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Papst-Schreiben „Querida Amazonia“: Zusammenfassung

Papst Franziskus hat ein ausführliches Schreiben zum Thema Amazonien veröffentlicht. Darin fasst er die Ergebnisse der Bischofssynode vom vergangenen Oktober zusammen. Mit seiner sogenannten „Postsynodalen Exhortation“ ruft der Papst zu Umweltschutz, neuem missionarischem Schwung und mehr Verantwortung für Laien in kirchlichen Gemeinden auf.

Alessandro Gisotti - Vatikanstadt

„Das geliebte Amazonien steht vor der Welt mit all seiner Pracht, seiner Tragik und seinem Geheimnis (1)“: So steigt der Papst in seinen Text, der an diesem Mittwochmittag publik wurde, ein. Und er lässt sofort wissen, dass er nicht vorhabe, das Schlussdokument der Synode zu ersetzen; stattdessen will er es „offiziell vorstellen“ (3) und lädt dazu ein, „es ganz zu lesen“. Das ist ungewöhnlich für ein Papstschreiben.

Vier Träume oder „Visionen für Amazonien“ spricht der lateinamerikanische Papst dann an: Die Region, die neun Länder übergreift, solle für die Rechte der Ärmsten eintreten, den kulturellen Reichtum bewahren und die Schönheit seiner Natur schützen (7). Außerdem sollten die Christen in der Region eine Kirche „mit amazonischen Zügen“ aufbauen.

Die soziale Vision: Kirche an der Seite der Unterdrückten

Erstes Kapitel: Die „soziale Vision“ (8). Franziskus führt aus, dass „ein wirklich ökologischer Ansatz“ immer auch „ein sozialer Ansatz“ sei, und mahnt, Naturschutz dürfe sich nicht nur um die Umwelt kümmern, sondern müsse auch die Menschen in der Region berücksichtigen. Mit Verve prangert der Papst „Ungerechtigkeit und Verbrechen“ (9-14) an, namentlich Umweltzerstörung und rücksichtsloses Vorgehen gegen die Menschen am Amazonas aus „kolonisatorischen Interessen“. Dabei zitiert er nicht nur seine Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI., sondern – wie häufig in seinem Schreiben – auch lateinamerikanische Dichter und Schriftsteller.

„Die Armen zu Wort kommen lassen“

Angesichts der „Ungerechtigkeit und Grausamkeit“ ruft der Papst dazu auf, „sich zu empören und um Vergebung zu bitten“ (15-19). Er ermutigt zu „Netzen der Solidarität und Entwicklung“ und fordert von allen, auch von den Politikern, entsprechendes Engagement. Dann kommt er auf das Thema „Gemeinschaftssinn“ zu sprechen (20-22): Für die Völker des Amazonas würden „die menschlichen Beziehungen von der Natur um sie herum geprägt“, darum bedeute es für sie eine richtiggehende „Entwurzelung“, wenn sie zum Wegzug in die Städte gezwungen würden.

Im letzten Teil des ersten Kapitels denkt der Papst über „beschädigte Institutionen“ (23-25) und den sozialen Dialog (26-27) nach. Er prangert Korruption an, die den Staat und seine Einrichtungen vergifte, und setzt auf einen sozialen Dialog „zuallererst mit den Geringsten“. Die Stimme der Armen sollte nach seinem Dafürhalten „die wichtigste Stimme“ sein.

Die kulturelle Vision: Ein Polyeder am Amazonas

Zweites Kapitel: Die kulturelle Vision. Franziskus macht sofort klar, dass die Förderung Amazoniens nicht bedeute, „es kulturell zu kolonisieren“ (28). Er verwendet dabei ein Bild, das ihm sehr am Herzen liegt: „das Polyeder Amazoniens“ (29-32). Die „postmoderne Kolonialisierung“ müsse bekämpft, die „Wurzeln“ (33-35) müssten geschützt werden. Auf seine früheren Schreiben Laudato si‘ und Christus vivit gestützt verurteilt er „die konsumistische Sicht des Menschen“: Sie neige dazu, „die Kulturen gleichförmig zu machen“ – und das wirke sich vor allem auf junge Menschen negativ aus. Der Papst ermuntert sie, „sich um die Wurzeln zu kümmern“ und „ihre beeinträchtige Erinnerung zurückzuerlangen“.

