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Die Leiterinnen der Frauenkommission der Christlich-Islamischen Gesellschaft Karlsruhe (CIGK), Annette Bernards und Najoua Benzarti Die Leiterinnen der Frauenkommission der Christlich-Islamischen Gesellschaft Karlsruhe (CIGK), Annette Bernards und Najoua Benzarti 

Deutschland: Christinnen und Muslimas setzen aufs gemeinsame Tun

Erst das Vaterunser, dann Koransuren hören? Kommt vor in Karlsruher Kirchen und Moscheen. So was sei inzwischen „sehr viel unkomplizierter geworden“, sagt Annette Bernards von der Dialoginitiative CIG. Ihre Mitstreiterin Najoua Benzarti berichtet von „nachhaltigen Traditionen“ im Karlsruher Religionsdialog.


Anne Preckel - Vatikanstadt

Die beiden Frauen sind seit über zwei Jahrzehnten in Karlsruhe für Dialog und friedliches Miteinander der Religionen engagiert. „Früher, da war es ganz schwierig, wie man ein gemeinsames Gebet gestaltet“, blickt Annette Bernards im Interview mit Radio Vatikan auf den Beginn der Christlich-Islamischen Gesellschaft Karlsruhe (CIGK) zurück, die 1995 auf Initiative von Vertretern beider großer Kirchen und des Islam eingerichtet wurde. Bei den Friedensgebeten, die der Verein heute in Kirchen und Moscheen durchführt, sei das  anders, sagt die langjährige Pfarrgemeinderatsvorsitzende.

„Da wird das Vaterunser gebetet, das ist den Muslimen inzwischen vertraut, und wir hören die Koransuren, die gesungen werden. Das ist sehr viel unkomplizierter geworden und auch ein Stück weit mutiger auf beiden Seiten. Und das zweite ist tatsächlich die Frage der Kommunikation: Es war früher sehr viel belasteter und schwieriger, da fragten wir: ,können wir das machen?’ Heute ist es ein Stück weit selbstverständlicher geworden.“

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Bei einem Treffen der Frauenkommission, in der MItte Najoua Benzarti
Bei einem Treffen der Frauenkommission, in der MItte Najoua Benzarti

Gemeinsames Tun

Annette Bernards leitet gemeinsam mit der gebürtigen Tunesierin Najoua Benzarti die interreligiöse Frauenkommission der Christlich-Islamischen Gesellschaft. Auch Benzarti, die seit über 37 Jahren in Deutschland lebt, spricht mit Blick auf das gemeinsame Wirken von Christen und Muslimen in Karlsruhe von mehr Selbstverständlichkeit im Vergleich zu früher. Ob gemeinsam Kochen oder Fußballspielen, Konferenzen organisieren oder jährlich die städtischen Anti-Rassismus-Wochen gestalten – gemeinsames Tun gehöre heute dazu, so Benzardi: „Wir haben im Rahmen des christlich-muslimischen Dialoges hier in Karlsruhe nachhaltige Traditionen gewonnen, es gibt Sachen, die selbstverständlich sind. Man plant nicht mehr so viel.“

„Man plant nicht mehr so viel“

Dabei wird im Kontakt der Religionen Neues gelernt und Eigenes gepflegt. Was die Glaubenstraditionen und das Beten betrifft, geht es weder um Missionierung noch darum, die Religionen zu vermischen, ist dem Verein wichtig zu betonen. Das werde bei der Gestaltung gemeinsamer Gebetsveranstaltungen deutlich, so die Muslima Benzarti: „Wir beten zusammen, aber jeder für sich.“ Manchmal würden auch Texte der Friedenstreffen von Assisi gesprochen, ergänzt sie, „eine Bereicherung, die sind wirklich wunderbar!“

Annette Bernards (ganz li am Tischende) im Gespräch
Annette Bernards (ganz li am Tischende) im Gespräch

Wie erzieht ihr eure Kinder?

Auch die Gesprächskreise der Frauenkommission kultivieren das Verbindende, ohne die Unterschiede zu leugnen. „Es geht sehr oft um den Vergleich von Bibel und Koran, dass wir zum Beispiel Propheten aussuchen und fragen: Kommen die im Koran auch vor? Was haben die gemeinsam, was nicht?“, berichtet Annette Bernards. „Wir lesen die Stellen in Koran und Bibel und kommen darüber ins Gespräch. Genauso über Fragen des Glaubenslebens, also: Wie beten wir? Gibt es Fasten und wie wird das konkret gestaltet? Wie geht ihr mit älteren Menschen um? Wie wird bestattet? Wie erzieht ihr eure Kinder?“ Auch gemeinsame Ausflüge in Moschee- oder Kirchengemeinden und eine Synagoge werden organisiert, um mit dortigen Frauen ins Gespräch zu kommen.

Die Frauenkommission richtet sich mit ihren Aktivitäten jedoch nicht allein an religiöse Frauen oder einen bestimmten Kreis, ergänzt Benzarti: „Wir können nicht alle Muslime erreichen, aber in Karlsruhe haben wir zumindest versucht, alle Frauen einzuladen! Das ist der Vorteil, dass wir offen für alle Frauen sind, egal, ob sie schiitisch oder sunnitisch, gläubig oder nicht gläubig, evangelisch oder katholisch sind.“ Auf den Veranstaltungen der Frauenkommission kommen engagierte Gemeindemitglieder mit Regionalpolitikerinnen, interessierten Berufstätigen, Studentinnen, Hausfrauen und Kirchenfernen zusammen. Eingeladen sind alle, die Neugier, Freude am Austausch und Netzwerken mitbringen.  

