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Bei der Papstmesse Bei der Papstmesse  (AFP or licensors)

„Wir sind Bettler des Unabdingbaren“: Papstpredigt am Welttag der Armen

Hier lesen Sie die Predigt, die Papst Franziskus an diesem Sonntag, dem ersten Welttag der Armen, im Petersdom gehalten hat - in vollem Wortlaut und in offizieller Übersetzung.

Wir haben die Freude das Brot des Wortes zu teilen und dann auch das eucharistische Brot zu brechen und zu empfangen – als Nahrungsmittel für unseren Lebensweg. Wir alle, ohne Ausnahme, brauchen diese Lebensmittel, weil wir alle Bettler des Unabdingbaren sind, Bettler der Liebe Gottes, der uns den Sinn des Lebens und ein Leben ohne Ende schenkt. Deswegen strecken wir ihm auch heute unsere Hand entgegen, um seine Gaben zu empfangen.

Eben von Gaben spricht das Gleichnis des Evangeliums. Es sagt uns, dass wir Empfänger von Talenten sind, die Gott »jedem nach seinen Fähigkeiten« zukommen lässt (Mt 25,15). Zunächst einmal sehen wir: wir haben Talente, in den Augen Gottes sind wir „talentiert“. Deswegen kann niemand sich für unnütz halten, niemand kann von sich sagen, er sei so arm, dass er nicht irgendetwas den anderen geben könnte. Wir sind von Gott erwählt und gesegnet. Er möchte uns mit seinen Gaben überhäufen, mehr noch als ein Papa oder eine Mamma dies für ihre Kinder tun möchten. Und Gott, der kein Kind aus den Augen verliert, vertraut einem jeden einen Auftrag an.

In der Tat, als liebevoller und anspruchsvoller Vater, der er ist, überträgt er uns eine Verantwortung. Im Gleichnis sehen wir, dass jedem Diener Talente anvertraut werden, damit er sie vervielfache. Aber während die ersten beiden diesem Auftrag nachkommen, macht der dritte Diener seine Talente nicht fruchtbar; er gibt nur das zurück, was er erhalten hatte: »Weil ich Angst hatte«, sagte er, »habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Sieh her, hier hast du das Deine« (V. 25). Dieser Diener erntet dafür das harte Urteil, schlecht und faul zu sein (vgl. V. 26). Was aber hat dem Herrn an ihm nicht gefallen? Mit einem Wort, das heute etwas aus der Mode gekommen, aber doch sehr aktuell ist, würde ich sagen: die Unterlassung. Das Schlechte an ihm war, dass er das Gute nicht getan hat. Auch wir meinen oft, wir hätten nichts Schlechtes getan, und geben uns damit zufrieden. Wir meinen, wir seien gut und gerecht. So aber laufen wir Gefahr, uns wie der schlechte Diener zu verhalten: Auch er hat nichts Böses getan, er hat das Talent nicht verloren, er hat es sogar gut bewahrt unter der Erde. Aber es reicht eben nicht aus, nichts Böses zu tun. Denn Gott ist kein Kontrolleur, der nach nicht abgestempelten Fahrkarten fahndet, sondern er ist ein Vater auf der Suche nach Kindern, denen er seine Güter und seine Pläne anvertrauen kann (vgl. V. 14). Und es ist traurig, wenn der liebevolle Vater keine großzügige Antwort der Liebe von seinen Kindern erhält, und diese sich allein darauf beschränken, die Regeln zu respektieren und die Gebote zu erfüllen wie die bezahlten Knechte im Haus des Vaters (vgl. Lk 15,17).

Der schlechte Diener hat das Talent eifersüchtig bei sich behalten und sich damit zufriedengegeben,  es aufzubewahren, obwohl sein Herr, von dem er es empfangen hat, es liebt, die Gaben zu teilen und zu vervielfältigen. Aber wer sich nur darum sorgt, etwas zu verwahren und die Schätze der Vergangenheit zu erhalten, der ist Gott nicht treu. Das Gleichnis sagt uns vielmehr, dass derjenige wirklich »treu« (VV. 21.23) ist, der neue Talente hinzugewinnt, weil er die gleiche Mentalität hat wie Gott und nicht unbeweglich bleibt: Er riskiert etwas um der Liebe willen, er setzt sein Leben aufs Spiel für andere, er gibt sich nicht damit zufrieden, alles so zu belassen, wie es ist. Nur eines unterlässt er: den Eigennutz. Das ist die einzig rechtmäßige Unterlassung.

