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Pfarrer Stephan Rüssel Pfarrer Stephan Rüssel  

Unser Sonntag: Gutes unterlassen wiegt schwer

Um Himmel und Hölle geht es in dieser Betrachtung von Pfarrer Stephan Rüssel. Im Evangelium wird der „faule Diener“ in die äußerste Finsternis geworfen. Der Priester erläutert, was es mit den Talenten auf sich hat und warum ausgerechnet der vermeintlich „gute Mensch“, der nichts tut, in die Hölle kommt.

Pfarrer Stephan Ruessel 

33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mt 25, 1-13

Vielleicht kennen Sie die Kurzgeschichte von Don Pedro Calderon de la Barca „Der gute Mensch am Höllentor“. Die Hölle war total überfüllt und es war nur noch ein einziger Platz frei. Aber vor dem Höllentor stand eine lange Schlange, die auf Einlass wartete. Schließlich kam der Teufel höchstpersönlich heraus, um denjenigen auszuwählen, der den letzten Platz in der Hölle bekommen solle. Nur der schlimmste Verbrecher sollte den erhalten.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Jeden einzelnen befragte er nach seinen Sünden und Verbrechen. Obwohl ihm viele schreckliche Verbrechen genannt wurden, war ihm keines schlimm genug, als dass er dafür den letzten Platz in der Hölle hergeben würde. Am Ende seiner Befragungen kam er dann zu einem Mann den er ebenfalls befragte: „Was haben Sie getan?“

„Ich bin ein guter Mensch. Ich bin nur durch ein Versehen hier. Ich glaubte, hier gäbe hier es etwas umsonst“

Der Mann antwortete: „Ich – ich habe nichts getan“. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin nur durch ein Versehen hier. Ich glaubte, hier gäbe hier es etwas umsonst." „Aber Sie müssen doch irgendetwas getan haben, denn jeder Mensch stellt im Laufe seines Lebens irgendetwas an“, sagte der Teufel. Der gute Mensch antwortete, dass er sehr wohl sah, wie Menschen ihre mit Mitmenschen verfolgten, wie man Kinder hungern ließ, missbrauchte und versklavte. Aber aus all dem habe er sich strikt herausgehalten, er habe ganz einfach nichts getan. Der Teufel war so überrascht, dass er sich noch einmal vergewissern wollte: „Und sie haben das alles gesehen und nichts getan?“ „Ja“, bestätigte der gute Mensch, „ich habe nichts getan!“ „Dann komm herein, mein Sohn!“, sagte der Teufel, „Der letzte freie Platz in der Hölle gehört dir!“

Der gute Mensch bekommt den letzten Platz in der Hölle

Der gute Mensch bekam den letzten Platz in der Hölle, also nicht wegen seiner bösen Taten, sondern, weil er nichts tat. Das gleiche geschah mit dem dritten Diener, von dem wir eben im heutigen Evangelium hörten: er hat nichts getan! „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein“, so lautet das Urteil über den dritten Diener.
Der dritte Diener hatte ein Talent erhalten, ein anderer zwei, und wieder ein anderer fünf Talente Silbergeld. „Talent“, das war die höchste Währungseinheit, die man in der Antike kannte.

Unser heutiger Begriff von „Talent“ als Bezeichnung menschlicher Begabungen war damals unbekannt. Unser Begriff „Talent“ ist ja auch erst als Folge dieses biblischen Gleichnisses entstanden. Der Wert eines Talentes, dass ein Gold-oder ein Silbertalent sein konnte, ging umgerechnet auf die heutige Kaufkraft in die Millionen. Wohl keiner der Zuhörer Christi hatte je ein Talent gesehen. Es spielte nur eine Rolle bei staatlichen Transaktionen, etwa beim Bezahlen von Kriegsschulden. Im Tempel von Jerusalem lag ein Silberbrocken von etwa der Größe eines menschlichen Kopfes als jüdisches Normalmaß für das Silbertalent.

Jeder Mensch hat einen indivuellen Auftrag

Aber rechnen wir einmal nach. Ein Talent hat den Wert von 6000 Denaren. Ein Denar war damals, zur Zeit Jesu, ein durchschnittlicher Tageslohn in Israel. Laut statistischem Bundesamt lag im vergangenen Jahr der durchschnittliche Bruttolohn in Deutschland bei 185 € am Tag. Ein Talent wären demnach also 1.110.000 €. Zwei Talente wären 2.220.000 €. Und fünf Talente wären 5.550.000 €.

Nur ein Mann in höchster Stellung – also ein König oder ein Kaiser – kann jemandem ein Talent anvertrauen. Und jene, denen er solche Talente anvertraut, haben in der Regel Ministerrang. Minister heißt ja nichts anderes als übersetzt: „Diener“.
Die Diener sind aber nicht gleich. Sie erhalten eine unterschiedliche Anzahl von Talenten. Im wahrsten Sinne des Wortes ist jeder von ihnen anders „be-gabt“ worden. D. h. nichts anderes: jeder Mensch hat von Gott eine unterschiedliche Anzahl von Gaben, eine unterschiedliche Anzahl von Talenten erhalten. Oder anders ausgedrückt: Jeder Mensch hat von Gott einen individuellen Lebensauftrag erhalten, der nur ihm gilt.

