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Vatican News

Die Katechese bei der Generalaudienz im Wortlaut

Vatican News dokumentiert an dieser Stelle die Katechese des Papstes bei der Generalaudienz in einer Arbeitsübersetzung. Wie üblich finden Sie die offizielle Fassung in Kürze auf der Vatikan-Website www.vatican.va.

Heute müssen wir die Art und Weise, wie diese Generalaudienz abläuft, wegen des Coronavirus ein wenig ändern. Sie sitzen voneinander getrennt, auch mit dem Schutz durch die Maske, und ich bin hier in einiger Entfernung. Und leider kann ich nicht das tun, was ich immer tue, nämlich mich Ihnen zu nähern, denn es passiert jedes Mal, wenn ich mich nähere, dass Sie alle zusammenlaufen und die Distanz zueinander verlieren - und da besteht für Sie die Gefahr der Ansteckung. Es tut mir leid, so zu handeln, aber es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit. Anstatt in Ihre Nähe zu gehen, Hände zu schütteln und Sie zu grüßen, grüßen wir uns aus der Ferne; Sie wissen aber, dass ich Ihnen mit meinem Herzen nahe bin. Ich hoffe, Sie verstehen, warum ich das tue. 

Während der Lesungen der Bibelstelle zog ein kleines Kind meine Aufmerksamkeit auf sich, das weinte, und ich sah, wie die Mutter das Baby kuschelte und stillte, und ich sagte zu mir: So macht es Gott mit uns, wie diese Mutter. Mit welch großer Zärtlichkeit sie versuchte, das Baby leicht zu wiegen, es zu stillen. Das sind wunderschöne Bilder. Und wenn dies in der Kirche geschieht, wenn ein Baby weint, das zu spüren, dass es die Zärtlichkeit einer Mutter gibt, wie heute – danke für Ihr Zeugnis! - dass es die Zärtlichkeit einer Mutter gibt, die Symbol für Gottes Zärtlichkeit mit uns ist. Bringen Sie niemals ein weinendes Kind in der Kirche zum Schweigen, niemals, denn es ist die Stimme, die Gottes Zärtlichkeit anzieht. Ich danke Ihnen für Ihr Zeugnis.

Heute schließen wir die Katechese über das Psalmengebet ab. Zunächst einmal stellen wir fest, dass in den Psalmen oft eine negative Figur auftaucht, nämlich die des „Gottlosen“", d.h. desjenigen oder derjenigen, der oder die lebt, als ob es Gott nicht gäbe. Es ist der Mensch ohne jeglichen Bezug zum Transzendenten, ohne Bremse für seine Arroganz, der sich nicht vor einem Urteil darüber fürchtet, was er denkt und was er tut.

Aus diesem Grund stellt der Psalter das Gebet als die fundamentale Realität des Lebens dar. Der Bezug auf das Absolute und das Transzendente - was die Meister der Askese die „heilige Gottesfurcht“ nennen - ist das, was uns voll und ganz menschlich macht, es ist die Grenze, die uns vor uns selbst rettet und verhindert, dass wir uns räuberisch und gefräßig in dieses Leben werfen. Das Gebet ist die Rettung des Menschen.

Natürlich gibt es auch ein falsches Gebet, ein Gebet, das nur gemacht wird, um von anderen bewundert zu werden. Der- oder diejenigen, die nur zur Messe gehen, um zu zeigen, dass sie zur Messe gehen, dass sie Katholiken sind oder um das neueste Modell zu zeigen, das sie erworben haben... um sozial gut dazustehen. Sie gehen zu einem falschen Gebet. Jesus warnte in diesem Zusammenhang eindringlich (vgl. Mt 6,5-6; Lk 9,14). Aber wenn der wahre Geist des Gebets mit Aufrichtigkeit empfangen wird und in das Herz hinabsteigt, dann lässt er uns die Wirklichkeit mit den Augen Gottes betrachten.

Wenn wir beten, gewinnt alles an „Tiefe“. Das ist merkwürdig im Gebet, vielleicht fangen wir mit einer subtilen Sache an, aber im Gebet gewinnt diese Sache an Tiefe, sie gewinnt an Gewicht, als ob Gott sie in seine Hände nimmt und umwandelt. Der schlimmste Dienst, der Gott und auch den Menschen erwiesen werden kann, ist das unermüdliche, gewohnheitsmäßige Beten. Beten wie Papageien, blah, blah, blah, blah, blah... Nein. Man betet mit dem Herzen. Das Gebet ist das Zentrum des Lebens. Wenn gebetet wird, wird auch der Bruder, die Schwester, wichtig. In der Tat, sogar der Feind. Ein altes Sprichwort der ersten christlichen Mönche lautet: „Gesegnet ist der Mönch, der nach Gott alle Menschen als Gott betrachtet“ (Evagrio Pontico, Abhandlung über das Gebet, Nr. 123). Wer Gott anbetet, liebt seine Kinder. Wer Gott respektiert, respektiert die Menschen.

