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Der Erfurter Dom Der Erfurter Dom 

D: „Holocaust verharmlosen kann dazu führen, ihn zu wiederholen“

Ein erneutes „deutliches Zeichen“ gegen zunehmende antisemitistische Strömungen in Deutschland wollen die Kirchen Thüringens an diesem Sonntag setzen: vor der Synagoge von Erfurt werden sich Vertreter der katholischen wie evangelischen Kirche zu einer Solidaritätskundgebung treffen. Ein Zeichen zu setzen sei angesichts der aktuellen Lage „dringend nötig“, betont im Gespräch mit uns der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr.

Radio Vatikan: Herr Bischof Neymeyr, Sie leiten in der Deutschen Bischofskonferenz die Unterkommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum. Was läuft denn eigentlich schief, wenn in Deutschland wie auch in anderen Ländern immer mehr jüdische Gläubige Opfer von verbaler und auch physischer Gewalt werden?

Bischof Neymeyr: „Da läuft vieles schief.. einmal ist es so eine Aversion gegenüber allem, was einem fremd erscheint und - was die Juden anbetrifft - dann der für sie fatale Fehlschluss, dass viele meinen, Juden seien Fremde und würden nicht zu uns gehören. Und das ist eine Haltung, gegen die die Juden mit großer Geduld und Beharrlichkeit immer wieder ankämpfen müssen.

 

„Wer gegen die Politik Israels demonstriert, der muss vor ein Konsulat oder vor die Botschaft Israels ziehen, aber nicht vor eine Synagoge“

Gerade jetzt bei den anti-israelischen Kundgebungen hat sich gezeigt, dass da immer noch sehr viel Unverständnis herrscht. Wer gegen die Politik Israels demonstriert, der muss vor ein Konsulat oder vor die Botschaft Israels ziehen, aber nicht vor eine Synagoge. Denn die Synagogen sind nicht Einrichtungen des Staates Israel, sondern Einrichtungen der jüdischen Gemeinden. Und die jüdischen Gemeinden setzen sich zum allergrößten Teil aus deutschen Staatsbürgern zusammen. Das ist vielen nicht bewusst. Und da muss viel getan werden. Das haben jetzt die ganzen Aufwallungen der anti-israelischen Demonstrationen gezeigt. Man kann natürlich gegen die Politik eines Staates sein - Gott sei Dank darf man bei uns keine Fahnen verbrennen, das gilt aber für alle Länder -  aber man darf nicht eine Religion für diesen Staat haftbar machen!“

Radio Vatikan: Wo kann man denn ansetzen, um gegen offensichtlich in der Gesellschaft tief verwurzeltes Gedankengut anzugehen?

Bischof Neymeyr: „Eines geschieht ja derzeit, wenn auch durch die Pandemie gebremst: Das sind die verschiedenen Themenjahre, in denen zum Ausdruck gebracht wird, dass wir froh sind, dass es jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdische Menschen unter uns gibt. Es hat in Köln angefangen, dort gibt es ein 1700-jähriges Jubiläumsjahr, und wir haben es hier in Thüringen ein ,Themenjahr' genannt – unter dem Titel ,Thora ist Leben‘. Ziel dieser Veranstaltungen ist es, auf jüdisches Leben hinzuweisen, das es heute unter uns gibt und dieses Leben bekannter zu machen. Dabei wollen wir zum Ausdruck zu bringen, dass wir uns darüber freuen, dass unsere Kultur auf diese Weise vielfältiger ist, aber auch, dass die Juden, die unter uns leben, keine Fremden sind, sondern Mitbürger.“

Hier das ganze Interview zum Nachhören

Radio Vatikan: Was wird ihnen in Gesprächen von jüdischen Mitbürgern nahegebracht, was wünschen sie sich von der katholischen Kirche?

