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Generalaudienz: Papst Franziskus und die Armut im Geiste

„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 5,3) So übersetzt die neue Einheitsübersetzung die erste der acht Seligpreisungen Jesu, die bei Matthäus der Bergpredigt vorangehen. Papst Franziskus hat an diesem Mittwoch die Armut mit „Freiheit des Herzens“ in Verbindung gebracht.

Stefan von Kempis - Vatikanstadt

Dabei ging Franziskus aber eher von der Übersetzung „Selig die Armen im Geiste“ aus, wie sie früher im Deutschen üblich war und in der italienischen Fassung heute noch gilt. Ein „überraschender Weg“ sei die Armut, sinnierte der Papst, und ein „seltsamer Gegenstand für eine Seligpreisung“.

„Was meint Matthäus mit dem Wort arm? Hätte er nur dieses Wort benutzt, dann wäre die Bedeutung eine rein wirtschaftliche – sie würde die Menschen meinen, die wenig oder kein Geld in der Tasche haben und auf Hilfe von anderen angewiesen sind. Aber das Matthäusevangelium spricht – anders als Lukas – von ‚Armen im Geiste‘. Der Geist jedoch ist aus biblischer Sicht der Hauch des Lebens, den Gott dem Adam eingehaucht hat – er ist unser Innerstes, unsere geistliche, innerste Dimension. Das, was uns zu Menschen macht, der tiefe Kern unseres Seins. Damit sind also die ‚Armen im Geiste‘ die, die sich im Innersten arm, ja als Bettler fühlen.“

„Jeder von uns ist verletzlich – innen drin“

Gerade sie nun preise Jesus selig. Er ziele damit auf die, die sich nicht darum bemühten, viel von sich herzumachen, und die nicht „obsessiv mit ihrem Ego“ beschäftigt seien.

Zum Nachhören

„Wenn ich es nicht akzeptiere, dass ich arm bin, dann hasse ich alles, was mich an meine Schwachheit erinnert. Denn diese Schwachheit ist es ja, die verhindert, dass ich ein wichtiger Mensch werde, ein Reicher an Geld und an Ansehen. Dabei weiß aber doch jeder vor sich selbst, dass er trotz all seiner Bemühungen immer radikal unfertig und verletzlich bleibt. Es gibt keinen Trick, um diese Verletzlichkeit zu verdecken. Jeder von uns ist verletzlich – innen drin.“

Der Stolze hat immer recht

Jeder ist damit auch auf Barmherzigkeit angewiesen – und weil „Barmherzigkeit“ eines der Schlüsselworte seines Pontifikats ist (2015 und 2016 hat Franziskus ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit durchgeführt), legte der Papst an dieser Stelle sein Typoskript beiseite und verfiel in freie Rede.

„Wie schlecht man doch lebt, wenn man seine eigenen Grenzen nicht kennen will! Schlecht lebt man dann. Man kann seine Grenze nicht verwischen, sie bleibt an ihrer Stelle. Stolze Menschen bitten nicht um Hilfe, das bringen sie nicht über sich, weil sie sich ja als selbstgenügsam darstellen. Doch wie viele von ihnen brauchen Hilfe! Und der Stolz hindert sie daran, um diese Hilfe zu bitten. Wie schwer ist es doch, einen Irrtum zuzugeben und um Vergebung zu bitten! … Das ist das Schwierigste: Um Entschuldigung bitten, um Vergebung bitten. Sowas tut der Stolze nicht – er kann es nicht tun: Er hat ja immer recht. Er ist kein Armer im Geiste…“

Traut euch, hilfsbedürftig zu sein

„Mühsam“ sei es und „beklemmend“, wenn man seine Schwächen und Mängel immer vor den anderen verbergen müsse, fuhr Franziskus fort. Jesus sage uns in den Seligpreisungen gewissermaßen: Traut euch, hilfsbedürftig zu sein. Sich in dieser Hinsicht als arm zu erleben, sei nämlich eine „Chance für die Gnade“. „Wir haben das Recht, arm im Geiste zu sein! Denn das ist der Weg des Himmelreiches.“

Um arm im Geiste zu werden, brauche man sich noch nicht einmal zu ändern, überlegte der Papst weiter. „Es ist keinerlei Verwandlung nötig – wir sind ja längst arm im Geiste! Wir brauchen alles… Wir sind Bettler. Das ist das Wesen des Menschen.“

Gänswein diesmal nicht dabei

An der Seite des Papstes saß bei dieser Generalaudienz übrigens nicht, wie üblich, Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses. Stattdessen assistierte dem Papst der sogenannte Regent der Präfektur, Leonardo Sapienza. 

(vatican news)

05 Februar 2020, 11:28