Für eine interkulturelle Begegnung

Zu der von ihm favorisierten „interkulturellen Begegnung“ (36-38) bemerkt der Papst, auch scheinbar entwickelte Kulturen könnten durchaus von Völkern lernen, „die einen mit der Natur verbundenen Kulturschatz mit einem starken Gemeinschaftssinn entwickelt haben“. Vielfalt sei keine Einschränkung, sondern eine „Brücke“. Franziskus beteuert gleichzeitig, er wolle keinem „statischen Indigenismus“ das Wort reden.

Der letzte Teil des zweiten Kapitels kreist um „bedrohte Kulturen, gefährdete Völker“ (39-40). Bei jedem Projekt für Amazonien gelte es, „sich die Perspektive der Rechte der Völker und der Kulturen anzueignen“, denn wenn sich ihr Umfeld verschlechtere, könnten sie „schwer unversehrt bleiben“.

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Die ökologische Vision: Verbindung von Umwelt- und Menschenschutz

Drittes Kapitel: Die ökologische Vision. Hier knüpft der Papst am unmittelbarsten an seine Enzyklika Laudato si‘ an. DieEinleitung (41-42) betont zunächst, dass im Amazonasgebiet eine enge Beziehung zwischen Menschen und Natur besteht. Sich um seine Mitmenschen zu kümmern, so wie der Herr für uns sorge, sei „erste Ökologie, derer wir bedürfen“. Sorge um die Umwelt und Sorge um die Armen sind für ihn „untrennbar“. Franziskus wendet sich dann dem „Traum aus Wasser“ (43-46) zu: Er lässt Pablo Neruda und andere Dichter mit rühmenden Worten zur Kraft und Schönheit des Amazonas-Flusses zu Wort kommen. Mit ihren Gedichten, so schreibt Franziskus, „helfen sie uns, uns vom technokratischen und konsumistischen Paradigma zu befreien, das die Natur erstickt und uns einer wahrhaft würdigen Existenz beraubt“.

Den Schrei des Amazonas hören – für nachhaltige Entwicklung

Der Papst ruft eindringlich dazu auf, den „Schrei des Amazonas“ zu hören (47-52): Das Gleichgewicht des Planeten hänge wesentlich von der Gesundheit Amazoniens ab. Allerdings macht er starke Interessen nicht nur auf regionaler, sondern auch auf internationaler Ebene aus. Die Lösung könne nicht in einer Internationalisierung des Amazonasgebiets liegen, sondern nur in wachsender Verantwortlichkeit der nationalen Regierungen.

Nachhaltige Entwicklung verlange, so fährt der Papst fort, dass die Einwohner der Region stets über die sie betreffenden Projekte informiert würden. Und er hofft auf die Schaffung eines Rechtssystems mit „unüberwindlichen Grenzen" sowie auf die Schaffung eines „normativen Systems" mit „unantastbaren Grenzen".

Außerdem setzt sich Franziskus für eine „Prophetie der Kontemplation“ ein (53-57): Damit meint er ein genaueres Hören auf die einheimischen Völker. Dadurch lerne man, den Amazonasraum zu „lieben und nicht nur zu benutzen“ – man finde in ihm „einen theologischen Ort, einen Raum, wo Gott selbst sich zeigt und seine Kinder zusammenruft“. Der letzte Teil von Kapitel drei kreist dann um „Erziehung und ökologische Haltungen“ (58-60). Der Papst weist darauf hin, dass Ökologie keine technische Frage ist, sondern immer auch „einen erzieherischen Aspekt einbezieht“.