Bestes Beispiel dafür sind die Leiterinnen der Frauenkommission selbst: Annette Bernards ist Juristin und Hochschuldozentin und betreut als Pfarrgemeinderatsvorsizende in Karlsruhe eine Seelsorgeeinheit von 31.000 Katholiken mit, parallel zur ihrem Engagement für die Frauen. Die studierte VWL-Frau und Islamwissenschaftlern Najoua Benzarti arbeitet als Erzieherin mit Flüchtlingskindern in der regionalen Landesaufnahmestelle, ist Mitglied im Migrationsbeirat und Sachkundige Einwohnerin in Karlsruhe für den Bereich Kultur und interreligiösen Dialog. 2017 wurde sie mit der Heimatmedaille Baden-Württemberg und 2018 mit dem Integrationspreis der Stadt Karlsruhe ausgezeichnet.

Fastenbrechen
Fastenbrechen
Auch die Bürgermeisterin Bettina Lisbach (re) nahm an einer Veranstaltung teil
Auch die Bürgermeisterin Bettina Lisbach (re) nahm an einer Veranstaltung teil

Nachhaltiger Dialog und Vertrauen

Dass das gemeinsame Tun und Wirken von Christinnen und Muslimas in Karlsruhe Brücken geschlagen hat und nachhaltig Vertrauen schaffen konnte, zeigte sich im Jahr 2001, als die Terroranschläge von New York auch den Dialog der Christlich-Islamischen Gesellschaft auf die Probe stellten. Ein Vereinsmitglied wollte sich nach der islamischen Gewalt der Loyalität der Muslime gegenüber deutschen Gesetzen versichern und forderte ein Bekenntnis dazu ein. Das traf viele muslimische Vertreter damals ins Herz, berichtet Benzarti: „Das hat uns schockiert. Denn für uns ist es selbstverständlich, dass wir loyal sind.“

Die Spannung stürzte die CIGK in eine Krise, gemeinsame Aktivitäten sollten sogar ausgesetzt werden. Die Frauenkommission machte dabei aber nicht mit - so viel hatten die Frauen gemeinsam schon aufgebaut, auch freundschaftliche Bande waren entstanden. Warum sollte all das jetzt auf Eis gelegt werden? „Ich habe gesagt, nein, wir machen weiter!“ erinnert sich Benzarti an diese Bewährungsprobe im Dialog. „Auch wenn Missverständnisse bestehen und Probleme, wir machen weiter, unser Dialog hat nichts zu tun mit diesem Konflikt, und deswegen sage ich hier: Nachhaltigkeit, Weitermachen, wenn man weiß, dass es was gibt, was Frucht bringt, dann macht man weiter!“

„Wir machen weiter!“

Dass der Dialog der beiden Religionen in Karlsruhe nicht immer glatt lief, weiß auch Annette Bernards. Oft hätten sich Spannungen im Dialogverein an unterschiedlichen Erwartungen dazu entzündet, wie sich Religionsvertreter zu extremistischen Vorfällen zu positionieren hätten. Entstanden war der Verein als Zeichen der Verständigung nach ausländer- und islamfeindlichen Anschlägen in Deutschland in den 1990er Jahren. In späteren Jahren wurde in der CIGK auch über islamischen Extremismus diskutiert, der in Deutschland und im Ausland zuschlug.

Wenn der Religionsdialog in solch schweren Momenten nicht abreißt, habe das wohl mit der Erkenntnis zu tun, dass Verbindendes letztlich stärker sei als das, was trennt, sagt Annette Bernards: „Es gelingt glaube ich durch Personen, durch Menschen in beiden Religionen, die sagen, wir sind uns einig, dass so was nicht geht, wir sind gegen Gewalt, wir wollen friedlich zusammenleben und das, was jetzt passiert ist, das kann uns nicht auseinanderbringen. Aber da braucht es schon auch sehr starke Personen auf beiden Seiten, die diesen Wunsch dann äußern und weitermachen.“

„Ich sage immer, wenn es Frieden geben wird, dann sind die Frauen die Stifterinnen“, ergänzt Benzarti. Sie glaubt daran, dass der Religionsdialog wesentlich von Frauen weitergetragen und befördert wird, nicht nur in Karlsruhe: „Das ist nicht nur ein Gefühl, es ist eine Erfahrung.“

Interregionale Vernetzung

Die Christlich-Islamische Gesellschaft (CIGK) entstand 1995 auf Initiative von Vertretern verschiedener muslimischer Gemeinden sowie des katholischen und des evangelischen Dekanats mit Unterstützung der Stadtverwaltung. Der Dialogverein konnte im vergangenen Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiern. Die CIGK bemüht sich auch um interregionale Vernetzung und ist Mitglied im Dachverband christlich-islamischer Dialogorganisationen KCID ("Koordinierungsrat des christlich-islamischen Dialogs").  

(vatican news/cigk – pr)
 

02 Februar 2021, 11:24