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Der Papst bei der Audienz für italienische Polizisten - und Polizistinnen Der Papst bei der Audienz für italienische Polizisten - und Polizistinnen  (Vatican Media)

„Das Wohl einer Gesellschaft ergibt sich nicht aus dem Wohlstand der Mehrheit“

Dieser Termin hätte wohl auch dem emeritierten Papst gefallen: eine Audienz für mehrere tausend italienische Polizisten. Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger ist schließlich selbst Sohn eines Polizisten; sein Vater Joseph war Gendarm in bayerischen Kleinstädten der zwanziger und dreißiger Jahre.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Doch natürlich war es der amtierende Papst Franziskus, der die Audienz an diesem Samstag durchführte. Franziskus besucht bei seinen Reisen innerhalb Italiens häufig Gefängnisse und sagt dabei, er frage sich immer, wenn er Häftlingen gegenüberstehe: „Warum die und nicht ich?“

Anlass des Polizeiaufgebots im Vatikan war der fünfzigste Jahrestag des Nationalen Verbands der „Polizia di Stato“. In seiner Ansprache schlug Franziskus einen ernsten Ton an – er warnte vor einem Auseinanderfallen von Gesellschaften, wenn es in ihnen nicht mehr um das Gemeinwohl geht, sondern um „Privatinteressen, die voneinander entkoppelt sind“.

Ungerechtigkeit trifft vor allem die Ärmsten

„Das Wohl einer Gesellschaft ergibt sich nicht aus dem Wohlstand der Mehrheit oder aus dem Respekt vor den Rechten von fast allen. Es ergibt sich vielmehr aus dem Wohl der Gemeinschaft, die aus allen Menschen zusammen gebildet ist – so dass, wenn ein Glied leidet, alle anderen mitleiden“ (vgl. 1 Kor 12,26).“

Der Papst sprach klar aus, warum eine gut funktionierende Polizei und Justiz für eine Gesellschaft wichtig ist: „Wenn es an Legalität und an Sicherheit fehlt, dann zahlen die Schwächsten als erste die Rechnung dafür, weil sie weniger Mittel haben, um sich zu verteidigen. Jede Ungerechtigkeit trifft vor allem die Ärmsten, die, die sich in einer Gesellschaft als die Letzten fühlen.“

Aufruf zum Einsatz für Flüchtlinge, Migranten, Arbeitslose

Die Worte wirkten deutlich auf Italien gemünzt, das große Probleme mit organisiertem Verbrechen und Korruption hat. Franziskus führte aus, wer in einer Gesellschaft wie Italien an letzter Stelle steht und darum besonderen Schutz braucht – und dabei fing er, einer gewissen fremdenfeindlichen Rhetorik zum Trotz, die derzeit in Italien umgeht, mit Migranten an.

„Die Letzten in unserer Welt sind die, die ihr Land wegen Krieg und Elend verlassen und in einem ganz neuen Kontext von null an neu anfangen müssen. Die Letzten sind die, die ihr Haus und ihre Arbeit verloren haben und ihre Familie nur schwer ernähren können. Die Letzten sind die an den Rand Gedrängten und Kranken, die Opfer von Ungerechtigkeit und Nötigung. Für alle diese Menschen arbeitet ihr vor allem, wenn ihr versucht, Verbrechen und Betrug zu verhindern.“

Eine neue Würde für die Ausgeschlossenen

Wenn sich Menschen in einer Gesellschaft für „Gleichheit und Geschwisterlichkeit“ einsetzten, „dann bringt das schließlich immer Früchte“, sagte Franziskus aufmunternd.

„Das sehen wir gut an den ersten Jahrhunderten des Christentums: Da haben die Werte des Evangeliums das Leben und die Mentalität der Gesellschaft radikal umgeformt. Die Verkündigung der Geschwisterlichkeit aller Menschen durch die Jünger Jesu hat allmählich die Grundlage für die Einrichtung der Sklaverei unterminiert… Und die Botschaft von einem Gott, der mit Worten der Vergebung und aus Liebe am Kreuz stirbt, hat die Wertehierarchie umgedreht und den Letzten, den Ausgeschlossenen eine neue Würde verliehen.“

Liebe verändert die Welt und die Geschichte

Auch das Handeln Jesu gegenüber Frauen und Kindern habe „eine tiefe kulturelle Wende“ herbeigeführt und habe Gewalt gegen Frauen und Kinder „für die kommenden Jahrhunderte als Ungerechtigkeit gebrandmarkt“. Er hoffe, dass es dem Evangelium auch heute gelinge, „die sozialen Beziehungen und die Beziehungen zwischen den Menschen zu erneuern“.

„Das wünschen wir uns für unsere Zeit! Denn wir wissen: Wenn wir die Liebe in die Tat umsetzen, dann verändert sie die Welt und die Geschichte, auch wenn wir die Wirkungen vielleicht nicht sofort wahrnehmen.“
 

29 September 2018, 12:30