Die kirchliche Vision: Kirche mit amazonischem Antlitz

Das letzte Kapitel ist auch das substantiellste – hier geht es um die Vision des Papstes für die Kirche, die Seelsorge, die Priester und Gläubigen am Amazonas. Er wirbt dafür, durch eine „große missionarische Verkündigung“ (61) eine „Kirche mit einem amazonischen Gesicht“ zu schaffen. „Unverzichtbare Verkündigung in Amazonien“ (62-65): Mit dieser Zwischenüberschrift macht Franziskus klar, dass es aus seiner Sicht nicht reicht, nur eine „soziale Botschaft“ zu vermitteln. Diese Völker hätten „ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums“, sonst „würde jede kirchliche Struktur nur zu einer weiteren NGO werden“.

Für die Inkulturation des Evangeliums in Amazonien

Ausführlich beschäftigt sich Papst Franziskus mit dem Thema Inkulturation (66-69). Dabei definiert er sie, ausgehend vom Konzil, als einen Prozess, der im Licht des Evangeliums das Gute in den Kulturen des Amazonas zur Vollendung bringt. Beim Blick auf die „Wege der Inkulturation im Amazonasgebiet“ (70-74) schreibt er, die in den ursprünglichen Gemeinschaften vorhandenen Werte müssten bei der Evangelisierung berücksichtigt werden. Dabei geht er auch auf eine „soziale und geistliche Inkulturation“ (75-76) ein und weist darauf hin, dass Inkulturation angesichts der Armut so vieler Einwohner des Amazonasgebietes „notwendigerweise einen ausgesprochen sozialen Charakter“ haben müsse - und dass gleichzeitig die soziale mit der geistlichen Dimension verknüpft werden sollte.

Sakramente für alle – auch für die Armen

Das Papstschreiben kommt dann auf „Ansatzpunkte für eine Heiligkeit amazonischer Prägung“ (77-80) zu sprechen, wobei es nicht um „Kopien von Modellen anderer Orte“ gehe. Ausdrücklich schreibt Franziskus hier: „Es ist möglich, sich in irgendeiner Weise auf ein indigenes Symbol zu beziehen, ohne dass man es notwendigerweise als Götzendienst betrachten müsste.“ Ein „Mythos von spirituellem Sinngehalt“ könne „aufgegriffen“ werden und müsse „nicht immer als heidnischer Irrtum angesehen werden“. Dasselbe gilt nach dem Dafürhalten des Papstes auch für religiöse Feste, die allerdings einen Prozess der Reinigung und der Reifung nötig hätten.

Eine weitere wichtige Passage von „Querida Amazonia“ befasst sich mit der Inkulturation der Liturgie (81-84). Der Papst stellt fest, dass schon das Zweite Vatikanische Konzil zu Bemühungen um eine Inkulturation der Liturgie bei den indigenen Völkern aufgerufen hat. In einer Anmerkung erinnert Franziskus auch daran, dass auf der Synode der Vorschlag zur Ausarbeitung eines eigenen Amazonas-Ritus zur Sprache gekommen sei. Die Sakramente, so schreibt er, „müssen vor allem für die Armen zugänglich sein“, die Kirche dürfe nicht „zu einer Zollstation“ werden.

Bischöfe sollen Missionare nach Amazonien senden

Damit verbunden ist das Thema „Inkulturation der Dienste und Ämter“ (85-90), auf das die Kirche eine „mutige“ Antwort geben sollte. Für den Papst muss „eine größere Häufigkeit der Eucharistiefeier“ garantiert werden. In dieser Hinsicht, so bekräftigt er, sei es „wichtig, zu bestimmen, was dem Priester in besonderer Weise zukommt, was nicht delegierbar ist“. Die Antwort liege im heiligen Sakrament der Weihe – und dass nur der Priester der Eucharistie vorstehen kann. Wie ließe sich nun aber der priesterliche Dienst auch in entlegenen Gebieten sicherstellen? Franziskus ermahnt zur Antwort vor allem Bischöfe – und speziell aus Lateinamerika –, „großzügiger zu sein“ und Missionare an den Amazonas zu schicken. Dabei sollen die entsprechenden Priester bei der Ausbildung auch das notwendige geistige Rüstzeug für diese Region erhalten.