„Wir als Getaufte sind die Diener, denen Er sein Vermögen anvertraut hat.“

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging“. Der Mann ist Christus selbst. Und wir als Getaufte sind die Diener, denen er Sein Vermögen anvertraut hat. Das können beispielsweise Gesundheit, Begabung, Ausbildung, Fähigkeiten, Amt und Stellung sein. Die von Christus gestellte Lebensaufgabe ist von solchen Wert, dass sie mit einem Maß bezeichnet wird, das für die damaligen Zuhörer an die Grenze des Vorstellbaren ging: mit dem Talent. Auch der Kleinste verwaltet mindestens noch „ein“ Talent.

Im Gleichnis fällt nun auf, dass der Herr Seinen Dienern die Talente ohne irgend einen besonderen Auftrag übergibt. Das heißt, dass die Diener nicht irgendeinen fest umrissenen Auftrag auszuführen haben, sondern die Vermehrung der Talente mit Eigeninitiative und persönlichem Einsatz betreiben müssen. Der Herr überlegt also gar nicht, was die Diener mit Seinem Geld machen könnten. Das ist vielmehr deren Sache.

Der Mensch besitzt die volle Freiheit

Hier zeigt sich: Gott gegängelt uns nicht. Er gibt uns volle Freiheit und eigene Verantwortung für das anvertraute Gut. Er gibt uns volle Freiheit und Verantwortung im Umgang mit unseren Begabungen und Fähigkeiten. Wir müssen also die Initiative ergreifen und etwas aus unseren Talenten machen. Damit tragen wir aber auch die volle Verantwortung für das Gelingen. Und die Erwartung ist hoch. Der Herr erwartet einen hohen Gewinn: nämlich 100 %. Und diese 100 % sind nur mit einem 100-prozentigen Einsatz zu gewinnen. Dienst nach Vorschrift: das reicht nicht.

Wichtig ist daher auch die Bitte an Gott: Hilf uns, mit unseren Talenten zu arbeiten! Im übrigen: nichts von dem, was Gott gegeben hat, geht verloren. Das eine Talent wird dem gegeben, der sich zehn Talente erarbeitet hat. Gottes Gaben gehen also niemals verloren! Verloren gehen kann nur der Mensch, der Gottes Gaben nicht gebraucht. Denn eines Tages wird der Herr kommen, um Rechenschaft über die Verwaltung der Talente zu fordern. Hier entscheidet sich dann der Wert unseres irdischen Lebens. Das heißt: auf den Tod folgt die Verantwortung.

„Auf jedem Weg, in jedem Schicksal kann man heilig oder verworfen werden.“

Und das Urteil mit seinen Folgen richtet sich nicht nach dem Maß der zugeteilten Gnade, richtet sich nicht nach der Anzahl der dazugewonnenen Talente, sondern nach der Treue mit der einer sein Gnadenmaß, seine Talente in seinem Leben zur Entfaltung gebracht hat. Karriere, Erfolg, Einkommen, Liebesglück und Ruhm sind keine endgültigen Werte. Verkennung, Not, Krankheit und Bedeutungslosigkeit sind kein endgültiges Scheitern. Dahinter muss ich etwas entscheiden. Denn auf jedem Weg, in jedem Schicksal kann man heilig oder verworfen werden. Das ist der Ernst unseres Lebens. Das ist aber auch das atemberaubende Abenteuer, dass wir Leben nennen.

Das Verfehlen liegt im Nichts-Tun

Beachten wir: das Versagen des dritten Dieners mit dem einem Talent liegt ja nicht einer bestimmten Verfehlung, sondern einfach im Nichts-Tun. Es gilt also damit auch für uns: es reicht nicht aus, nichts Schlechtes zu tun nach dem Motto: ich stehle nicht, bringe niemanden um und ich erfülle meine religiösen Pflichten. Im Grunde muss der Herr mit mir zufrieden sein.
Diese Fehleinschätzung korrigiert der Herr mit dem heutigen Evangelium: von jedem von uns erwartet der Herr, dass er mit vollem Einsatz mit seinen Talenten arbeitet und sie nicht nur treu verwaltet, sondern vermehrt. Wir müssen uns auch vor Augen halten: das Nichtstun ist eine Folge von Trägheit. Und die Trägheit gehört zu den sieben Hauptsünden.

„Das „Gute unterlassen“ steht in der Rangordnung vor den bösen Taten“

Damit wären wir dann bei der Frage, warum der dritte Diener diese so scheinbar überdimensionale Strafe für sein Nichtstun erhält. Er hatte nichts Böses getan, sondern etwas unterlassen. Und doch ist für Gott dieses Nichts-Tun etwas Gravierendes. Wir können dies auch im Confiteor der Heiligen Messe erkennen. Da heißt es: Ich bekenne, daß ich Gutes unterlassen und Böses getan habe. Die Reihenfolge ist hier kein Zufall. Das „Gute unterlassen“ steht in der Rangordnung vor den bösen Taten, die dann noch einmal aufgegliedert werden in Gedanken, Worte und Werke.

Damit wäre nun auch klar, warum der Teufel am Höllentor nicht irgendeinem Schwerverbrecher den letzten Platz in der Hölle gibt, sondern dem guten Menschen, der nichts getan hat.

(radio vatikan - claudia kaminski)
 

14 November 2020, 11:00