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Dialog, Migranten und Klimaschutz: Papst Franziskus an das marokkanische Volk

Interreligiöser Dialog, Migranten und Klimaschutz: In seiner ersten Ansprache auf marokkanischem Boden schlug Papst Franziskus den ganz großen Bogen zu den Themen, die ihm bekanntermaßen besonders am Herzen liegen.
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Dicht gedrängt standen die Menschen auf dem Hauptplatz vor der großen Moschee in Rabat, um Papst Franziskus zu begegnen. Erst kurz zuvor war der Gast aus Rom auf dem Flughafen der Hauptstadt gelandet und nach einer formellen Begrüßung durch König Mohammad VI. zur zentralen Esplanade eskortiert worden, auf der er seine erste Ansprache an die Diplomaten, Vertreter der Zivilgesellschaft und das marokkanische Volk halten sollte.

Er sei dankbar für die Gelegenheit, Marokko zu besuchen, wandte sich der Papst bei regnerischem Wetter an seine Zuhörer. „Dankbarkeit, die sich in eine wichtige Gelegenheit verwandelt, den interreligiösen Dialog und die gegenseitige Kenntnis unter den Gläubigen unserer beiden Religionen zu fördern, während wir der historischen Begegnung zwischen dem heiligen Franz von Assisi und Sultan al-Malik al-Kamil vor achthundert Jahren gedenken. Dieses prophetische Ereignis zeigt, dass der Mut, einander zu begegnen und die Hände zu reichen, dort ein Weg des Friedens und der Harmonie für die Menschheit sind, wo Extremismus und Hass Spaltung und Zerstörung bewirken.“

„Es ist in der Tat unverzichtbar, dem Fanatismus und Fundamentalismus die Solidarität aller Glaubenden entgegenzusetzen“

Ein respektvoller Dialog sei der einzige Weg, um den aktuell um sich greifenden Tendenzen zu Unverständnis und Abschottung zu begegnen, fuhr der Papst eindringlich fort. „Es ist in der Tat unverzichtbar, dem Fanatismus und Fundamentalismus die Solidarität aller Glaubenden entgegenzusetzen. Hierbei haben wir als unschätzbare Bezugspunkte für unser Handeln die Werte, die uns gemeinsam sind. In dieser Hinsicht ist es mir eine Freude, in Kürze das Institut Mohammed VI. für Imame, Prediger und Predigerinnen besuchen zu dürfen, das nach dem Wunsch Eurer Majestät eine angemessene, gesunde Ausbildung gegen alle Formen von Extremismus anbieten soll. Denn diese führen oft zu Gewalt und Terrorismus und stellen in jedem Fall eine Beleidigung der Religion und Gottes selbst dar. Wir wissen, wie sehr eine angemessene Vorbereitung der künftigen religiösen Verantwortungsträger vonnöten ist, wenn wir den wahren religiösen Sinn in den Herzen der neuen Generationen wiederbeleben wollen“, nahm er Bezug auf seine im Anschluss geplante Begegnung mit islamischen Predigern und Predigerinnen in der Ausbildung. Das Königreich Marokko mit seinem Staatsoberhaupt Mohammed VI. ist bekannt dafür, für einen modernen und offenen Islam einzutreten. Eine der Initiativen, die der König dazu aus der Taufe gehoben hat, ist das nach ihm benannte Ausbildungszentrum für männliche und weibliche Imame.

„Von der einfachen Toleranz zur Achtung und Wertschätzung der anderen gelangen“

Die Rolle der Religionen beim Brückenbau zwischen den Menschen dürfe nicht unterschätzt werden, so der Papst vor seinem mehrheitlich muslimischen Publikum. Denn den unterschiedlichen Glaubensrichtungen gemein sei das Bewusstsein, dass Gott die Menschen „gleich an Rechten, Pflichten und Würde“ geschaffen habe. „Deshalb ist die Gewissens- und Religionsfreiheit – die sich nicht auf die Kultfreiheit allein beschränkt, sondern jedem erlauben muss, entsprechend der eigenen religiösen Überzeugung zu leben – untrennbar mit der menschlichen Würde verbunden. In diesem Geist ist es immer nötig, dass wir von der einfachen Toleranz zur Achtung und Wertschätzung der anderen gelangen.“

