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Papst Franziskus spricht vor den Teilnehmern am Comece-Dialogtreffen Papst Franziskus spricht vor den Teilnehmern am Comece-Dialogtreffen 

Papst: „Traum von einem geeinten und einträchtigen Europa"

Der positive Beitrag von Flüchtlingen, eine Warnung vor Populismen und die Betonung des Beitrags gerade der Christen an einem einigen Europa: gleichzeitig grundsätzliche und aktuelle Themen, die Papst Franziskus in seiner mittlerweile fünften großen Europarede angesprochen hat.

Bernd Hagenkord SJ – Vatikanstadt

Anlass war die Dialog-Veranstaltung der Comece – der Bischofskonferenzen bei der EU – im Vatikan. Der Papst sprach vor Vertretern der Kirche, von Regierungen und Parteien und vor Vertretern der EU. Kern der Botschaft des Papstes war der Beitrag der Christen für den „Traum von einem geeinten und einträchtigen Europa als einer Gemeinschaft von Völkern, die sich nach einem gemeinsamen Ziel der Entwicklung und des Friedens sehnen.“

Der Papst begann mit den Beiträgen, welche das Christentum bereits geleistet haben, nämlich den Sinn für die Person, die mehr ist als Rolle oder Zahl, und den Sinn für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Diesen Beitrag könne Europa auch heute noch gut gebrauchen, so der Papst an die Teilnehmer der Dialogveranstaltung gerichtet. „Leider ist festzustellen, wie sich jegliche Debatte oft leicht auf eine Diskussion über Zahlen reduziert. Es gibt nicht die Bürger, es gibt die Stimmen bei Wahlen. Es gibt nicht die Migranten, es gibt die Quoten. Es gibt nicht die Arbeiter, es gibt die Wirtschaftsindikatoren. Es gibt nicht die Armen, es gibt die Armutsgrenzen. Die konkrete menschliche Person wird so auf ein abstraktes, bequemeres und beruhigenderes Prinzip reduziert.“ Personen hingegen verpflichten zur Verantwortung, Personensein binde an andere uns lasse Gemeinschaft entstehen. Eine solche Gemeinschaft sei dann lebendig, wenn sie „die Unterschiedlichkeit und die Gaben eines jeden aufnehmen kann und zugleich neues Leben hervorzubringen vermag wie auch Entwicklung, Arbeit, Erneuerung und Kultur.“

Fundamente des Baus Europa

Und wenn Person und Gemeinschaft die Fundamente des Baus ‚Europa‘ seien, dann könne man auch die „Mauersteine des Baus“ benennen: „Dialog, Inklusion, Solidarität, Entwicklung und Frieden.“ Und damit hatte der Papst dann seine fünf Themen für Europa benannt.

Europa – und das gelte nicht nur für die im Saal repräsentierte EU – müsse „Ort des Dialogs“ sein. Und auch hier hob der Papst den Beitrag des Christentums hervor, er nannte in diesem Zusammenhang den interreligiösen Dialog, der das Kennenlernen etwa zwischen Christen und Muslimen fördere. Es gelte, dem „laizistischen Vorurteil“ entgegenzutreten, das den positiven Wert und die öffentliche Rolle der Religionen in der Gesellschaft verneine. Leider sei dieses Vorurteil besonders in internationalen Vereinigungen besonders verbreitet, gab er den Politikern im Raum mit auf den Weg.

Warnung vor den Populismen

Eine besondere Warnung sprach der Papst Richtung neue Populismen aus, „die aus dem Protest das Herzstück ihrer politischen Botschaft machen, ohne jedoch die Alternative eines konstruktiven politischen Projekts anzubieten“. Aus diesem Protest werde entweder fruchtlose Konfrontation oder Vorherrschaft der politischen Macht ohne demokratisches Leben. „Im ersten Fall werden die Brücken zerstört und im zweiten Fall errichtet man Mauern,“ resümierte Papst Franziskus.

Thema zwei des Papstes ist nicht weit entfernt vom Thema Populismus in Europa, er warb dafür „wahrhaft inklusiv“ zu sein und die Unterschiede in ihrem Wert zu erkennen und als „gemeinsames und bereicherndes Kapital“ anzunehmen. Um dann hinzuzufügen: „In dieser Sichtweise sind die Migranten eher eine Ressource als eine Last.“

Es brauche Klugheit im Umgang mit den Flüchtlingen, es brauche natürlich Regelungen von Seiten der Politik, das sei aber nicht dasselbe wie „Mauern der Gleichgültigkeit“.

Ein beispielloser Generationenkonflikt

Thema drei des Papstes war die Solidarität, auch das zunehmend ein Problem für die Europäische Union. „Gemeinschaft sein schließt nämlich ein, dass man sich gegenseitig unterstützt und es somit nicht nur einige sein können, die Lasten tragen und außerordentliche Opfer vollbringen, während andere sich zur Verteidigung ihrer bevorzugten Positionen verschanzen.“ Die aktuellen Bestrebungen zu mehr Autonomie bis hin zu Abspaltungen nahm der Papst dabei nicht in den Blick, er bliebt grundsätzlicher und verwies auf den „Gedächtnisverlust“ Europas: Die Ideale seien nicht weiter gegeben worden, der Jugend fehle ein Sinn für die eigenen Wurzeln und Perspektiven, diesen Bruch bezeichnete der Papst als „beispiellosen Generationenkonflikt“.

“ Gemeinschaft sein schließt nämlich ein, dass man sich gegenseitig unterstützt und es somit nicht nur einige sein können, die Lasten tragen und außerordentliche Opfer vollbringen, während andere sich zur Verteidigung ihrer bevorzugten Positionen verschanzen ”

Arbeit und Wirtschaft war ein weiteres Thema des Papstes, zusammen gefasst unter der Überschrift „Entwicklung“. Es sei die Aufgabe der Regierungen, „die wirtschaftlichen Bedingungen zu schaffen, die eine gesunde Unternehmerschaft und angemessene Beschäftigungsniveaus fördern. Der Politik kommt es insbesondere zu, einen positiven Kreislauf erneut in Gang zu bringen“, der friedliche Entwicklung der gesamten Gesellschaft ermögliche.

Traum vom Frieden

Der Frieden ist ein zerbrechliches Gut, eine Einsicht, die sich heute neu einstelle, so der Papst. Für die Gründer der Union sei gerade dieser Friede Hauptmotivation für ihr Handeln gewesen, heute brauche es einen erneuten Einsatz. „Der Friede erfordert Kreativität“, so der Papst. Wer sich nur hinter Positionen verschanze, unterliege bei der Suche nach Frieden.

Beteiligung der Christen, Solidarität und Integration, Frieden und Entwicklung - viele Themen, die in der Ansprache in einem Appell an die Anwesenden mündeten: „Heute sind sie [die Christen, Anm.] aufgerufen, Europa wieder eine Seele zu geben, sein Gewissen wieder wachzurufen, nicht um Räume zu besetzen, sondern um Prozesse in Gang zu bringen, die neue Dynamiken in der Gesellschaft erzeugen“. Europa hat noch viel vor sich, will es seinen Traum erfüllen.

28 Oktober 2017, 15:42