Suche

Vatican News
Kardinal Marx auf einem Archivbild Kardinal Marx auf einem Archivbild 

D: Ausdruck vom „toten Punkt“ keine „Kritik“, sondern „Weckruf“

Kardinal Reinhard Marx hat seine Äußerung, die Kirche sei „an einem gewissen ‚toten Punkt‘“, näher erläutert. „Das ist keine Kritik, sondern einfach nur ein Aufruf, ein Weckruf“, sagte der Erzbischof von München und Freising bei einer Predigt im Münchner Liebfrauendom am Sonntag

Er freue sich darüber, dass in der Kirche so viele „engagierte Brüder und Schwestern“ tätig seien. „Aber sie erwarten von ihrem Bischof und von denen, die Verantwortung haben, den Blick auf die Zukunft, auf das, was neu werden muss. Jedes Engagement wird kostbar bleiben in alle Ewigkeit – und doch fragen wir uns: Ist nicht manches an der Sozialgestalt der Kirche vorüber? Nicht das Evangelium, nicht der Einsatz für die Kranken, nicht der Einsatz für den Nächsten, nicht die Feier der Eucharistie. Aber manches an Gehabe und an Selbstbewusstsein, das auf die Institution und auf die Macht und auf den Einfluss ausgerichtet ist, den wir hätten oder haben wollen – all das ist vielleicht doch vorüber.“

Ein Verweis auf Alfred Delp S.J.

Kardinal Marx hatte von dem „toten Punkt“ in dem Brief gesprochen, mit dem er Papst Franziskus seinen Amtsverzicht angeboten hatte. Allerdings hat Franziskus diesen inzwischen abgelehnt. Marx zitierte mit seiner Äußerung den Jesuiten Pater Alfred Delp, der in einem Text von 1944 die Formulierung vom „toten Punkt“ verwendet hatte. 

Kardinal Marx griff in seiner Predigt auch die Schlüsse auf, die Delp aus seiner Analyse gezogen hatte: „Ein neuer Aufruf zur Diakonie, zur Hinwendung zu den Menschen, zu den Verlorenen. Nicht neue Strukturen, nicht Reformdiskussionen, sondern eine Hinwendung zu den Menschen selbst.“ Er bekomme aktuell viele Briefe, berichtete Kardinal Marx, „auch voller Not, voller Sehnsucht nach einer Kirche, nach einer Gemeinschaft, die aufhilft, die heilt, die Wunden ernst nimmt und nicht rechthaberisch darüber hinweggeht“. Als zweite Folgerung Delps nannte der Erzbischof die Stärkung der Ökumene, bei der es darum gehe, dass die Kirchen „in einem größeren Miteinander das Christentum, das Evangelium in diesem Land weitersagen, mit all den Unterschiedlichkeiten, die bleiben, aber in großer Gemeinschaft“.

„Es gibt keine toten Punkte, die nicht zu Wendepunkten werden können“

Delp habe die Formulierung vom „toten Punkt“ 1944 gewählt, „weil er meint, dass die Kirchen angesichts der Zeitstunde, in die sie hineingestellt sind – das war damals der Nationalsozialismus –, doch zu sehr an ihr eigenes Überleben geklammert waren, an ihre Institution, an den Betrieb, den sie nicht beschädigen wollten“, erklärte Kardinal Marx. Laut Delp habe der Mut gefehlt, „auch Neues zu denken und angesichts dieser epochalen Herausforderung eine Antwort zu finden und nicht zu taktieren und zu überlegen, wie kommen wir irgendwie durch, wie überleben unsere Institutionen“. Aus dem österlichen Denken heraus sei aber klar: „Es gibt keine toten Punkte, die nicht zu Wendepunkten werden können –  ohne Sterben keine Auferstehung, ohne Tod kein neues Leben. Das gilt manchmal auch für unser persönliches Leben, dass manches eben vorübergeht, um Neues entstehen zu lassen.“

Der Erzbischof predigte anlässlich des Bennofestes zu Ehren des Heiligen Benno, des Münchner Stadtpatrons. „Wir feiern dieses Fest natürlich auch mit all dem, was wir aus der vergangenen Woche mitbringen“, hatte er zu Beginn des Gottesdienstes gesagt. „Die Turbulenzen, das Auf und Ab des inneren Ringens und der Diskussionen der Öffentlichkeit, all das hat Sie bewegt und natürlich mich auch. Aber jetzt gilt es weiterzugehen, in der großen Hoffnung, dass wir nicht allein sind, sondern dass Er der Weg und die Wahrheit und das Leben ist. Mit Ihnen zusammen vertraue ich mich neu diesem auferstandenen Herrn an und bitte den heiligen Benno, diesen Weg unseres Bistums fürbittend zu begleiten.“

(pm - cs)

13 Juni 2021, 13:07