Cerca

Vatican News
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter 

Voller Wortlaut: Der Papst beim Angelus

Hier finden Sie die Ansprache, die Papst Franziskus an diesem Sonntag beim Angelusgebet in Rom gehalten hat, in vollem Wortlaut in einer Arbeitsübersetzung von P. Bernd Hagenkord und Stefan v. Kempis.

Der offizielle Wortlaut wird in Kürze vom Vatikan veröffentlicht.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute präsentiert das Evangelium das berühmte Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ (vgl. Lk 10,25-37). Auf die Frage eines Gesetzeslehrers nach dem, was notwendig ist, um das ewige Leben zu erben, lädt Jesus ihn ein, die Antwort in der Heiligen Schrift zu finden, und sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (V. 27). Aber es gab unterschiedliche Interpretationen, wer als „Nächster" zu verstehen sei. Tatsächlich fragt dieser Mann dann auch: „Und wer ist mein Nächster?“ (V. 29).

An dieser Stelle antwortet Jesus mit dem Gleichnis, dem wunderbaren Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“; und ich lade euch alle ein, das Evangelium heute vorzunehmen: Lukas 10, 25 – das ist eines der schönsten Gleichnisse des Evangeliums. Und dieses Gleichnis ist paradigmatisch für das christliche Leben. Es ist das Modell dafür geworden, wie ein Christ handeln sollte. Dank dem Evangelisten Lukas haben wir diesen Schatz…

 

“ Dieses Gleichnis ist paradigmatisch für das christliche Leben ”

Die Hauptfigur der Kurzgeschichte ist ein Samariter, der auf dem Weg einen Mann findet, der von Räubern ausgeraubt und geschlagen wurde, und der sich um diesen Mann kümmert. Wir wissen, dass die Juden die Samariter mit Verachtung behandelt haben und sie dem auserwählten Volk als fremd betrachten. Es ist daher kein Zufall, dass Jesus einen Samariter als positiven Charakter im Gleichnis gewählt hat. Auf diese Weise will er Vorurteile überwinden und zeigen, dass auch ein Ausländer, auch wenn dieser den wahren Gott nicht kennt und dessen Tempel nicht besucht, in der Lage ist, sich nach Gottes Willen zu verhalten, Mitgefühl mit seinem Bruder in Not zu haben und ihm mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen.

Vor dem Samariter waren bereits ein Priester und ein Levit diesen selben Weg gegangen, d.h. Menschen, die sich dem Gottesdienst gewidmet hatten. Als sie den armen Mann auf dem Boden sahen, waren sie jedoch weitergegangen, ohne anzuhalten, wahrscheinlich um sich nicht mit seinem Blut zu verunreinigen. Sie haben also eine menschliche Regel (sich nicht mit Blut zu verunreinigen) zum Gottesdienst dem großen Gebot Gottes vorgezogen, das vor allem anderen Barmherzigkeit will.

“ Denken wir an so viele Menschen, die wir kennen, die vielleicht agnostisch sind und Gutes tun ”

Jesus stellt also den Samariter als Modell hin – einen Mann, der keinen Glauben hatte! Denken auch wir an so viele Menschen, die wir kennen, die vielleicht agnostisch sind und Gutes tun. Jesus wählt einen Mann zum Modell, der kein Mann des Glaubens war. Und dieser Mann zeigt dadurch, dass er seinen Bruder wie sich selbst liebt, dass er Gott von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft liebt – den Gott, den er nicht kannte! – und gleichzeitig wahre Religiosität und volle Menschlichkeit ausdrückt.

Nachdem er dieses so schöne Gleichnis erzählt hatte, wandte sich Jesus wieder an den Gesetzeslehrer, der ihn gefragt hatte: „Wer ist mein Nächster?" und sagte zu ihm: „Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“ (v. 36). Auf diese Weise kehrt er die Frage seines Gesprächspartners und auch unser aller Logik um. Es macht uns verständlich, dass nicht wir es sind, die nach unseren Kriterien definieren, wer Nächster ist und wer nicht, sondern dass es der Bedürftige ist, der erkennen kann wer sein Nächster ist, nämlich „der barmherzig an ihm gehandelt hat". (v. 37).

Zur Barmherzigkeit fähig sein: Das ist der Schlüssel!

Zur Barmherzigkeit fähig sein: Das ist der Schlüssel! Das ist unser Schlüssel! Wenn du angesichts eines Bedürftigen keine Barmherzigkeit spürst, wenn dein Herz nicht angerührt wird, dann heißt das: Irgendetwas stimmt nicht. Pass auf – passen wir auf! Lassen wir uns nicht von einem egoistischen Mangel an Sensibilität hinreißen! Die Fähigkeit zur Barmherzigkeit ist zum Eckstein des Christen, ja der Lehre Jesu geworden. Jesus selbst ist die Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber. Wenn du auf der Straße einen Obdachlosen siehst, der da liegt, und einfach so vorbeigehst oder denkst: Ach, das wird am Wein liegen, der ist betrunken – dann frag dich nicht, ob dieser Mann betrunken ist. Frag dich, ob dein Herz nicht verhärtet ist, ob dein Herz nicht zu Eis geworden ist!

Das zeigt uns, dass die Barmherzigkeit gegenüber einem menschlichen Leben in einer Notlage das wahre Gesicht der Liebe ist. So wird man zu wahren Jüngern Jesu und das Antlitz des Vaters wird offenbart: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" (Lk 6,36). Und Gott, unser Vater, ist barmherzig, weil er Mitgefühl mit uns hat; er ist zu dieser Barmherzigkeit imstande. Imstande, sich unserem Schmerz zu nähern, unserer Sünde, unseren Lastern, unserem Elend.
Die Jungfrau Maria möge uns helfen, die untrennbare Verbindung zwischen der Liebe zu Gott, unserem Vater, und der konkreten und großzügigen Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern zu verstehen, und er gebe uns die Gnade, Barmherzigkeit zu haben und daran zu wachsen.

*

Liebe Brüder und Schwestern,

Ich möchte noch einmal meine Verbundenheit mit dem geliebten venezolanischen Volk zum Ausdruck bringen, das von der anhaltenden Krise besonders hart getroffen ist. Der Herr möge alle Beteiligten inspirieren und erleuchten, damit sie so schnell wie möglich eine Einigung erzielen können, die dem Leid der Menschen zum Wohle des Landes und der gesamten Region ein Ende setzt.

Ich begrüße euch alle, Römer und Pilger aus Italien und verschiedenen Teilen der Welt: Familien, Pfarrgruppen, Vereine.
Insbesondere begrüße ich die Jugendlichen der Diözese Pamplona y Tudela, die Kursteilnehmer für Ausbilder der vom „Regnum Christi" veranstaltet wird, die Schwestern der Heiligen Familie von Nazareth, die das Generalkapitel feiern, und die Jugendlichen der Konfirmation von Bolgare (Bergamo).

Ich grüße die polnischen Gläubigen, die an der jährlichen Pilgerfahrt von Radio Maria zum Heiligtum in Częstochowa teilnehmen, herzlich.

Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag und vergesst bitte nicht, für mich zu beten. Ein gutes Mittagessen und auf Wiedersehen!

(vatican news - sk)

 

14 Juli 2019, 12:34