst fort, hätten wir Christen alle „das Leben“ empfangen, das nichts anderes sei als „Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit der Schöpfung“. Leben bedeute also: die Gemeinschaft mit Gott suchen, vor allem im Gebet; voller Liebe auf unsere Mitmenschen zuzugehen; und schließlich unsere „Mutter Erde“ zu ehren und ihr zuliebe „einen Prozess der Verwandlung der Welt“ in Gang zu setzen.

 

Nur das, was Liebe ist, fällt nicht dem Vergessen anheim

„Und das Leben, das wir geschenkt bekommen haben, ist das Leben Christi. Wir können nicht als Glaubende in der Welt leben, ohne sein Leben in uns zu bezeugen. Einbezogen in das Leben der dreifaltigen Liebe, werden wir des Gedächtnisses fähig – des Gedächtnisses Gottes. Und nur das, was Liebe ist, fällt nicht dem Vergessen anheim, weil es seinen Daseinsgrund in der Liebe von Vater, Sohn und Heiligem Geist findet. In diesem Sinn muss unser ganzes Leben gewissermaßen eine Liturgie sein. Eine Anamnesis. Ein ewiges Gedächtnis der Auferstehung Christi.“

Es war eine richtiggehende Theologie des Gedächtnisses, die Franziskus seinen Zuhörern in Verona und im Internet da vorlegte. In seinen Worten klang die Meditation über das Gedächtnis an, die Franziskus‘ Vorgänger Benedikt XVI. einmal in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entwickelt hat.

Das Evangelium nicht auf einen soziologischen Horizont reduzieren

„Das also ist der Sinn des diesjährigen Festivals: Das Gedächtnis der Zukunft bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass die Kirche, das große Volk Gottes, auf Erden schon der Anfang und Keim des Reiches Gottes sein kann. Als Glaubende mitten in der Gesellschaft zu leben und vom Leben Gottes zu zeugen, das wir in der Taufe geschenkt bekommen haben. Damit wir schon jetzt dieses künftigen Lebens gedenken können, in dem wir vor dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist stehen werden. Diese Haltung hilft uns, die Versuchung der Utopie zu überwinden. Das Evangelium also nicht auf einen bloß soziologischen Horizont zu reduzieren. Und uns nicht vom Marketing der verschiedenen Wirtschafts- oder politischen Theorien einfangen zu lassen.“

Christen sollten „in der Welt“ wirken, aber „mit der Kraft und Kreativität des Lebens Gottes in uns“ – so fasste der Papst das Gesagte noch einmal zusammen. „So werden wir die Herzen und Blicke der Menschen für das Evangelium Jesu gewinnen und dazu beitragen, dass Projekte einer neuen, inklusiven Wirtschaft und einer zur Liebe fähigen Politik entstehen.“

(vatican news – sk)
 

26 November 2020, 22:06