Bischof Neymeyr: „Nun, wenn man mit jüdischen Gesprächspartnern zusammen ist - und wir sind das ja seitens der Bischofskonferenz auch sehr regelmäßig mit Rabbinern, ich bin es auch hier in Thüringen - und wenn man etwas tiefer ins Gespräch kommt, ist es natürlich auch wichtig, zu den christlichen Wurzeln des Antisemitismus zu stehen, die es ganz zweifelsohne gibt. Und es ist ja eine gewaltige Schuldgeschichte, die auch die katholische Kirche auf sich geladen hat. Das zeigt sich zum Beispiel an antijüdischen Darstellungen in und an Kirchen, das zeigt sich auch an Ehrungen für Predigern, die zu Pogromen ausgerufen haben. Also es gilt wirklich einzugestehen, dass der Antisemitismus auch christliche Wurzeln hat.

„Also es gilt wirklich einzugestehen, dass der Antisemitismus auch christliche Wurzeln hat.“

Zugleich ist natürlich auch darauf hinzuweisen, dass die katholische Kirche seit dem Zweiten vatikanischen Konzil und der Erklärung Nostra Aetate hier eine ganz andere Linie fährt. Die vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum hat in einer Erklärung sehr deutlich hervorgehoben, dass der Bund Gottes mit dem Volk Israel auch weiterhin besteht. Das heißt, Juden sind für uns nicht das verlorene, vergessene oder abgesagte Bundesvolk, sondern wir sind weiterhin mit Gott im Bunde. Deswegen hat der heilige Papst Johannes Paul II. sie auch als die ,älteren Brüder' bezeichnet. Es ist wichtig, das auch den Katholiken bewusst zu machen.

Gerade hier in Deutschland sehen wir da eine wichtige Aufgabe, zunächst einmal bei den sogenannten Multiplikatoren, das heißt also bei denen, die an den Hochschulen und Schulen unterrichten, aber auch bei denen, die predigen, deutlich zu machen, dass wir uns als katholische Kirche so verstehen, dass wir zwar im Bund mit Gott sind, aber dass das Volk der Juden genauso im Bund mit Gott ist. Und die Karfreitagsfürbitte des Zweiten Vatikanischen Konzils bringt das ja auch sehr gut zum Ausdruck, dass die Juden auf ihrem Weg das Heil erreichen, zu dem sie berufen sind. 

„Auf einmal kommen krude Verschwörungstheorien auf“

Radio Vatikan: Auch der Papst spricht sich ja immer wieder ganz klar gegen Antisemitismus aus. Ist es nicht besonders besorgniserregend, das jetzt vor allem in Deutschland verstärkt solche Strömungen ganz offensichtlich wieder wach werden?

Bischof Neymeyr: „Ja, sie werden ganz offensichtlich wieder wach. Das finde ich schon erschreckend, oft auch mit der Haltung: ,Man wird‘s jetzt ja doch wohl mal sagen dürfen‘. Auf einmal kommen krude Verschwörungstheorien auf, auch im Blick auf die Corona-Pandemie sind wir im Grunde genommen bei manchen Verschwörungstheoretikern nicht weiter als im Mittelalter, als man den Juden die Schuld an Seuchen gegeben hat. Das ist völlig irrational und der Versuch, die Juden auszugrenzen, und dem muss wirklich widerstanden werden. Dies nicht nur unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es deutsche Staatsbürger sind wie wir auch, sondern als Christen und katholische Christen sind sie ein Bundesvolk mit uns. 

Eine anti-israelische Kundgebung in Berlin (15.5.2021)
Eine anti-israelische Kundgebung in Berlin (15.5.2021)

Wir haben natürlich als Deutsche ein besonders schwieriges Verhältnis zu den Juden, das ist selbstverständlich durch die Shoah begründet und dazu müssen wir auch stehen. Aber wir müssen einfach auch gegenüber den Juden deutlich machen, dass wir mit dieser Schuldgeschichte leben und ihnen begegnen. Wir können uns davon nicht verabschieden. 

