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Vatican News

Unser Dossier: Papst Franziskus und der Islam

Mit Franziskus‘ Reise nach Abu Dhabi setzt erstmals in der Geschichte ein Papst seinen Fuß auf die Arabische Halbinsel: ein historischer Moment. Hier finden Sie eine Zusammenstellung der wichtigsten Äußerungen von Papst Franziskus zum Thema Islam.

Das erste Statement

Man kann keine Brücken zwischen den Menschen bauen, wenn man Gott vergisst. Doch es gilt auch das Gegenteil: Man kann keine wahre Verbindung zu Gott haben, wenn man die anderen ignoriert. Darum ist es wichtig, den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen zu verstärken – ich denke besonders an den mit dem Islam…

(An Diplomaten, 22.3.13)

Aus der ersten Grußbotschaft eines Papstes zum islamischen Fastenmonat Ramadan

Wie Sie wissen, habe ich, als die Kardinäle mich zum Bischof von Rom und universalen Hirten der katholischen Kirche gewählt haben, den Namen »Franziskus« gewählt, den Namen eines hochberühmten Heiligen, der Gott und alle Menschen so sehr liebte, dass er den Beinamen »Bruder aller« erhielt. Er liebte die Bedürftigen, die Kranken und die Armen, er half und diente ihnen; auch die Bewahrung der Schöpfung lag ihm zutiefst am Herzen. (…)

Wenn wir uns nun der gegenseitigen Achtung bei interreligiösen Beziehungen, vor allem zwischen Christen und Muslimen, zuwenden, so sind wir dazu aufgerufen, die Religion des anderen, deren Lehren, Symbole und Werte zu respektieren. Religiösen Führungspersönlichkeiten und Kultstätten wird besondere Achtung geschuldet. Wie schmerzlich sind doch die Angriffe auf die einen oder anderen!

Es versteht sich, dass wir, wenn wir der Religion unserer Nachbarn Achtung erweisen oder ihnen unsere guten Wünsche aus Anlass eines religiösen Festes übermitteln, lediglich beabsichtigen, ihre Freude mit ihnen zu teilen, ohne dabei Anspielungen auf den Gehalt ihrer religiösen Überzeugungen zu machen.

Was nun die Erziehung muslimischer und christlicher Jugendlicher anbelangt, so müssen wir unsere Jugend dazu erziehen, respektvoll über die jeweils andere Religion und deren Anhänger zu denken und zu sprechen, und zu vermeiden, deren Überzeugungen und Gebräuche ins Lächerliche zu ziehen oder zu verunglimpfen. Wir alle wissen, dass die gegenseitige Achtung die Grundlage jeder menschlichen Beziehung ist, gerade auch unter Menschen, die einen religiösen Glauben bekennen. Auf diese Weise kann sich eine ehrliche und dauerhafte Freundschaft entwickeln. (…)

In diesem Sinne verleihe ich erneut meiner Hoffnung Ausdruck, dass alle Christen und Muslime insbesondere durch die Erziehung zu wahren Förderern der gegenseitigen Achtung und Freundschaft werden mögen.
Abschließend übermittle ich Ihnen meine mit dem Gebet verbundenen guten Wünsche, auf dass Ihr Leben den Allmächtigen verherrlichen und ein Anlass zur Freude für die Menschen sein möge, die Sie umgeben. Ihnen allen ein Frohes Fest!

(Botschaft, 10.7.13)

