Suche

Logo der Papstreise nach Estland Logo der Papstreise nach Estland

Baltikum-Experte: Drei Länder, drei Schwerpunkte beim Papstbesuch

Was erwarten sich die Menschen in Estland, Lettland und Litauen von Papst Franziskus, der sie bald besucht? Um die Frage zu beantworten, muss erst klar sein: die drei Länder sind ziemlich verschieden. Markus Nowak über die Lage der katholischen Kirche vor Ort und die Erwartungen an die Papstvisite am Rand Europas.

Die drei Länder sind keineswegs so homogen, wie das die Sammelbezeichnung „Baltikum“ nahelegt. Insbesondere die religiöse Situation ist in allen drei Ländern völlig unterschiedlich. Diesen Samstag fliegt Papst Franziskus nach Litauen, wo er zwei Tage bleibt. Am Montag geht es nach Lettland, am Dienstag nach Estland und dann wieder zurück nach Rom.

 

Eins der wichtigsten Themen in den Nachrichten

 

Seit Tagen ist die Visite von Papst Franziskus eine der wichtigsten Themen in den Nachrichten im litauischen Staatsfernsehn LRT. Vom 22. bis 25. September besucht der Pontifex die drei Länder Litauen, Lettland und Estland. Es ist der zweite Besuch eines Oberhauptes der katholischen Kirche im Baltikum – nach Johannes Paul II. vor 25 Jahren. Und gerade in Litauen wird Franziskus´ Visite so etwas wie ein Gastspiel. Denn rund 80-Prozent der Litauer sind katholisch, und die Kirche gilt als einflussreich. Gintaras Grusas, der Erzbischof der Hauptstadt Vilnius, hegt aber auch Erwartungen an den Papst.

„Für alle Länder ist es eine große Ehre, wenn der Heilige Vater kommt. Seine Gegenwart kann die Hoffnung der Menschen stärken. Viele Litauer verlassen wegen der schwachen ökonomischen Situation das Land. Ich hoffe, dass er den Menschen Halt geben kann und sie vielleicht sogar zum Bleiben bewegen kann. Auch wird es einen Moment geben, bei dem der Papst unsere Vergangenheit kennenlernen wird. Wir haben als Nation großen Bedrohungen standgehalten und unseren Glauben bewahren können“, so der Erzbischof von Vilnius.

Hier unser Beitrag zum Hören:

Was der Erzbischof meint, ist die Zeit vor 1990/91, als Litauen wie das gesamte Baltikum von der Sowjetunion okkupiert war und die Religionsfreiheit litt. 

Am eigenen Leib hat das Sigitas Tamkevičius erlebt, der spätere Erzbischof von Kaunas. Als junger Jesuit gab er in den 1970er und 80er Jahren eine Chronik heraus, die die Verfolgung der Kirche durch die Sowjetmacht auch im westlichen Ausland publik machte. Fünf Jahre verbrachte er dafür in Haft und ist heute sowas wie eine Symbolfigur für den kirchlichen Widerstand in der Sowjetunion. Auch er hat Erwartungen an Papst Franziskus, der oft davon spricht, zu den Rändern zu gehen.

„Wenn die Worte des Papstes in diesen Menschen Hoffnung wecken, dann ist sein Ziel erreicht.“

„Wir in Litauen sind geografisch gesehen am Rande Europas. Zudem gibt es in Litauen einen nicht kleinen Teil der Gesellschaft, der wegen sozialer Probleme am Rand der Gesellschaft steht. Wenn die Worte des Papstes in diesen Menschen Hoffnung wecken, dann ist sein Ziel erreicht. Franziskus versteht das“, sagt Sigitas Tamkevičius.

 

Station Lettland: Schwerpunkt Ökumene 

 

„Kristus Jėzus – mano viltis“ – zu Deutsch „Christus, meine Hoffnung“. Die Hymne des Papstbesuches in Litauen ist zugleich das Motto seiner Visite im größten baltischen Land. In Lettland dagegen, dem mit zwei Millionen Einwohnern zweitgrößten Staat des Baltikums, wird ein Schwerpunkt auf Ökumene liegen. Papst Franziskus trifft Vertreter verschiedener Konfessionen im lutherischen Mariendom zu Riga. Jeder dritte Lette ist Lutheraner, 22 Prozent sind katholisch, und mit rund 20 Prozent gibt es auch einen hohen Anteil an orthodoxen Christen. Rigas Erzbischof Zbigniev Stankievics spricht von einer ökumenischen Atmosphäre, die in Lettland herrscht. Eben, weil keine der Konfessionen eine zu dominante Rolle habe.

„Wir erwarten, dass der Papst uns eine Bestätigung gibt, dass wir in die richtige Richtung in Sachen Ökumene gehen.“

„Wir erwarten, dass der Papst uns eine Bestätigung gibt, dass wir in die richtige Richtung in Sachen Ökumene gehen. Also gute Beziehungen zueinander aufbauen und mit einer gemeinsamen Sprache sprechen. Das tun wir etwa gegenüber dem Staat in für uns wichtigen Themen. Da ist etwa die Sache mit dem Religionsunterricht, der künftig kein verpflichtendes Wahlfach mehr sein wird und nur noch auf freiwilliger Basis unterrichtet wird. Wir Religionsgemeinschaften sehen darin ein großes Problem. Ich denke, mit einer gemeinsamen Sprache könnten wir es ändern“, sagt Zbigniev Stankievics.

 

Estland: 0,5 Prozent Katholiken und ein Papstbesuch

 

Eine gemeinsame Stimme der Religionsgemeinschaften gegenüber der Politik finden - das ist in Estland noch schwieriger. Denn die letzte Station des Papstes auf seiner Baltikum-Reise ist eines der am stärksten säkularisierten Länder Europas. Gerade einmal 20 Prozent der Esten gehören überhaupt einer Religionsgemeinschaft an. Angesichts des Katholikenanteils von 0,5 Prozent sei es wichtig, dass Papst Franziskus auch die Hauptstadt Tallinn besuche, sagt der Apostolische Administrator von Estland Bischof Phillipe Jourdan.

„Ich werde oft von Journalisten gefragt, welche Bedeutung es hat, wenn der Papst in ein Land mit so wenigen Katholiken kommt. Aber Franziskus schaut nicht auf Statistiken. Er sagt, die Kirche ist nicht nur das Kirchengebäude. Und ich füge hinzu, Kirche ist nicht nur da, wo sie traditionell stark ist. Die Katholiken sind nicht bloß in Estland in einer extremen Minderheit; etwa die Hälfte aller Katholiken weltweit lebt in Ländern, wo sie weniger als ein Prozent bilden. So wird der Papst nicht nur zu uns Esten sprechen, sondern zu allen Menschen, wo die katholische Kirche nur eine geringe Präsenz hat. Denken wir etwa an Russland oder China“, so Bischof Jourdan.

(pm)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

18. September 2018, 09:09