Hier in Thüringen ist ja vom hiesigen AfD-Landesvorsitzenden ausgerufen worden, dass er eine 180°-Wende in der Erinnerungskultur wünscht. Und da habe ich damals schon gesagt, dass eine Verharmlosung des Holocaust äußerst gefährlich ist, dass dies auch dazu führen kann, ihn gutzuheißen und am Ende sogar dazu führen könnte, ihn zu wiederholen. Und ich bin dann wirklich erschrocken, als ich die Nachrichten aus Halle gehört habe, wo ja ein Terrorist versucht hat, Juden an ihrem hohen Feiertag Yom Kippur umzubringen. Also, das war der Versuch, den Holocaust zu wiederholen, und das hat mir gezeigt, dass meine Befürchtungen berechtigt sind. Deswegen muss man sich wirklich schon dagegen wehren, wenn der Holocaust verharmlost wird.

Gegenseitige Teilnahme an Feiern kein Problem

Natürlich ist es auch wichtig, dass wir den Juden begegnen und dass wir dann bei der Begegnung nicht nur ein schlechtes Gewissen haben und stirnrunzelnd zu Boden schauen. Die heutigen Juden leben hier bei uns und mit uns, und wir sollten in guter Gemeinschaft mit ihnen leben. Ich bin sehr froh, dass die jüdische Landesgemeinde hier von Zeit zu Zeit auch einlädt, in die Synagoge zu kommen und etwa die Sabbat-Eröffnung mit ihnen zu begehen. Das ist ja für einen Christen überhaupt kein Problem, genauso ist es auch kein Problem für einen Juden, einen christlichen Gottesdienst zu erleben.

Und ich bin sehr froh, dass wir auf Ebene der Bischöfe und der Rabbinerkonferenzen hier ein sehr gutes Gespräch haben, in dem wir auch kritische Fragen anpacken können, zum Beispiel die theologische Bedeutung des Staates Israel. Auf dieser Ebene können wir uns wirklich austauschen, können fragen, wie die Juden ihren Glauben verstehen, und sie können uns Fragen stellen. Ich bin sehr froh, dass es diese Ebene gibt, weil es so auch gut möglich ist, Irritation, die immer mal wieder auftreten können, auch relativ schnell auszuräumen, weil eine Ebene des Vertrauens entstanden ist.“

Veranstaltung gegen Anti-Semitismus vor der Synagoge in Kreuzberg, Berlin, am 16.5.2021
Veranstaltung gegen Anti-Semitismus vor der Synagoge in Kreuzberg, Berlin, am 16.5.2021

Radio Vatikan: Wie würden Sie die Beziehung der Juden, auch der hiesigen Juden, zum Staat Israel beschreiben? 

Bischof Neymeyr: „Was ich immer mal wieder sage, ist, dass für die Juden, die bei uns leben - auch wenn sie deutsche Staatsbürger sind - der Staat Israel eine besondere Bedeutung hat. Er ist nämlich ihre Lebensversicherung. Denn sie wissen nicht, wann es hier eventuell wieder umschlägt, wann es noch schlimmer wird für die Juden, und dann haben sie dort die Möglichkeit, sicher zu leben. Aber hoffentlich ist das nie der Fall. Ich würde mir eigentlich eher im Gegenteil wünschen, dass Juden auch bereit sind, zu uns zu kommen. Wir sind auch eine von der jüdischen Kultur geprägte Gesellschaft, dass das also nicht nur ein Phänomen der Geschichte, sondern auch der Gegenwart ist. Aber dennoch ist der Staat Israel für die Juden auch eine Lebensversicherung und sie haben natürlich eine besondere Geschichte dazu.

Der Vorsitzende der hiesigen jüdischen Landesgemeinde sagt verschiedentlich: ,Wenn der Staat Israel zehn Jahre früher gegründet worden wäre, hätte ich meine Großeltern kennengelernt'. Und das zeigt auch die emotionale Beziehung, die alle Juden zum Staat Israel haben. Ich weiß natürlich auch aus den Gesprächen mit den Juden, dass sie die Politik des Staates Israel unterschiedlich beurteilen, wie auch die Deutschen die Politik der Bundesrepublik unterschiedlich beurteilen.“

(vatican news - cs)

 

29 Mai 2021, 12:22