Programmatische Sätze zum interreligiösen Dialog und zum Islam

250. Eine Haltung der Offenheit in der Wahrheit und in der Liebe muss den interreligiösen Dialog mit den Angehörigen der nicht-christlichen Religionen kennzeichnen, trotz der verschiedenen Hindernisse und Schwierigkeiten, besonders der Fundamentalismen auf beiden Seiten. Dieser interreligiöse Dialog ist eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog ist zuallererst ein Dialog des Lebens bzw. bedeutet einfach, wie es die Bischöfe Indiens vorschlagen, » ihnen gegenüber offen zu sein und dabei ihre Freuden und Leiden zu teilen «. So lernen wir auch, die anderen in ihrem Anderssein, Andersdenken und in ihrer anderen Art, sich auszudrücken, anzunehmen. Von hier aus können wir gemeinsam die Verpflichtung übernehmen, der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen, was zu einem grundlegenden Maßstab eines jeden Austauschs werden muss. Ein Dialog, in dem es um den sozialen Frieden und die Gerechtigkeit geht, wird über das bloß Pragmatische hinaus von sich aus zu einem ethischen Einsatz, der neue soziale Bedingungen schafft. Das Mühen um ein bestimmtes Thema kann zu einem Prozess werden, in dem durch das Hören auf den anderen beide Seiten Reinigung und Bereicherung empfangen. Daher kann dieses Mühen auch die Liebe zur Wahrheit bedeuten.

251. Bei diesem Dialog, der stets freundlich und herzlich ist, darf niemals die wesentliche Bindung zwischen Dialog und Verkündigung vernachlässigt werden, die die Kirche dazu bringt, die Beziehungen zu den Nicht-Christen aufrecht zu erhalten und zu intensivieren. Ein versöhnlicher Synkretismus wäre im Grunde ein Totalitarismus derer, die sich anmaßen, Versöhnung zu bringen, indem sie von den Werten absehen, die sie übersteigen und deren Eigentümer sie nicht sind. Die wahre Offenheit schließt ein, mit einer klaren und frohen Identität in den eigenen tiefsten Überzeugungen fest zu stehen, aber » offen [zu] sein, um die des anderen zu verstehen «, » im Wissen darum, dass der Dialog jeden bereichern kann «. Eine diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden, nützt uns nicht, da dies eine Art und Weise wäre, den anderen zu täuschen und ihm das Gut vorzuenthalten, das man als Gabe empfangen hat, um es großzügig zu teilen. Die Evangelisierung und der interreligiöse Dialog sind weit davon entfernt, einander entgegengesetzt zu sein, vielmehr unterstützen und nähren sie einander.

252. In dieser Zeit gewinnt die Beziehung zu den Angehörigen des Islam große Bedeutung, die heute in vielen Ländern christlicher Tradition besonders gegenwärtig sind und dort ihren Kult frei ausüben und in die Gesellschaft integriert leben können. Nie darf vergessen werden, dass sie » sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird «. Die heiligen Schriften des Islam bewahren Teile der christlichen Lehre; Jesus Christus und Maria sind Gegenstand tiefer Verehrung, und es ist bewundernswert zu sehen, wie junge und alte Menschen, Frauen und Männer des Islams fähig sind, täglich dem Gebet Zeit zu widmen und an ihren religiösen Riten treu teilzunehmen. Zugleich sind viele von ihnen tief davon überzeugt, dass das eigene Leben in seiner Gesamtheit von Gott kommt und für Gott ist. Ebenso sehen sie die Notwendigkeit, ihm mit ethischem Einsatz und mit Barmherzigkeit gegenüber den Ärmsten zu antworten.

253. Um den Dialog mit dem Islam zu führen, ist eine entsprechende Bildung der Gesprächspartner unerlässlich, nicht nur damit sie fest und froh in ihrer eigenen Identität verwurzelt sind, sondern auch um fähig zu sein, die Werte der anderen anzuerkennen, die Sorgen zu verstehen, die ihren Forderungen zugrunde liegen, und die gemeinsamen Überzeugungen ans Licht zu bringen. Wir Christen müssten die islamischen Einwanderer, die in unsere Länder kommen, mit Zuneigung und Achtung aufnehmen, so wie wir hoffen und bitten, in den Ländern islamischer Tradition aufgenommen und geachtet zu werden. Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können. Angesichts der Zwischenfälle eines gewalttätigen Fundamentalismus muss die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden, denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen.

(Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 24.11.13)

Auf die Frage, warum er in einer Moschee in Istanbul spontan gebetet hat

Als ich in die Moschee ging, konnte ich nicht auf einmal sagen: „So, und jetzt bin ich Tourist!“ Nein, es war alles religiös. Und ich habe diese Grandiosität gesehen! Der Mufti erklärte mir alles ganz genau, mit großer Sanftmut, und auch mit Hilfe des Korans, wo von Maria und Johannes dem Täufer die Rede ist. Er erklärte mir alles … Und in dem Moment verspürte ich das Bedürfnis zu beten. Und ich sagte: „Wollen wir ein wenig beten?“ – „Ja, ja“, stimmte er mir zu. Und da habe ich gebetet: für die Türkei, für den Frieden, für den Mufti… für alle… für mich, weil ich es brauche… Ich habe gebetet, ja wirklich… Und ich habe vor allem für den Frieden gebetet. Ich habe gesagt: „Herr, lass uns aufhören mit dem Krieg…“. Es war also ein Moment aufrichtigen Gebets.

(Fliegende Pressekonferenz, 30.11.14)

Zur Rolle von Christen in mehrheitlich islamischen Ländern

Der größte Teil von Euch lebt in einem Umfeld mit muslimischer Mehrheit. Ihr könnt Euren muslimischen Mitbürgern helfen, mit Unterscheidungsvermögen ein authentischeres Bild des Islam zu zeigen, wie viele von ihnen es möchten, die immer wieder sagen, dass der Islam eine Religion des Friedens ist, dass er sich mit der Achtung der Menschenrechte vereinbaren lässt und das Zusammenleben aller fördern kann. Das wird ihnen und der ganzen Gesellschaft von Nutzen sein. Die dramatische Situation, die unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, aber auch die Jesiden und die Anhänger anderer religiöser und ethnischer Gemeinschaften erleben, erfordert eine klare und mutige Stellungnahme aller religiösen Verantwortungsträger, um einstimmig und unzweideutig solche Verbrechen zu verurteilen und öffentlich die Praxis anzuklagen, sich zu deren Rechtfertigung auf die Religion zu berufen.

Meine Lieben, Ihr seid fast alle einheimische Bürger eurer Länder und habt somit die Pflicht und das Recht, vollgültig am Leben und am Wachstum eurer Nation teilzunehmen. In der Region seid Ihr berufen, Urheber von Frieden, Versöhnung und Entwicklung zu sein, den Dialog zu fördern, Brücken zu bauen gemäß dem Geist der Seligpreisungen (vgl. Mt 5,3-12), das Evangelium des Friedens zu verkünden und offen zu sein für die Zusammenarbeit mit allen nationalen und internationalen Entscheidungsträgern.

(Brief an Christen im Nahen Osten, 21.12.14)

Barmherzigkeit – eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Christen und Muslimen

Die Barmherzigkeit ist auch über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam. Sie verbindet uns mit dem Judentum und dem Islam, für die sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstellt. (…) Der Islam seinerseits zählt zu den Namen für den Schöpfer auch den Namen Allerbarmer und Allbarmherziger. Diese Anrufung ist oft auf den Lippen der gläubigen Muslime, die sich in der täglichen Schwachheit von der Barmherzigkeit begleitet und getragen wissen. Auch sie glauben, dass niemand der göttlichen Barmherzigkeit Grenzen setzen kann, denn ihre Tore stehen immer offen.

(Bulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, 11.4.15)

Über die Freundschaft mit Muslimen

Man kann miteinander reden; sie haben Werte. Viele Werte. Sie haben viele Werte, und diese Werte sind konstruktiv. Und ich habe auch die Erfahrung einer Freundschaft – und „Freundschaft“ ist ein starkes Wort – mit einem Moslem: einer Führungspersönlichkeit auf Weltebene… Wir können miteinander reden. Er hat seine Werte, ich habe die meinen. Er betet, ich bete. Viele Werte: das Gebet zum Beispiel, das Fasten… Religiöse Werte und auch andere. Man kann eine Religion nicht einfach streichen, weil es in einem bestimmten Moment der Geschichte einige – oder viele – Gruppen von Fundamentalisten gibt. Es ist wahr, Kriege zwischen Religionen hat es immer gegeben in der Geschichte, immer. Auch wir müssen um Vergebung bitten. Caterina de’ Medici war keine Heilige! Und der Dreißigjährige Krieg, die Bartholomäusnacht… Auch wir müssen um Vergebung bitten für die fundamentalistischen Extremismen aufgrund der Religionskriege… Aber sie [die Muslime] haben Werte, mit ihnen kann man sprechen.