Keine Instrumentalisierung von Gott für Hass und Gewalt

Der Papst würdigte in diesem Zusammenhang die internationale Konferenz zu den Rechten von Minderheiten in der islamischen Welt, die im Jahr 2016 in Marrakesch stattgefunden hatte. Dort sei die Instrumentalisierung Gottes zur Verfolgung von Andersgläubigen klar verurteilt worden, ein wichtiger Schritt, der gemeinsam mit anderen Initiativen verhindere, dass Religionen dazu benutzt werden, „um Hass, Gewalt, Extremismus und blinden Fanatismus zu entfachen, und der Verwendung des Namens Gottes, um Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen, ein Ende bereiten werden.“

Dabei sei es unerlässlich, das „gemeinsame Haus“ in den Blick zu nehmen, fuhr Franziskus fort. „Daher hat die internationale Konferenz über den Klimawandel COP 22, die ebenfalls hier in Marokko stattgefunden hat, ein weiteres Mal bestätigt, dass viele Nationen sich der Notwendigkeit bewusst sind, den Planeten zu schützen, den Gott uns zugewiesen hat, und zu einer wahren ökologischen Umkehr für eine ganzheitliche menschliche Entwicklung beizutragen.“

Antworten auf Migrationskrise finden

Antworten auf die „Plagen“ die die Menschheit geißelten, könnten nur in einem „geduldigen und klugen, offenen und ehrlichen Dialog“ gefunden werden, zitierte der Papst aus seiner Umweltenzyklika Laudato si, bevor er sich einem weiteren drängenden Phänomen zuwandte:

„Desgleichen stellt die ernste Migrationskrise, der wir gegenüberstehen, einen dringenden Appell an alle dar, konkrete Mittel zu suchen, um die Gründe zu beseitigen, die viele Menschen zwingen, ihr Land, ihre Familie zu verlassen und sich oftmals in Situationen der Ausgrenzung und Ablehnung wiederzufinden“.

Im vergangenen Dezember hatte die Internationale Gemeinschaft in Marokko den Global Compact für eine sichere und geordnete Migration verabschiedet, erinnerte Franziskus. Es sei allerdings nun nötig, von hehren Absichten zu konkreten politischen Taten und vor allem zu einer gewandelten Einstellung zu den Migranten zu kommen, drängte der Papst: „Sie wissen, wie sehr mir das – oft schreckliche – Schicksal dieser Personen am Herzen liegt, die größtenteils ihre Länder nicht verlassen würden, wenn sie nicht dazu gezwungen wären.“

Ein Beispiel für die internationale Gemeinschaft

Marokko habe die internationale Konferenz zum Schicksal der Migranten mit großer Gastfreundschaft ausgerichtet und stelle mit seiner großzügigen Aufnahme und Integration von Migranten ein Beispiel für die internationale Gemeinschaft dar, würdigte Franziskus seine Gastgeber. „Es geht um ein Phänomen, das niemals durch den Bau von Barrieren gelöst werden wird, ebenso wenig durch die Verbreitung von Angst vor dem anderen oder die Verweigerung von Unterstützung für die, welche eine legitime Verbesserung ihrer Lage für sich und ihre Familien erhoffen. Wir wissen auch, dass die Festigung eines wahren Friedens über die Suche nach sozialer Gerechtigkeit geht; diese ist unerlässlich, um ökonomische Ungleichgewichte und politische Unordnung zu beheben, welche immer schon Hauptfaktoren von Spannungen und Bedrohungen für die gesamte Menschheit gewesen sind.“

Christen als Diener, Förderer und Verteidiger der Brüderlichkeit aller Menschen

Einen speziellen Gedanken reservierte der Papst der kleinen, aber vitalen Ortskirche des Landes. Diese sei dankbar für den Platz, der ihr in der marokkanischen Gemeinschaft eingeräumt werde, betonte Franziskus, der gleichzeitig auf den aktiven Beitrag der kirchlichen Einrichtungen zum Gemeinwohl hinwies, ohne Ansehen von Religion oder Herkunft. „Zusammen mit meinem Dank an Gott für den zurückgelegten Weg lassen Sie mich die Katholiken und die Christen ermutigen, hier in Marokko Diener, Förderer und Verteidiger der Geschwisterlichkeit aller Menschen zu sein“, schloss der Papst seine Ansprache.

Im Anschluss verweilte Franziskus kurz im Mausoleum von König Mohammed V., bevor der Papst im Königspalast mit dem amtierenden Herrscher Mohammed VI. zusammentraf. 

30 März 2019, 13:42