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Franziskus 2019 mit UNO-Generalsekretär Antonio Guterres Franziskus 2019 mit UNO-Generalsekretär Antonio Guterres  (ANSA)

„Nie wieder Krieg“: Päpste vor der UNO

Schon mehrfach haben Päpste vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York das Wort ergriffen. Den Anfang machte vor 55 Jahren Papst Paul VI. Ein Blick zurück.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

„Niemals mehr die einen gegen die anderen, niemals, niemals mehr!“ Das ruft der Montini-Papst am 4. Oktober 1965, dem Fest des hl. Franz von Assisi, auf französisch im New Yorker Glaspalast am Hudson River aus. Es ist die erste Reise eines Papstes in die USA und zur UNO; Paul sieht sich in der Nachfolge des Völkerapostels Paulus und als Bote des Zweiten Vatikanischen Konzils. Seine Rede vor dem Areopag unserer Zeit wird weltweit aufmerksam verfolgt.

„Hören Sie die klaren Worte eines großen Toten, John Kennedy, der vor vier Jahren verkündete: Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, sonst setzt der Krieg der Menschheit ein Ende.“ Unter den Zuhörern fängt die Kamera in diesem Moment auch Jackie Kennedy ein, die Witwe des zwei Jahre zuvor ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, des ersten Katholiken im US-Präsidentenamt übrigens.

Ein Kennedy-Zitat

„Es bedarf keiner weiteren Worte, um die hohe Zielsetzung Ihrer Institution zu verkünden. Es genügt, daran zu erinnern, dass das Blut von Millionen Menschen, dass die unerhörten und unzähligen Leiden, das unnütze Abschlachten und die schrecklichen Ruinen den Pakt, der Sie eint, rechtfertigen, in einem Eid, der die künftige Geschichte verändern muss.“

Und dann fallen die Sätze, die zu den meistzitierten aus einer Papstrede überhaupt gehören. „Nie wieder Krieg, niemals mehr Krieg! Es ist der Friede, der Friede, der die Geschicke der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss!“

Zum Nachhören

Der Traum von der Weltautorität

20 Jahre ist die UNO zu diesem Zeitpunkt alt; ihr dritter Generalsekretär ist der Burmese Maha Thray Sithu U Thant, 117 Staaten gehören den Vereinten Nationen an, Maos China ist nicht darunter. Die UNO machen gerade eine schwere Finanzkrise durch und ist wegen des Vietnamkriegs und der Frontlinien des Kalten Kriegs gespalten. In dieser Lage bedeutet der Besuch des Papstes eine wichtige Stärkung für die Weltorganisation.

„Ihre Berufung ist, nicht nur einige Völker zu verbrüdern, sondern alle Völker. Ein schwieriges Unterfangen, ganz sicher. Aber das ist Ihre Aufgabe, Ihre höchst edle Aufgabe. Wer sähe nicht die Notwendigkeit, so fortschreitend zu einer Weltautorität zu gelangen, geeignet, wirkungsvoll in den Bereichen des Rechts und der Politik tätig zu sein?“

Johannes Paul: „Die Hoffnungen der Völker nicht enttäuschen“

15 Jahre später: Johannes Paul II. vor der UNO. Karol Wojtyla ist erst im Jahr zuvor, 1978, zum Papst gewählt worden, es ist seine dritte Auslandsreise. Ein Papst aus Polen – das hat Sprengkraft mitten im Kalten Krieg. Als Johannes Paul auf Einladung des österreichischen Generalsekretärs Kurt Waldheim vor die Vollversammlung tritt, fehlt einzig der albanische Vertreter.

„An der Wurzel all unserer Bemühungen müssen die Würde und der Wert jeder menschlichen Person stehen“, sagt der Papst schon bei seiner Ankunft in New York. „Mögen die Hoffnungen der Völker auf Solidarität nie enttäuscht werden! Mögen sie durch die Errungenschaften der Vereinten Nationen erfahren, dass es nur eine einzige Welt gibt, die Heimat aller Menschen!“

Auschwitz und die UNO-Menschenrechts-Charta

Menschenwürde, Menschenrechte – das sind die großen Themen von Papst Wojtyla vor der UNO. Er erinnert daran, dass er unlängst während seiner Reise in die polnische Heimat auch im früheren KZ Auschwitz war, er spricht von seinen bitteren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und würdigt dann die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948.

„Dieses Dokument ist ein Meilenstein auf dem langen und schwierigen Weg der Menschheit. Wir dürfen ja den menschlichen Fortschritt nicht nur am Fortschritt der Wissenschaft und Technik messen, der gewiss die Ausnahmestellung des Menschen im Verhältnis zur Natur sichtbar macht, sondern gleichzeitig und mehr noch am Primat der geistigen Werte und am Fortschritt des moralischen Lebens…“

Der Papst aus dem Osten singt das Hohelied auf die Menschenrechts-Charta. Und er macht sich, wenn auch vorsichtig, zur Stimme der Völker hinter dem Eisernen Vorhang. „Ich hoffe, dass alle Nationen, auch die kleinsten sowie jene, die noch keine volle Souveränität besitzen oder denen sie gewaltsam genommen wurde, sich in voller Gleichheit zusammen mit den anderen in der Organisation der Vereinten Nationen einfinden können.“

