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Neuer CDU-Chef Friedrich Merz Neuer CDU-Chef Friedrich Merz 

D: Neue Debatte über das „C“

Nach der personellen steht die programmatische Erneuerung bei den deutschen Christdemokraten an. Dabei geht es auch um die Rolle des christlichen Menschenbildes in einer säkularen Gesellschaft.

Sollte die CDU das C streichen? Derartige Überlegungen begleiten die Partei seit ihrer Gründung. Nicht zuletzt die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit wirkt wie ein Stachel im Fleisch, den mancher gerne gezogen hätte.

Nach der desaströsen Wahlniederlage und den Forderungen nach Erneuerung stellt sich nun offenbar wieder die Gretchenfrage. Die Debatte über eine mögliche „Flurbereinigung in der Namensfrage“ hat diesmal nicht Greenpeace mit der Entwendung des C vor der Parteizentrale losgetreten, sondern der Mainzer Historiker Andreas Rödder.

Die provokativen Gedanken des CDU-Mitglieds sind im 64-seitigen „Bericht über die Arbeit der Kommission zur Analyse der Bundestagswahl 2021“ enthalten. Er ist zwar noch nicht offiziell veröffentlicht, sorgt aber schon für lebhafte Diskussionen. Rödder erinnert zunächst daran, dass der Parteiname noch nie eine Selbstverständlichkeit war und verweist zugleich auf das Ende anderer großer christdemokratischer Parteien in Europa.

Die frühere Bundeskanzlerin Merkel - eine Pastorentochter - 2021 bei einem ökumenischen Gottesdienst
Die frühere Bundeskanzlerin Merkel - eine Pastorentochter - 2021 bei einem ökumenischen Gottesdienst

Nicht das „Tafelsilber verscherbeln“

Die eigentliche Herausforderung liegt für ihn aber im gesellschaftlichen Wandel. Dazu zählt er etwa die Frage, „ob die Union mit ihrer Namensgebung nicht einem überlebten Verständnis der 'hinkenden Trennung' von Staat und Kirchen anhängt“. Außerdem fragt Rödder, ob das C nicht „weithin zu einer Chiffre für eine allgemeine Humanität reduziert worden ist“. Zudem könne es in einer zunehmend entchristlichten Gesellschaft „als Barriere für Nichtchristen dienen und Exklusivität signalisieren“. All dies seien gute Argumente, um die CDU künftig unter den Mitte-Rechts-Parteien in der Tradition der westlichen Werte und Aufklärung zu verorten.

Bisher stieß der Vorschlag auf wenig Zustimmung. Der CDU-Sozialexperte im Europaparlament, Dennis Radtke, mahnte auf Twitter, nicht das „Tafelsilber“ zu verscherbeln: „Das C ist kein Marketing-Gag, der bei säkularem Zeitgeist hinderlich geworden ist, sondern unser Fundament.“ Ex-Generalsekretär Ruprecht Polenz warnte davor, „das Wertefundament, den Maßstab und die Orientierung“ zu verlieren.

Für den Vorsitzenden des Evangelischen Arbeitskreises in der Union, Thomas Rachel, ist das C die „entscheidende Klammer seit 1945“, um die „ganz unterschiedlichen liberalen, konservativen und sozialen Kräfte unter ein gemeinsames Dach zu versammeln“. Das Christentum sei „weltanschaulich gerade nicht exklusiv, sondern plural anschlussfähig, inklusiv und integrativ“.

Generalsekretär Ziemiak
Generalsekretär Ziemiak

Für eine Beibehaltung des „C“

Rödder selbst optiert in der von ihm geforderten Debatte offenbar ebenfalls für die Beibehaltung des C, nicht nur weil es weiter "ein festes Identitätsmerkmal" darstelle: "Vor allem steht es recht verstanden nach wie vor für eine inhaltliche Substanz, aus der sich ein unterscheidbares gesellschaftlich-politisches Konzept ergibt." Dabei nennt er etwa die Orientierung an der Würde aller Menschen, nicht nur einer bestimmten Gruppe; die besondere Verantwortung gegenüber Mitwelt und Natur sowie die Gemeinwohlverpflichtung.

Also alles nur ein Sturm im Wasserglas? Noch-Generalsekretär Paul Ziemiak hatte eine schonungslose Aufarbeitung der Wahlniederlage versprochen. Die Analyse sieht einen wesentlichen Grund in einer „inhaltlichen Entleerung“ der Partei und hält schon auf den ersten Seiten fest: „Die CDU muss in der Lage sein zu erklären, auf welcher ideellen Basis sie ihre Entscheidungen trifft“. Dafür sei es notwendig, „einige Begriffe, die für die CDU traditionell wichtig sind, mit neuem Leben zu füllen. Dies betrifft vor allem das christliche Menschenbild und was dieser Begriff für die CDU heute bedeutet“.

Damit ist auch eine wesentliche Aufgabe für das neue Grundsatzprogramm vorgegeben, das der neue Vorsitzende Friedrich Merz auf dem Parteitag ankündigte. In seiner Rede nahm er auch ausdrücklich Bezug auf die Katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik. Rödder selbst erinnert in seiner Analyse an die Empfehlung der Agentur Scholz & Friends nach dem Wahldesaster von 1998. Sie mahnte die Partei, vor allem ihren „Markenkern“ zu pflegen.

Ein Beitrag von Christoph Scholz.

(kna – mg)

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31. Januar 2022, 14:00