(Fliegende Pressekonferenz, 30.11.15)

Zum islamistischen Terrorismus

Es gefällt mir nicht, von islamischer Gewalt zu sprechen, denn jeden Tag, wenn ich die Zeitungen durchblättere, sehe ich Gewalt, hier in Italien: Der eine bringt seine Verlobte um, ein anderer bringt die Schwiegermutter um… Und das sind gewalttätige getaufte Katholiken! Es sind gewalttätige Katholiken… Wenn ich von islamischer Gewalt spräche, müsste ich auch von katholischer Gewalt sprechen. Nicht alle Muslime sind gewalttätig; nicht alle Katholiken sind gewalttätig. Es ist wie ein Obstsalat, da ist alles drin, es gibt Gewalttäter in diesen Religionen. Eine Sache ist wahr: Ich glaube, dass es in fast allen Religionen immer eine kleine fundamentalistische Gruppierung gibt. Fundamentalistisch. Bei uns gibt es sie. Und auch wenn der Fundamentalismus so weit geht zu töten – man kann aber mit der Zunge töten, und das sagt der Apostel Jakobus und nicht ich, und auch mit dem Messer – glaube ich, dass es nicht richtig ist, den Islam mit Gewalt gleichzusetzen. Das ist nicht richtig, und es ist nicht wahr!

Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität, und ich weiß, was sie denken: Sie suchen den Frieden, die Begegnung. Der Nuntius eines afrikanischen Landes sagte mir, dass es in der Hauptstadt vor der Heiligen Pforte für das Jubiläum immer eine Menschenschlange gibt. Es ist immer voll! Einige gehen in die Beichtstühle, andere beten in den Kirchenbänken. Aber die meisten gehen ganz nach vorn, um am Altar der Gottesmutter zu beten: Es sind Muslime, die das Jubiläum feiern wollen. Es sind Brüder… Man kann gut zusammenleben. Es gibt jedoch kleine Gruppen von Fundamentalisten. Und ich frage mich auch, wie viele junge Menschen – wie viele junge Menschen! –, die wir Europäer ohne Ideale gelassen haben, die keine Arbeit haben, die sich den Drogen, dem Alkohol zuwenden, hingehen und sich den fundamentalistischen Gruppierungen anschließen. Ja, wir können sagen, dass der sogenannte »IS« ein islamischer Staat ist, der gewalttätig auftritt, denn wenn er uns seine Identität zeigt, dann zeigt er uns, wie er an der libyschen Küste Ägyptern den Hals durchschneidet oder Ähnliches. Aber das ist eine kleine fundamentalistische Gruppierung, die sich IS nennt. Man kann jedoch nicht sagen – ich glaube, das ist nicht wahr und nicht richtig –, dass der Islam terroristisch ist.

(Fliegende Pressekonferenz, 31.7.16)

Die Religionen und der Frieden: Grundsatzrede vor der wichtigsten Lehreinrichtung im sunnitischen Islam