Das Unterlassen ist auch die große Sünde gegenüber den Armen. In diesem Fall nennt man sie Gleichgültigkeit. Sie besteht darin zu sagen: „Das betrifft mich nicht, das geht mich nichts an, da ist die Gesellschaft schuld“. Sie besteht darin, sich abzuwenden, wenn der Bruder in Not ist, sie besteht darin, das Fernsehprogramm zu wechseln, sobald ein ernstes Thema uns belästigt, oder auch darin, sich über das Schlechte zu entrüsten ohne etwas dagegen zu tun. Gott aber wird uns einmal nicht fragen, ob wir zurecht entrüstet waren, sondern danach, ob wir Gutes getan haben.

Wie also können wir Gott konkret gefallen? Wenn man bei einem lieben Menschen Gefallen finden möchte, indem man ihm zum Beispiel ein Geschenk macht, muss man zuerst den Geschmack dieses Menschen kennen, damit das Geschenk nicht zum Schluss dem Geber besser gefällt als dem Empfänger. Wenn wir also dem Herrn etwas bieten wollen, finden wir das, was ihm gefällt, im Evangelium. Gleich nach dem heute gehörten Abschnitt sagt er: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Diese von ihm bevorzugten geringsten Brüder, sind der Hungernde und der Kranke, der Fremde und der Gefangene, der Arme und der Verlassene, der hilflos Leidende und der Ablehnung erfahrende Bedürftige. Auf ihren Gesichtern können wir uns sein Angesicht eingezeichnet vorstellen, aus ihren, wenn auch vom Schmerz verschlossenen, Lippen können wir seine Worte vernehmen: Das »ist mein Leib« (Mt 26,26). In den Armen klopft Jesus dürstend nach unserer Liebe an die Tür unseres Herzens. Wenn wir die Gleichgültigkeit besiegen und uns im Namen Jesu für seine Brüder und Schwestern verwenden, sind wir seine guten und treuen Freunde, bei denen er gerne verweilt. Gott schätzt das sehr, er schätzt dieses Verhalten, von dem wir in der Ersten Lesung gehört haben, das Verhalten der »tüchtigen Frau«, die »ihre Hand für den Bedürftigen öffnet und ihre Hände dem Armen reicht« (vgl. Spr 31, 10.20). Das ist die wahre Tüchtigkeit: nicht geschlossene Hände und verschränkte Arme, sondern tätige Hände, die sich zu den Armen hin ausstrecken, und damit auch nach den Verwundungen des Herrn.

Dort in den Amen zeigt sich die Gegenwart Jesu, der reich war und unseretwegen arm wurde (vgl. 2 Kor 8,9). Deswegen liegt in ihnen, in ihrer Schwäche, eine „Heilkraft“. Und auch wenn sie in den Augen der Welt wenig Ansehen genießen, so sind sie doch die, die uns den Weg zum Himmel öffnen, sie sind unser „Reisepass für das Paradies“. Es ist für uns eine evangeliumsgemäße Pflicht, uns ihrer anzunehmen, die unser wahrer Reichtum sind – und das nicht nur, indem wir ihnen Brot geben, sondern auch dadurch, dass wir mit ihnen das Brot des Wortes teilen, dessen natürlichste Empfänger sie sind. Den Armen zu lieben heißt, gegen alle Armut zu kämpfen, sowohl gegen die geistigen als auch gegen die materiellen Nöte.

Und das wird auch uns guttun. Die Nähe zu denen, die ärmer sind als wir, wird unser Leben nicht unberührt lassen. Wir werden erinnert an das, was wirklich zählt: Gott zu lieben und den Nächsten. Nur dies hat Bestand für immer, der Rest vergeht und deswegen bleibt nur das, was wir in die Liebe investieren. Heute können wir uns fragen: „Was zählt für mich in meinem Leben, wo investiere ich?“ In den Reichtum, der vergeht und von dem die Welt nie genug haben kann, oder in den Reichtum Gottes, der das ewige Leben schenkt? Wir stehen vor dieser Entscheidung: leben, um hier auf Erden zu haben oder geben, um den Himmel zu verdienen. Denn für den Himmel zählt nicht, was man hat, sondern was man gibt. Wer »für sich selbst Schätze sammelt, [ist] aber bei Gott nicht reich« (Lk 12,21). Suchen wir also nicht den Überfluss für uns, sondern das Wohl der anderen und nichts Wertvolles wird uns fehlen. Der Herr, der Mitleid hat mit unserer Armut und uns mit seinen Talenten ausstattet, schenke uns die Weisheit, das zu suchen, was wirklich zählt, und den Mut, nicht mit Worten zu lieben, sondern mit Taten. 

19 November 2017, 11:13