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Papst Franziskus bei Generalaudienz: „Die Kunst des Friedens lernen“

Der Papst hat das Osterfest zu einigen handfesten politischen Forderungen genutzt. Bei seinem Urbi et Orbi vom Sonntag forderte er angesichts der Corona-Epidemie eine globale Waffenruhe und die Aufhebung internationaler Sanktionen sowie einen Schuldenerlass für arme Länder.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Das hat er bei seiner Generalaudienz an diesem Mittwoch, die live aus einem Raum des Apostolischen Palastes nach draußen gestreamt wurde, nicht weiter ausgeführt. Doch die konkreten politischen Forderungen Papst Bergoglios schwangen durchaus mit, als er in seiner Katechese über die siebte Seligpreisung räsonnierte: Selig, die Frieden stiften.

Friede, das sei ein oft missverstandener, „bisweilen auch verharmloster Begriff“, führte Franziskus aus. „Wir müssen zwischen zwei Vorstellungen von Frieden unterscheiden: Da ist zum einen die biblische Vorstellung, in der das schöne Wort Shalom erscheint, das Überfluss, Wohlstand, Wohlergehen ausdrückt. Wenn man sich im Hebräischen Schalom wünscht, dann wünscht man sich ein schönes, erfülltes, blühendes Leben, aber auch ein Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit, die sich im Messias, dem Fürsten des Friedens, erfüllen wird (vgl. Jes 9,6; Mk 5,4-5).“

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Die innere Unruhe, die der Herr in uns auslöst

Und dann gibt es da den „anderen, weiter verbreiteten Wortsinn“: Danach ist Frieden so etwas wie innere Ruhe, Harmonie, innere Ausgeglichenheit. „Diese Bedeutung des Wortes Frieden ist unvollständig und kann nicht verabsolutiert werden, denn im Leben kann Unruhe ein wichtiger Moment des Reifens sein. Oft ist es der Herr selbst, der Unruhe in uns auslöst, damit wir uns aufmachen und ihm entgegengehen.“

Mit einem banalen Ruhe-Frieden kann der Papst nichts anfangen. „Oft muss der Herr ein ‚Zeichen des Widerspruchs‘ sein (vgl. Lk 2,34-35), der unsere falschen Sicherheiten erschüttert, um uns zum Heil zu führen. Und in diesem Moment kommt es uns so vor, als hätten wir keinen Frieden - dabei ist es der Herr, der uns auf diese Straße führt, damit wir den Frieden finden, den er uns geben wird!“

Der Friede der einen ist der Krieg der anderen

Und dann kam der Punkt, an dem der Papst politischer wurde. Natürlich gebe es auch den Frieden, wie „die Welt“ ihn sich vorstelle. „Wie schafft die Welt Frieden? Wenn wir an kriegerische Auseinandersetzungen denken, enden Kriege normalerweise auf zwei Arten: entweder mit der Niederlage einer der beiden Seiten oder mit Friedensverträgen. Wir können nur hoffen und beten, dass wir immer diesen zweiten Weg einschlagen; wir müssen jedoch bedenken, dass die Geschichte aus einer unendlichen Serie von Friedensabkommen besteht, die durch darauffolgende Kriege oder durch eine Verwandlung oder räumliche Verlegung des ursprünglichen Krieges widerrufen wurden.“

Und das sei auch heute noch so. Franziskus kam auf seine wiederholt geäußerte These zurück, nach der der Dritte Weltkrieg in gewisser Hinsicht längst im Gang ist, aber verdeckt, nicht so offen. „Selbst in unserer Zeit wird ein Krieg ‚in Stücken‘ in mehreren Szenarien und auf unterschiedliche Weise ausgetragen. Wir müssen zumindest vermuten, dass im Rahmen einer Globalisierung, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen und finanziellen Interessen besteht, der Friede der einen dem Krieg der anderen entspricht. Dies ist nicht der Frieden Christi!“

Frieden kommt vom Kreuz

An dieser Stelle lassen sich gedanklich die Forderungen des Papstes nach Waffenstillstand, Schuldenerlass, Aufhebung von Sanktionen gegen Länder wie Iran oder Kuba einzeichnen.

„Wie gibt der Herr stattdessen seinen Frieden? Wir haben den heiligen Paulus sagen hören, dass der Friede Christi darin besteht, ‚die beiden Teile zu vereinigen‘ (vgl. Eph 2,14), die Feindschaft aufzuheben und sich zu versöhnen. Und der Weg, dieses Friedenswerk zu vollenden, ist sein Leib. Denn er versöhnt alle Dinge und schließt Frieden durch das Blut seines Kreuzes, wie der Apostel selbst an anderer Stelle sagt (vgl. Kol 1,20).“

Wer seien also die eigentlichen Friedensstifter, fragte Papst Franziskus.

Keine Versöhnung ohne Hingabe des eigenen Lebens

„Die siebte Seligpreisung ist die aktivste, explizit wirksamste; der verbale Ausdruck ist dem im ersten Vers der Bibel für die Schöpfung verwendeten ähnlich und deutet auf Initiative und Fleiß hin. Liebe ist ihrem Wesen nach immer kreativ und sucht Versöhnung um jeden Preis. Diejenigen werden als Kinder Gottes bezeichnet, die die Kunst des Friedens gelernt haben und sie praktizieren, die wissen, dass es keine Versöhnung ohne die Hingabe des eigenen Lebens gibt und dass man immer den Frieden suchen muss. Immer und auf jeden Fall! Vergessen wir das nicht. So muss man ihn suchen.“

Wahrer Friede und wahres, inneres Gleichgewicht rührten von Christus her, vom Kreuz, von der auf Golgota gestifteten „neuen Menschheit“. Verkörpert werde dieser Friede durch eine „unendliche Schar von erfinderischen und kreativen Heiligen, die sich immer neue Wege ausgedacht haben, zu lieben“.

Dieses Leben als Kinder Gottes sei das „wahre Glück“, schlußfolgerte der Papst. „Selig sind, die auf diesem Weg gehen!“

(vatican news)
 

15 April 2020, 11:23