Gerade im Bereich des Dialogs, vor allem des interreligiösen Dialogs, sind wir immer aufgerufen, gemeinsam zu gehen in der Überzeugung, dass die Zukunft aller auch von der Begegnung der Religionen und Kulturen abhängig ist. In diesem Sinn gibt uns die Arbeit des Gemischten Komitees für den Dialog zwischen dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Komitee von Al-Azhar für den Dialog ein konkretes und ermutigendes Beispiel. Drei grundlegende Ausrichtungen können, wenn sie gut miteinander verbunden werden, für den Dialog hilfreich sein: die Verpflichtung zur Wahrung der Identität, der Mut zur Andersheit und die Aufrichtigkeit der Absichten. Verpflichtung zur Wahrung der Identität, weil ein echter Dialog nicht auf der Basis von Zweideutigkeiten oder der Preisgabe des Guten geführt werden kann, um dem anderen zu gefallen; Mut zur Andersheit, weil derjenige, der sich – kulturell oder religiös – von mir unterscheidet, nicht als Feind angesehen und behandelt werden darf, sondern als Weggefährte aufgenommen werden soll in der echten Überzeugung, dass das Wohl eines jeden im Wohl aller besteht; die Aufrichtigkeit der Absichten, weil der Dialog als authentischer Ausdruck des Humanen nicht eine Strategie ist, um Hintergedanken zu verwirklichen, sondern ein Weg der Wahrheit, und diesen geduldig zu gehen lohnt sich, um Konkurrenz in Zusammenarbeit zu verwandeln.

Die Erziehung zur respektvollen Offenheit und zum aufrichtigen Dialog mit dem anderen in Anerkennung seiner Rechte und grundlegenden Freiheiten, vor allem der Religionsfreiheit, stellt den besten Weg dar, um gemeinsam die Zukunft aufzubauen und um Förderer von Kultur zu sein. Denn die einzige Alternative zur Kultur der Begegnung ist die Unkultur des Streits. Da gibt es keine andere. Und um der Barbarei derer, die Hass schüren und zur Gewalt aufhetzen, wirklich entgegenzutreten, ist es erforderlich, Generationen zu begleiten und heranreifen zu lassen, die auf die brandstiftende Logik des Bösen mit dem geduldigen Wachstum des Guten antworten: junge Menschen, die wie gut gepflanzte Bäume im Boden der Geschichte verwurzelt sind und nebeneinander in die Höhe wachsen und so jeden Tag die von Hass verpestete Luft in den Sauerstoff der Brüderlichkeit umwandeln.

In dieser sehr dringenden und spannenden Herausforderung der Kultur sind wir – Christen wie Muslime und alle gläubigen Menschen – gerufen, unseren Beitrag zu leisten: Wir »leben unter der Sonne des einen barmherzigen Gottes. […] So können wir uns gegenseitig […] Brüder und Schwestern […] nennen. […] Denn ohne Gott wäre das Leben des Menschen wie der Himmel ohne die Sonne«. Es möge die Sonne einer neuen Brüderlichkeit im Namen Gottes aufgehen, und von dieser sonnenbeschienenen Erde steige die Morgenröte einer Kultur des Friedens und der Begegnung auf. Dafür möge der heilige Franz von Assisi Fürsprache einlegen, der vor acht Jahrhunderten nach Ägypten kam und Sultan Malik al Kamil begegnete. (…)

Als religiöse Verantwortungsträger sind wir gerufen, die Gewalt zu entlarven, die sich hinter einem vermeintlichen sakralen Charakter verbirgt, während sie die Egoismen verabsolutiert anstatt die authentisch Öffnung auf das Absolute hin zu fördern. Wir sind gehalten, die Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte zu brandmarken und die Versuche aufzudecken, jegliche Form von Hass im Namen der Religion zu rechtfertigen, und sie als götzendienerische Verfälschung Gottes zu verurteilen: Sein Name ist heilig, er ist Gott des Friedens, Gott salam. Deshalb ist nur der Frieden heilig und kann im Namen Gottes keine Gewalt verübt werden, weil sie seinen Namen verunehren würde.

