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Die Ansprache des Papstes bei der Ratzinger-Preisverleihung

Wir dokumentieren hier mit einer Arbeitsübersetzung die Ansprache von Papst Franziskus, die er an diesem Samstagmittag im Vatikan hielt anlässlich der Preisverleihung an die deutsche Theologie-Professorin Marianne Schlosser und dem Schweizer Architekten Mario Botta, die den Preis der Joseph Ratzinger-Benedikt XVI.-Stiftung erhalten haben.

Liebe Brüder und Schwestern,

Ich freue mich, auch dieses Jahr wieder an der Verleihung der Preise an die herausragenden Persönlichkeiten teilnehmen zu können, die mir auf Vorschlag des Wissenschaftskomitees der vatikanischen Stiftung „Joseph Ratzinger - Benedikt XVI.“ vorgestellt wurden. Ich grüße die beiden Gewinner – die Theologin Marianne Schlosser und den Architekten Mario Botta –, sowie alle hier anwesenden Mitglieder und Freunde der Stiftung. Mein Dank geht an Kardinal Angelo Amato und Pater Federico Lombardi, die uns die Bedeutung dieser Veranstaltung nahe gebracht und uns die Gewinner vorgestellt haben.

Dies ist eine schöne Gelegenheit, In Ihrer aller Namen einen herzlichen und dankbaren Gruß an den emeritierten Papst Benedikt XVI. zu richten. Als Bewunderer seines kulturellen und geistlichen Erbes haben Sie die Sendung erhalten, dieses Erbe zu bewahren und weiter Frucht tragen zu lassen. Ich lade Sie ein, dies in jenem zutiefst kirchlichen Geist zu tun, der Joseph Ratzinger schon seit seiner Jugendzeit auszeichnete, als sein fruchtbares theologisches Schaffen beim Zweiten Vatikanischen Konzil zum Tragen kam, und er dann später im Verlauf seines langjährigen Wirkens als Professor, Erzbischof, Präfekt und schließlich Oberster Hirte der Weltkirche immer verantwortungsvolle Ämter bekleidete. Er stellt sich den Problemen unserer Zeit in einem Geist des mutigen Bewusstseins, stets wissend, wie er aus dem Hören der Schrift in der lebendigen Tradition der Kirche die Weisheit schöpfen kann, die für einen konstruktiven Dialog mit der Kultur von heute unabdingbar ist. In diesem Sinne ermutige ich Sie, seine Schriften weiter zu studieren. Gleichzeitig möchte ich Ihnen aber auch ans Herz legen, die neuen Themen zu vertiefen, die Sie angesprochen habe und die ich für sehr aktuell halte. Themen, die den Glauben zum Dialog auffordern: die Sorge um die Schöpfung als unserem gemeinsamen Haus und die Verteidigung der Menschenwürde.

 

„Es ist notwendig, dass dieser Beitrag der zunehmend weiblichen Präsenz in Verantwortungspositionen der Kirche – besonders, aber nicht nur im kulturellen Bereich – gefördert und ausgebaut wird.“

 

Heute aber möchte ich vor allem meine besondere Wertschätzung der beiden Persönlichkeiten zum Ausdruck bringen, die heute ausgezeichnet werden. Ich freue mich sehr, dass der Preis für theologische Forschung und Lehre an eine Frau geht: die deutsche Theologin Marianne Schlosser. Es ist nicht das erste Mal, dass der Preis an eine Frau vergeben wird – er ging bereits an Frau Professor Anne-Marie Pelletier. Wichtig ist aber, dass der Beitrag von Frauen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen theologischen Forschung und des Theologieunterrichts, die lange Zeit als fast ausschließlich dem Klerus vorbehaltene Bereiche galten, immer mehr anerkannt wird. Es ist notwendig, dass dieser Beitrag der zunehmend weiblichen Präsenz in Verantwortungspositionen der Kirche – besonders, aber nicht nur im kulturellen Bereich – gefördert und ausgebaut wird. Seit Paul VI. Teresa von Avila und Katharina von Siena zu Kirchenlehrerinnen ernannte, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Frauen die höchsten Stufen der Glaubensweisheit erreichen können. Das haben auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. bestätigt und Frauen wie die hl. Therese von Lisieux und Hildegard von Bingen in die Reihe der Kirchenlehrer aufgenommen.

Neben der Theologie werden die Ratzinger-Preise seit letztem Jahr auch in der Kategorie „christlich inspirierte Kunst“ vergeben: Ich gratuliere dem Architekten Mario Botta. In der Geschichte der Kirche waren sakrale Bauten überall dort, wo sich die christliche Verkündigung auf der Welt verbreiten konnte, ein konkreter Verweis auf Gott und die Dimensionen des Geistes. Sie waren Ausdruck des Glaubens der Christengemeinde, haben diese aufgenommen und dazu beigetragen, dem Gebet der Gläubigen Form und Inspiration zu geben. Die Arbeit des Architekten, der in der Stadt der Menschen einen sakralen Raum schafft, ist daher von höchstem Wert und muss von der Kirche anerkannt und gefördert werden. Und dies gilt ganz besonders dann, wenn man Gefahr läuft, die geistliche Dimension zu vergessen und die städtischen Räume zu entmenschlichen.

 

„Hoffen heißt fliegen, sagt der hl. Bonaventura.“

 

Vor dem Hintergrund und im Kontext der großen Probleme unserer Zeit müssen Theologie und Kunst daher weiterhin von der Kraft des Geistes – Quelle der Stärke, Freude und Hoffnung –, belebt und „erhoben“ werden. Lassen Sie mich daher mit den Worte schließen, mit denen uns unser emeritierter Papst Benedikt an die Erhebung des Geistes eines großen Theologen und Heiligen erinnert und zur Hoffnung eingeladen hat. Gemeint ist ein Heiliger, der ihm besonders am Herzen liegt und der auch unserer Preisträgerin, Frau Professor Schlosser, gut vertraut ist. Beim Pastoralbesuch in Bagnoregio, der Heimat des hl. Bonaventura, hat Benedikt XVI. gesagt: „Ein schönes Bild der Hoffnung finden wir in einer seiner Adventspredigten, wo er die Bewegung der Hoffnung mit dem Flug eines Vogels vergleicht, der die Flügel so weit wie möglich spreizt und seine ganze Kraft aufwendet, um sie zu bewegen. Er macht gewissermaßen sich selbst zur Bewegung, um aufzusteigen und zu fliegen. Hoffen heißt fliegen, sagt der hl. Bonaventura. Aber die Hoffnung verlangt, dass alle unsere Glieder zur Bewegung werden und nach der wahren Höhe unseres Seins streben, nach Gottes Verheißungen. Wer hofft – so sagt er – ‚muss das Haupt erheben, indem er seine Gedanken nach oben richtet, zur Höhe unserer Existenz, zu Gott‘ (Sermo XVI, Dominica I Adv., Opera omnia, IX,40a)“ (Ansprache in Bagnoregio, 6. September 2009).

Ich danke den Theologen und Architekten, die uns helfen, unser Haupt zu erheben und unsere Gedanken auf Gott zu richten. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre edle Arbeit: möge sie immer auf dieses Ziel ausgerichtet sein!

(vatican news – mg/skr)

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17. November 2018, 15:50