Eine stärkere Rolle von Laien in den Gemeinschaften

Nach den Sakramenten kommt „Querida Amazonia“ auf „Gemeinschaften voller Leben“ (91-98) zu sprechen, in denen die Laien „wichtige Verantwortung“ übernehmen sollten. Für den Papst geht es „nicht nur darum, eine größere Präsenz der geweihten Amtsträger zu ermöglichen“; ihm schiene das ein zu „begrenztes Ziel“, wenn es nicht einhergeht mit dem Bemühen, „neues Leben in den Gemeinden zu wecken“. Und dem dienen aus der Sicht des Papstes neue „Laiendienste“: Nur durch eine Aufwertung der Rolle von engagierten Laien – von einer „wirksamen zentralen Rolle“ spricht Franziskus – werde die Kirche imstande sein, auf die „Herausforderungen Amazoniens“ angemessen zu reagieren. Auch den wichtigen Beitrag von Ordensleuten, Basisgemeinschaften, des Verbands REPAM und von „Wandermissionaren“ erwähnt der Papst.

Neue Räume für Frauen, aber ohne Klerikalisierung

Einige Absätze widmet Franziskus eigens den Frauen: (99-103) Er erkennt an, dass viele Gemeinden im Amazonasgebiet nur dank der „Präsenz von starken und engagierten Frauen“ überlebt haben, mahnt allerdings einmal mehr, unser Verständnis von Kirche „nicht auf funktionale Strukturen“ zu reduzieren. Eine so verengte Optik sähe für Frauen nur dann eine wichtige Rolle, wenn sie Zugang zu Weiheämtern hätten. Doch Franziskus lehnt eine „Klerikalisierung der Frauen“ ab und fordert stattdessen mehr Wertschätzung für den spezifisch weiblichen Beitrag, „die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weiterzugeben“. Franziskus befürwortet die Schaffung neuer kirchlicher Dienste für Frauen, die von den Bischöfen öffentlich anerkannt werden müssen und die Teilhabe an der Entscheidungsgewalt in den Gemeinden mit sich bringen.

Die Armen am Amazonas verteidigen

Das ganze Papstschreiben ist ein Appell an die Kirche, ihre „Horizonte jenseits der Konflikte zu erweitern“ (104-105) und sich vom Amazonas herausfordern zu lassen, „begrenzte Perspektiven und pragmatische Lösungen, die bei Teilaspekten der großen Herausforderungen stehen bleiben, zu überwinden“.

Das vierte Kapitel endet mit einem Blick auf „ökumenisches und interreligiöses Zusammenleben“ (106-110). Der Papst lädt die Gläubigen aller Konfessionen dazu ein, ins Gespräch einzutreten und gemeinsam für das Gemeinwohl zu handeln. „Warum sollten wir nicht gemeinsam kämpfen, gemeinsam beten und Seite an Seite arbeiten, um die Armen Amazoniens zu verteidigen?“, fragt er.

Zum Abschluss: Ein Gebet zu Maria

Franziskus schließt „Querida Amazonia“ mit einem Gebet zur Mutter Amazoniens ab (111). „Mutter, sieh auf die Armen Amazoniens, denn ihre Heimat wird weiter zerstört für schäbige Interessen“, heißt es in diesem Gebet. „Rühre die Mächtigen in ihrem Empfinden an, denn, obgleich wir das Gefühl haben, es sei zu spät, rufst du uns zu retten, was noch am Leben ist.“

(vatican news – sk)
 

12 Februar 2020, 12:00