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Papst Franziskus in Bari bei seiner Ansprache in der Basilka des heiligen Nikolaus Papst Franziskus in Bari bei seiner Ansprache in der Basilka des heiligen Nikolaus  (Vatican Media)

Papst in Bari: Aus Mittelmeer-Friedhof Ort der Hoffnung machen

Papst Franziskus hat sich im italienischen Bari für eine Willkommenskultur in Europa und gegen Nationalismus ausgesprochen. Das Mittelmeer müsse wieder zu einem Ort werden, der der ganzen Region Auftrieb verleihen könne, so Franziskus. Den religiösen Gemeinschaften sprach der Papst dabei eine wichtige Aufgabe zu.

Anne Preckel - Vatikanstadt

In seiner Ansprache vor Bischöfen und Patriarchen des Mittelmeerraumes in der Basilika des heiligen Nikolaus wandte sich Franziskus einmal mehr gegen Gleichgültigkeit und Ablehnung gegenüber Flüchtlingen und warb für eine Kultur der Begegnung im Mittelmeerraum.

Auf Zunahme der Flüchtlinge vorbereiten

Menschen, die vor Krieg und Not aus ihren Heimatländern flöhen und größter Unsicherheit ausgesetzt seien, brauchten Unterstützung und Schutz. Die Zunahme bewaffneter Konflikte und der fortschreitende Klimawandel trügen dazu bei, dass die Zahl der Flüchtlinge nach Europa noch zunehmen werde, erklärte der Papst. Staaten und religiöse Gemeinschaften müssten sich darauf vorbereiten.

Zum Abschluss der Mittelmeerkonferenz zu Fragen der Migration und des Friedens appellierte Franziskus an die politische Führung in Europa, gegen Fremdenfeindlichkeit und Radikalisierung anzugehen.

In den europäischen Gesellschaften seien heute Gleichgültigkeit oder Ablehnung gegenüber Flüchtlingen zu spüren, so der Papst. Länder schotteten sich in Reichtum und Eigenständigkeit ab, „ohne diejenigen wahrzunehmen, die mit Worten oder aus ihrer Armut heraus um Hilfe rufen“.  Migration werde dabei im politischen Diskurs instrumentalisiert, Flüchtlinge als „Invasion“ dargestellt und damit Angst verbreitet, kritisierte das Kirchenoberhaupt: „Die Worte einiger populistischer Redner machen mir Angst; sie erinnern an Reden aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts...“ Und er fuhr fort:

Schwäche der Politik

„Die Rhetorik des Zusammenstoßes der Kulturen dient nur dazu, Gewalt zu rechtfertigen und Hass zu nähren. Das Versagen oder jedenfalls die Schwäche der Politik sowie Spaltungen sind Ursachen von Radikalismen und Terrorismus.“

Auch die Weltgemeinschaft biete hier keine nachhaltigen Lösungen; sie sei bei „militärischen Interventionen“ stehengeblieben, statt „Institutionen zu schaffen, die gleiche Chancen und Räume schaffen, damit die Bürger Zugang zum Gemeinwohl bekommen“, formulierte der Papst weiter.

Die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in Europa sei „kein leichter Prozess“, räumte Franziskus ein: „Allerdings kann man ihm nicht begegnen, indem man Mauern hochzieht“, erteilte er dem Abschottungsdenken eine Absage. Damit würden Wege zu Reichtum und Entwicklung verschlossen, die wesentlich in der Begegnung mit dem Anderen lägen.

Franziskus ging in seiner Rede auch auf Ursachen der Migration und Spannungen im Mittelmeerraum ein. Die Region sei bedroht von „vielen Brutstätten der Instabilität und des Krieges“. Der Papst erwähnte hier die Konflikte im Nahen Osten, in Nordafrika, aber auch „zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen“ sowie zwischen Israelis und Palästinensern im Heiligen Land. Den Krieg brandmarkte er als „Wahnsinn“, an den man sich niemals gewöhnen dürfe:

Staaten fördern Krieg durch Waffenhandel

„Krieg ist völliger Wahnsinn; es ist wahnsinnig, Häuser, Brücken, Fabriken, Krankenhäuser zu zerstören, Menschen zu töten. Er ist ein Wahnsinn, vor dem wir uns nie ergeben dürfen: Niemals darf Krieg mit Normalität verwechselt oder als unausweichlicher Weg angesehen werden, um auf Unterschiedlichkeit und gegensätzliche Interessen zu reagieren.“

Der Papst nahm in diesem Kontext Staaten in die Pflicht, die vom Frieden sprechen, aber selbst Konflikte anheizten. Dies sei scheinheilig, kritisierte er: „Erst wird auf Konferenzen der Frieden beschworen, und dann kehrt man zurück, handelt weiter mit Waffen und führt Krieg - eine große Heuchelei."