Gemeinsam wiederholen wir von hier aus, diesem Land der Begegnung zwischen Himmel und Erde, diesem Land von Bündnissen zwischen Völkern und zwischen Gläubigen, ein deutliches und eindeutiges „Nein“ zu jeglicher Form von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder im Namen Gottes begangen werden. Gemeinsam bekräftigen wir die Unvereinbarkeit von Gewalt und Glaube, von Glauben und Hassen. Gemeinsam erklären wir die Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens gegen jegliche Form von physischer, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Gewalt. Der Glaube, der nicht aus einem aufrechten Herzen und einer echten Liebe zum Barmherzigen Gott hervorgeht, ist eine Form konventioneller oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die den Menschen nicht befreit, sondern ihn erdrückt. Sagen wir gemeinsam: Je mehr man im Glauben an Gott wächst, desto mehr wächst man in der Nächstenliebe.

Aber die Religion ist gewiss nicht nur gerufen, das Böse zu entlarven; sie trägt in sich die Berufung, den Frieden zu fördern, heute wahrscheinlich mehr denn je. Ohne versöhnlichen Synkretismen nachzugeben, ist es unsere Aufgabe, füreinander zu beten und dabei Gott um das Geschenk des Friedens zu bitten, einander zu begegnen, Dialog zu führen und die Eintracht im Geiste der Zusammenarbeit und der Freundschaft zu fördern. Wir als Christen – und ich bin Christ – »können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. Brüder von allen. Darüber hinaus erkennen wir an, dass inmitten eines ständigen Kampfes gegen das Böse, das die Welt damit bedroht, nicht mehr »der Raum der wahren Brüderlichkeit« zu sein, Gott denen, »die der göttlichen Liebe glauben, […] die Sicherheit [gibt], dass allen Menschen der Weg der Liebe offensteht und dass der Versuch, eine allumfassende Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist«. Im Gegenteil, er ist wesentlich: Denn es dient zu kaum etwas oder zu nichts, die Stimme zu erheben und eilig wieder aufzurüsten, um sich zu schützen: Heute brauchen wir Erbauer des Friedens, nicht Erbauer von Waffen, heute sind Ingenieure des Friedens nötig, nicht Aufwiegler von Konflikten; Feuerwehrleute und nicht Brandstifter; Prediger von Versöhnung und nicht Aufrufer zur Zerstörung.

Mit Befremden sehen wir die Tatsache, dass man sich einerseits im Namen von rücksichtslosen Zielsetzungen von der Realität der Völker entfernt. Andererseits treten als Reaktion darauf Arten eines demagogischen Populismus auf, die gewiss nicht hilfreich sind, den Frieden und die Stabilität zu festigen: gewaltsame Aufhetzung wird den Frieden nicht gewährleisten, und jede einseitige Handlung, die nicht konstruktive und von allen mitgetragene Entwicklungen einleitet, ist in Wahrheit ein Geschenk an die Befürworter von Radikalismen und Gewalt.

Um Konflikten vorzubeugen und Frieden aufzubauen, ist es wesentlich, sich für die Beseitigung der Situationen der Armut und der Ausbeutung einzusetzen – hier nämlich fassen Extremisten einfacher Fuß – und die Geldflüsse und Waffenlieferungen an diejenigen, die zur Gewalt anstiften, zu stoppen. Um noch tiefer an der Wurzel anzusetzen, ist es notwendig, die Verbreitung von Waffen zum Stillstand zu bringen. Wenn sie einmal hergestellt und im Umlauf sind, werden sie früher oder später auch Verwendung finden. Nur wenn wir die trüben Manöver, die das Krebsgeschwür des Kriegs nähren, transparent machen, kann man deren wahren Gründen vorbeugen. Zu dieser dringenden und schweren Aufgabe sind die Verantwortlichen der Nationen, der Institutionen und der Medien verpflichtet wie auch wir als Verantwortliche für Kultur. Wir sind nämlich von Gott, der Geschichte und der Zukunft zusammengerufen, Friedensprozesse einzuleiten – jeder in seinem Bereich.

(Auf einer Konferenz der Al-Azhar-Universität in Kairo/Ägypten, 28.4.17)

Auswahl: Stefan von Kempis, Radio Vatikan
 

31 Januar 2019, 08:31