Aus diesem Grund ist das Gebet kein Beruhigungsmittel, um die Ängste des Lebens zu lindern; oder jedenfalls ist ein solches Gebet mit Sicherheit nicht christlich. Vielmehr macht das Gebet jeden von uns verantwortlich. Wir sehen dies deutlich im „Vater unser“, das Jesus seine Jünger lehrte.

Um diese Art des Betens zu lernen, ist der Psalter eine großartige Schule. Wir haben gesehen, dass die Psalmen nicht immer raffinierte und freundliche Worte verwenden und oft die Narben der Existenz tragen. Und doch wurden all diese Gebete zuerst im Tempel von Jerusalem und dann in den Synagogen gesprochen, selbst die intimsten und persönlichsten. So drückt sich der Katechismus der katholischen Kirche folgendermaßen aus: „Die vielfältigen Ausdrucksformen des Psalmengebetes nehmen zugleich in der gemeinsamen Liturgie des Tempels und im Herzen des einzelnen Menschen Gestalt an.“ (Nr. 2588). Und so schöpft das persönliche Gebet zunächst aus dem Gebet des Volkes Israel, und später vom Gebet des Kirchenvolkes, und und nährt sich davon. 

Sogar die Psalmen in der ersten Person Singular, die die Gedanken und den intimsten Probleme eines Individuums verraten, sind ein kollektives Erbe, bis zu dem Punkt, dass sie von allen und für alle gebetet werden. Das Gebet der Christen hat diesen „Atem“, diese spirituelle „Spannung“, die den Tempel und die Welt zusammenhält. Das Gebet kann im Halbschatten eines Kirchenschiffs beginnen, aber dann durch die Straßen der Stadt laufen. Und umgekehrt kann es bei den täglichen Beschäftigungen keimen und dann in der Liturgie seine Erfüllung finden. Die Türen der Kirchen sind keine Barrieren, sondern durchlässige „Membrane“, die zur Verfügung stehen, um den Schrei der ganzen Welt anzunehmen.

Im Gebet des Psalters ist die Welt immer gegenwärtig. Die Psalmen zum Beispiel geben der göttlichen Verheißung der Rettung der Schwächsten eine Stimme: „Wegen der Unterdrückung der Schwachen, wegen des Stöhnens der Armen stehe ich jetzt auf, spricht der Herr, ich bringe Rettung dem, gegen den man wütet.“ (12,6). Oder sie warnen vor der Gefahr weltlicher Reichtümer, weil sie sagen: „Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt“ (49,21). Oder aber sie öffnen den Horizont für Gottes Blick auf die Geschichte, und so heißt es in Psalm 33: „Der Herr vereitelte den Ratschluss der Nationen, er machte die Pläne der Völker zunichte. Der Ratschluss des Herrn bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter.“ (33,10-11).

Kurz gesagt: Wo Gott ist, da muss auch der Mensch sein. Die Heilige Schrift ist kategorisch: Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Er geht immer vor uns. Er wartet immer auf uns, denn er liebt uns zuerst, er schaut uns zuerst an, er versteht uns zuerst. Er wartet immer auf uns. „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“ (1 Joh 4,19-21). Wenn man viele Rosenkränze am Tag betet, dann aber über andere herzieht, und dann innerlich einen Groll hegt, einen Hass gegen andere, dann ist das reine Arglist, es ist nicht die Wahrheit, es ist nicht konsequent.  

Und dies ist das Gebot, das wir von ihm haben: „Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben“ (ebd). Die Schrift lässt den Fall einer Person zu, die Gott aufrichtig sucht, es aber nie schafft, ihm zu begegnen; aber sie sagt auch, dass man niemals die Tränen der Armen verleugnen kann, bei der Strafe, Gott nicht zu begegnen. Gott kann den „Atheismus“ derjenigen nicht ertragen, die das göttliche Bild leugnen, das in jedem Menschen eingeprägt ist. Dieser alltägliche Atheismus: Ich glaube an Gott, aber mit anderen auf Distanz, und ich erlaube mir, andere zu hassen. Dies ist praktischer Atheismus. Die menschliche Person nicht als Ebenbild Gottes anzuerkennen, ist ein Sakrileg, es ist ein Gräuel, es ist das schlimmste Vergehen, das man im Tempel und am Altar begehen kann.

Liebe Brüder und Schwestern, möge uns das Gebet der Psalmen helfen, nicht der Versuchung der „Unfrömmigkeit“ zu verfallen, d.h. zu leben und vielleicht sogar zu beten, als gäbe es Gott nicht, und als gäbe es die Armen nicht. Ich danke Ihnen.

(vatican news - cs)

21 Oktober 2020, 10:51