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Papst Franziskus spricht zu den Bischöfen in der Sakristei der Kathedrale von Santiago Papst Franziskus spricht zu den Bischöfen in der Sakristei der Kathedrale von Santiago  (AFP or licensors)

Papstreise nach Chile: die Ansprache beim Treffen mit Bischöfen

Vatican News dokumentiert hier die Ansprache des Papstes an die Bischöfe Chiles in der Kathedrale von Santiago de Chile, in voller Länge und offizieller deutscher Übersetzung.

Liebe Brüder,

ich danke für die Grußworte, die der Vorsitzende der Bischofskonferenz in euer aller Namen an mich gerichtet hat.

An erster Stelle möchte ich Bischof Bernardino Piñera Carvallo grüßen, der dieses Jahr seinen sechzigsten Bischofsweihetag begeht. (Er ist der älteste Bischof der Welt, nicht nur dem Lebensalter, sondern auch dem Weihealter nach.) Er hat an vier Sitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils teilgenommen. Eine wunderbare lebende Erinnerung!

Bald wird es ein Jahr seit eurem Ad-limina-Besuch sein. Nun bin ich an der Reihe, euch besuchen zu kommen. Ich freue mich, dass unser Treffen auf die Begegnung mit der „Welt des geweihten Lebens“ folgt, denn eine unserer Hauptaufgaben besteht genau darin, unseren Gottgeweihten und unseren Priestern nahe zu sein. Wenn sich der Hirte verirrt, werden sich auch die Schafe zerstreuen und jedem beliebigen Wolf zur Beute fallen. Brüder, wie wichtig ist die Vaterschaft des Bischofs für seine Priester, für sein Presbyterium! Eine Vaterschaft, die weder Bevormundung noch Missbrauch der Autorität bedeutet. Sie ist ein Geschenk, um das man bitten muss. Seid euren Priestern nahe wie der heilige Josef. Eine Vaterschaft, die hilft, die Charismen, die der Heilige Geist über eure jeweiligen Presbyterien ausgegossen hat, zum Wachsen und zur Entfaltung zu bringen.

Ich weiß, dass wir nur wenig Zeit für dieses Treffen eingeplant haben, weil wir schon bei den Gesprächen in den beiden langen Zusammenkünften des Ad-limina-Besuchs viele Themen behandelt haben. Deswegen möchte ich hier einen Punkt unserer Begegnung in Rom wiederaufgreifen, den ich mit dem folgenden Satz zusammenfassen könnte: das Bewusstsein, Volk zu sein, Volk Gottes zu sein.

Eines unserer Probleme, vor denen unsere Gesellschaften heute stehen, besteht darin, dass man sich als Waise fühlt, d.h. man hat das Gefühl, zu niemandem zu gehören. Dieses „postmoderne“ Gefühl kann in uns und in unseren Klerus eindringen. So meinen wir allmählich, wir würden zu niemandem gehören; dann vergessen wir, dass wir Teil des heiligen gläubigen Gottesvolks sind und dass die Kirche keine Elite von Gottgeweihten, Priestern und Bischöfen ist und nie sein wird. Wenn wir uns nicht bewusst sind, Volk Gottes zu sein, können wir unser Leben, unsere Berufung und unser Amt nicht tragen. Dies zu vergessen, »bringt« – wie ich es der Kommission für Lateinamerika gesagt habe –»viele Gefahren und Verzerrungen mit sich, wie wir – persönlich als auch gemeinschaftlich – unseren Dienst erleben, den uns die Kirche anvertraut hat«[1]. Das fehlende Bewusstsein, als Diener und nicht als Herren zum gläubigen Volk Gottes zu gehören, fügt der missionarischen Dynamik, die wir eigentlich fördern sollen, größeren Schaden zu: Dies äußert sich als Klerikalismus, der sich als eine Karikatur der Berufung, die wir erhalten haben, herausstellt.

Das fehlende Bewusstsein hinsichtlich der Tatsache, dass es die Sendung der ganzen Kirche ist und nicht bloß des Priesters oder Bischofs, schränkt den Horizont ein. Was noch schlimmer ist, es schränkt alle Initiativen ein, die der Heilige Geist in unserer Mitte hervorrufen könnte. Sagen wir es klar und deutlich, die Laien sind weder unsere Hilfsarbeiter noch unsere Angestellten. Sie dürfen nicht bloß als „Papageien“ wiederholen, was wir sagen. »Weit davon entfernt, den verschiedenen Beiträgen und Vorschlägen Impulse zu verleihen, löscht der Klerikalismus allmählich das prophetische Feuer aus, von dem die ganze Kirche in den Herzen ihrer Völker Zeugnis ablegen soll. Der Klerikalismus vergisst, dass die Sichtbarkeit und die Sakramentalität der Kirche zum ganzen gläubigen Gottesvolk gehören (vgl. Lumen gentium, 9-14) und nicht zu einigen wenigen Auserwählten und Erleuchteten.«[2]

Lasst uns bitte über diese Versuchung wachen, besonders in den Seminaren und während des ganzen Ausbildungsweges. Ich gestehe, dass ich mich um die Ausbildung der Seminaristen sorge. Sie sollen Hirten werden, die dem Volk Gottes einem Hirten entsprechend dienen, mit der Lehre, mit der Disziplin, mit den Sakramenten, mit ihrer Nähe, mit Werken der Nächstenliebe – aber immer in dem Bewusstsein, Teil des Volkes zu sein. Die Seminare müssen den Schwerpunkt darauf legen, dass die zukünftigen Priester fähig sind, dem heiligen gläubigen Gottesvolk zu dienen, und zwar dadurch, dass sie die Verschiedenheit der Kulturen anerkennen und die Versuchung zu jeglicher Form des Klerikalismus zurückweisen. Der Priester ist Diener Christi; Christus ist die Hauptfigur, die im ganzen Volk Gottes gegenwärtig wird. Die Priester von morgen müssen ihre Ausbildung mit Blick auf morgen machen, denn ihr Amt wird sich in einer säkularisierten Welt entfalten. Dies verlangt daher von uns Hirten zu entscheiden, wie wir sie vorbereiten, damit sie ihre Sendung in dieser konkreten Lage ausüben und nicht in unseren „idealen Welten oder Situationen“. Und diese Sendung erfolgt in geschwisterlicher Einheit mit dem ganzen Gottesvolk; Seite an Seite bietet sie den Laien in einem Klima der Unterscheidung und Synodalität – zwei wesentliche Eigenschaften für den Priester von morgen – Anregung und Antrieb. Also nein zum Klerikalismus und nein zu Idealwelten, die nur in unserem Denken vorkommen, aber mit niemands Welt zu tun haben.

Hier müssen wir den Heiligen Geist um die Gabe bitten, zu träumen. Bitte hört nicht auf, von einer missionarischen und prophetischen Entscheidung zu träumen und für sie arbeiten, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung Chiles als einer kirchlichen Selbstbewahrung dient. Lasst uns keine Angst haben, auf das zu verzichten, was uns vom missionarischen Auftrag abhält.[3]

Brüder, das war es, was ich euch als Zusammenfassung der wesentlichen Gesprächsinhalte des Ad-limina-Besuch sagen wollte. Vertrauen wir uns dem Schutz Marias an, der Mutter Chiles. Beten wir gemeinsam für unsere Priester und für unsere Gottgeweihten; beten wir für das heilige gläubige Gottesvolk, dem wir angehören. Vielen Dank!

 

[1] Schreiben an den Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika Kardinal Marc Ouellet (21. März 2016).

[2] Ebd.

[3] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 27.

16 Januar 2018, 22:46