  Installation eines polnischen Künstlers vor einem Warschauer Museum: Johannes Paul mit Weltkugel
Installation eines polnischen Künstlers vor einem Warschauer Museum: Johannes Paul mit Weltkugel

Der polnische Papst spricht vom Bosnienkrieg

1995, beim nächsten Auftritt Johannes Pauls vor der Völkergemeinschaft, sind manche seiner Hoffnungen aus dem Jahr 1979 wahr geworden. Die Berliner Mauer ist gefallen, die Blöcke aufgebrochen. Die Sowjetunion und Jugoslawien zerfallen, die USA finden sich zeitweise in der Rolle der einzigen Supermacht; Kriege zerreißen Afrika, den Nahen Osten, den Balkan, speziell Bosnien.

„John Paul two, we love you!“, rufen UNO-Angestellte, als der Pole den Glaspalast in New York betritt. An seiner Seite: Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, ein Ägypter. Dass der Papst die UNO ein zweites Mal besucht, soll sie in diesem heiklen Moment der Suche nach einer neuen Weltordnung stärken.

„Niemand – weder ein Staat noch eine andere Nation noch eine internationale Organisation – kann einer einzelnen Nation ihr Existenzrecht absprechen“, sagt Johannes Paul – um dann fortzufahren: „Man kennt die entsprechenden Situationen heute ganz genau. Mein Herz und mein Gebet gelten in diesem Moment ganz besonders den gemarterten Bevölkerungen von Bosnien-Herzegowina.“

Der chinesische Delegierte macht sich eine Notiz

Wie bei seinen Urbi-et-Orbi-Ansprachen formuliert der polyglotte Papst Friedenswünsche in mehreren Sprachen, darunter auf Chinesisch. Die Kamera zeigt dabei den chinesischen Delegierten, der sich eine Notiz macht. Der Vatikan und die Volksrepublik China unterhalten bis heute keine diplomatischen Beziehungen.

 Benedikt vor der UNO
Benedikt vor der UNO

Benedikt XVI. fordert Religionsfreiheit

April 2008: Der deutsche Papst Benedikt XVI. im Glaspalast. Mittlerweile gehören der UNO 192 Staaten an. Generalsekretär Ban ki-Moon, ein Koreaner, erklärt, auf welchen Feldern UNO und Heiliger Stuhl große Gemeinsamkeiten haben: „Kampf gegen Armut und Klimawandel, Dialog der Zivilisationen. Wir stehen so vielen Herausforderungen gegenüber, da brauchen wir Rückendeckung vom Papst.“

Die Delegierten klatschen lange Beifall, als Benedikt in den sechs offiziellen UNO-Sprachen „Frieden und Wohlstand, mit Gottes Hilfe“ wünscht. Der Papst, der während seines USA-Aufenthalts auch den Ground Zero in New York besucht, den Schauplatz der Terroranschläge des 11. September 2001, kommt vor der UNO-Vollversammlung auf das Thema Religionsfreiheit zu sprechen.

„Es sollte niemals erforderlich sein, Gott zu verleugnen, um in den Genuss der eigenen Rechte zu kommen. Die mit der Religion verbundenen Rechte sind umso schutzbedürftiger, wenn sie als im Gegensatz stehend zu einer säkularen Ideologie oder zu religiösen Mehrheitspositionen exklusiver Art angesehen werden.“

Franziskus spricht vom „Recht der Umwelt“

September 2015: Diesmal ist es der argentinische Papst Franziskus, der erste Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, der sich in New York an die UNO wendet. Der Autor der Schöpfungs-Enzyklika Laudato si‘ spricht mahnend von Umweltzerstörung und Klimawandel, aber auch von den sozialen Rechten der Menschen rund um den Planeten.

„Die Regierenden müssen alles tun, was möglich ist, damit alle die minimale materielle und geistige Grundlage haben, um menschenwürdig zu leben und eine Familie zu gründen und zu unterhalten; die Familie ist ja die Urzelle jeder sozialen Entwicklung. Dieses absolute Minimum hat auf materiellem Gebiet drei Namen – Wohnung, Arbeit und Land – und auf geistigem Gebiet einen: geistige Freiheit, welche die Religionsfreiheit, das Recht auf Bildung und alle anderen Bürgerrechte umfasst.“

„Krieg ist ein Angriff auf die Umwelt“

Franziskus nennt zwar auch die Stichworte früherer Papstreden vor die UNO. Aber er stellt sie in einen neuen Zusammenhang: Religionsfreiheit sieht er zusammen mit den sozialen Menschenrechten, Frieden zusammen mit Umweltschutz.

„Der Krieg ist die Negierung aller Rechte und ein dramatischer Angriff auf die Umwelt. Wenn man eine wirkliche ganzheitliche menschliche Entwicklung für alle anstrebt, muss man weiter unermüdlich der Aufgabe nachgehen, den Krieg zwischen den Nationen und den Völkern zu vermeiden.“

(vatican news)
 

25 September 2020, 12:54