Berufung des Mittelmeerraums

Der Mittelmeerraum habe in diesem Kontext eine „besondere Berufung“, betonte Franziskus. Gerade die Begegnung verschiedener Kulturen sei es gewesen, die das antike „Mare nostrum“ zur Wiege der europäischen Zivilisation und Geistesgeschichte gemacht habe. Die Bedeutung der Mittelmeerregion trete im Zeitalter der Globalisierung heute noch stärker hervor: Dieser „Kreuzungspunkt von Interessen und bedeutsamen Ereignissen in sozialer, politischer, religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht“ sei eine „strategisches Gebiet, dessen Gleichgewicht Auswirkungen auch in anderen Teilen der Welt“ habe, so der Papst.

Dieses Erbe – das Mittelmeerraum als Ort von Begegnung, Dialog und Integration – dürfe heute nicht aufs Spiel gesetzt werden. Der besondere Charakter der Region sei eine Stärke, die Nähe zum Mittelmeer „ein Potential“, betonte der Papst, der an dieser Stelle für eine Kultur der Aufnahme von Flüchtlingen in allen EU-Mitgliedsstaaten warb:

„Lassen wir nicht zu, dass aufgrund einer nationalistischen Gesinnung sich eine gegenteilige Überzeugung verbreitet, nach deren Logik Staaten privilegiert sind, die von diesem Meer aus weniger erreichbar und geografisch gesehen isolierter sind. Allein der Dialog erlaubt es, sich zu begegnen, Vorurteile und Stereotype zu überwinden, zu erzählen und sich selbst besser zu verstehen.“

Willkommenskultur auf allen Ebenen

Alle Menschen guten Willens sowie Politik und Institutionen seien hier gefragt, um eine Kultur der Aufnahme „auf allen Ebenen“ zu etablieren. Vor allem die junge Generation und Menschen, die zur öffentlichen Meinungsbildung beitrügen, hätten hier eine besondere Aufgabe.

An die Bischöfe und Patriarchen gewandt rief der Papst dazu auf, gemeinsam für den Schutz der Ärmsten, von Minderheiten und für Religionsfreiheit einzutreten. Die Glaubensgemeinschaften sollten als „unermüdliche Friedensstifter“ auftreten und sich für Gerechtigkeit einsetzen. Sie müssten hierbei auf Regierungen einwirken, damit Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer, vor Ausbeutung und religiöser Verfolgung bewahrt würden. 

„Die Verfolgung, der vor allem, doch nicht allein die Christen zum Opfer fallen, ist eine Wunde, die unser Herz verletzt und die uns nicht gleichgültig lassen kann. Zugleich dürfen wir nie akzeptieren, dass jemand auf der Suche nach Hoffnung im Meer ertrinkt und keine Hilfe erhält, dass Menschen, die aus der Ferne kommen, zum Opfer sexueller Ausbeutung werden, dass sie unterbezahlt oder durch organisierte Kriminalität vereinnahmt werden."

Der Papst rief eindringlich dazu auf, aus dem „Friedhof Mittelmeer" wiedr einen Ort der Hoffnung zu machen, der die gesamte Region „auferstehen" lassen könne. Hierfür seien die gebündelten Kräfte aller Gutwilligen notwendig.

Einsatz für Bedürftigste kann Religionen vereinen

Die Unterstützung der Armen und die Aufnahme von Migranten biete Gelegenheit für interreligiösen Dialog, fuhr Franziskus mit einem Verweis auf die jüngste christlich-muslimische Dialog-Initiative des Vatikans und der sunnitischen Al Azhar-Universität fort, nämlich das in Abu Dhabi unterzeichnete „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen“.

„Diejenigen, die sich gemeinsam die Hände schmutzig machen, indem sie Frieden aufbauen und eine Willkommenskultur praktizieren, werden sich nie mehr aufgrund von Glaubensgründen bekämpfen können, sondern werden die Wege respektvoller Auseinandersetzung, gegenseitiger Solidarität und der Suche nach Einheit weitergehen.“

Die Adria-Küstenstadt Bari würdigte der Papst als „Stadt der christlichen Einheit"; er erinnerte an das ökumenische Friedenstreffen vom Juli 2018 für Frieden im Nahen Osten, bei dem katholische und orthodoxe Kirchenvertreter zusammengekommen waren. Auch damals war Franziskus mit dabei. 

(vatican news – pr)

23 Februar 2020, 08:36