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Economy of Francesco war eine Online-Veranstaltung Economy of Francesco war eine Online-Veranstaltung 

Deutscher Volkswirt: Mehr Dialog zwischen Ökonomie und Theologie nötig

Peter Bofinger, Seniorprofessor für VWL, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Würzburg, hat an der katholischen Initiative „Economy of Francesco“ teilgenommen. Im Interview mit Radio Vatikan sagt er, VWL könne die Welt verändern und wirbt für mehr Dialog zwischen Ökonomie und Theologie.

Economy of Francesco ist eine dreitägige internationale Online-Veranstaltung, die sich besonders an junge Leute richtet. Ausgangspunkt des Austausches auf Initiative des Vatikan: die Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus. Bofinger nahm am Freitag teil. 

Zum Nachhören - was Professor Bofinger von Economy of Francesco hält

Radio Vatikan: Herr Professor Bofinger, welche These haben sie mit den jungen Leuten geteilt? Was war ihre Botschaft?

Professor Bofinger: Die Botschaft war die, dass die Erziehung die Gedanken und die Vorstellungswelt von Menschen unglaublich prägt. Das ist ja auch eine Aussage, die der Papst oft äußert. Mir ging es darum zu zeigen, wie die Ausbildung von jungen Volkswirten und wie das, was sie so im ersten Semester über Wirtschaft oder Volkswirtschaftslehre lernen, ihre Vorstellungen und dann natürlich auch das Handeln dieser jungen Leute prägt, wenn sie dann in das Berufsleben eintreten, als Mitarbeiter in internationalen Institutionen, Ministerien oder Medien.

„Es hat wirklich Spaß gemacht, mit den Leuten zu diskutieren. Sie kamen ja auch aus den unterschiedlichsten Ländern, mit ihren unterschiedlichen Erfahrung und wir haben uns dann eben gemeinsam ausgetauscht.“

Radio Vatikan: Wie haben denn diese junge Menschen darauf reagiert? Was haben Sie als Feedback bekommen?

Professor Bofinger: Das war eine unglaublich gute Diskussionsatmosphäre. Es hat wirklich Spaß gemacht, mit den Leuten zu diskutieren. Sie kamen ja auch aus den unterschiedlichsten Ländern, mit ihren unterschiedlichen Erfahrung und wir haben uns dann eben gemeinsam ausgetauscht. Es ging darum, wie die Ausbildung in Volkswirtschaftslehre stattfindet. Viele von den Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren auch ausgebildete Volkswirte. Es war auch ein wichtiges Thema, dass die Ausbildung von jungen Volkswirten sehr weltfremd und abstrakt wirkt. Viele glauben, dass die Volkswirtschaftslehre die realen Probleme nicht behandelt. Da sollte ein Schwerpunkt in der Ausbildung sein, damit die jungen Studenten dann auch in die Welt gehen, um da ganz konkrete Erfahrungen machen, die sie dann wiederum in ihr Studium einbringen.

„Viele glauben, dass die Volkswirtschaftslehre die realen Probleme nicht behandelt“

Mehr Einfluss, als oft bewusst ist

Radio Vatikan: Wenn man an Volkswirtschaftslehre denkt, dann kommen da oft negative Beispiele. Wie denken Sie, kann VWL die Welt verändern?

Professor Bofinger: Die Volkswirtschaftslehre und Volkswirte haben einen enormen Einfluss auf die Welt. Ich glaube, das ist den meisten Menschen gar nicht so bewusst, weil es natürlich nicht so viele professionelle Volkswirte sind, die darin dann auch beruflich da tätig sind. Aber Volkswirte sind in Ministerien, in Notenbanken, in internationalen Institutionen, oder jetzt im Internationalen Währungsfonds, oder in Kommission und die sind dann eben beratend tätig, wo die Wirtschaftspolitik betrieben wird. Das gilt in den eigenen Ländern, aber auch wenn Volkswirte dann für die Weltbank arbeiten, für den Währungsfonds arbeiten, und damit auch in anderen Ländern, dann prägen sie ja die Welt damit.

Ausbildung ist elementar - und da gibt's Luft nach oben

Deswegen ist es so wichtig, dass die jungen Volkswirte auch eine vernünftige Ausbildung bekommen. Das Problem – und das war mein Thema am Freitag –ist eben, dass die Grundvorlesung der Volkswirtschaftslehre - also das was ganz am Anfang der Ausbildung kommt - enorm von Büchern geprägt ist, die die reine Marktlehre doch sehr stark predigen. Damit wird letztlich der Staat eher als Störenfried denn als Lösung von Problem dargestellt. Das prägt natürlich die jungen Leute. Wenn sie dann Politikberater sind, dann hat das auch Folgen für die eigene Länder und für die ganze Welt.

Anna Maria Geogy, Lehrerin in Indien und Teilnehmerin bei Economy of Francesco
Anna Maria Geogy, Lehrerin in Indien und Teilnehmerin bei Economy of Francesco

Radio Vatikan: Sie haben eben von der reinen Marktlehre gesprochen. Da gibt es ja eigentlich das Bild, dass man vom Papst Franziskus hat, nämlich dass er ein vehementer Kritiker der reinen Marklehre sei. Er spricht sich ja oft gegen die Herrschaft des Marktes aus. Welchen Einfluss kann denn ein Papst Franziskus auf das VWL-Studium haben. Kann ein Papst sozusagen auch da eine Prägung mitgeben?

Professor Bofinger: Das ist natürlich schwierig, da eine Prägung zu geben, weil die Prägung aus den Lehrbüchern kommt und dass diese Lehrbücher sich verändern, ist  ein sehr langer Weg. Das hat eine unheimliche Trägheit. Aber ich finde es richtig, wenn der Papst jetzt in seiner neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ sagt, dass eben nicht der Markt die Politik bestimmen sollte, sondern dass umgekehrt, die Politik den Markt Schranken setzten muss. Meines Erachtens ist es ganz klar, dass der Markt ein sehr gutes System ist, aber der Markt hat eigene Kräfte, die man einhegen muss. Rolle des Staates ist, die Kräfte des Marktes so zu gestalten, dass sie eben zu dem führen, was Ludwig Erhard als Wohlstand für alle bezeichnet hat.

„Rolle des Staates ist, die Kräfte des Marktes so zu gestalten, dass sie eben zu dem führen, was Ludwig Erhard als Wohlstand für alle bezeichnet hat“

Und es gibt ja Länder, die das gut hinbekommen, das habe ich am Freitag auch dargestellt. Wenn Sie sich die skandinavischen Länder ansehen, dann zeichnen die sich ja dadurch aus, dass dort die Ungleichheit sehr gering ist. Und auf der anderen Seite sind ja das Volkswirtschaften, die auch sehr leistungsfähig und sehr erfolgreich sind. Ich glaube, es ist wichtig, dass man jetzt nicht den Markt verteufelt, und dass man auch nicht den Staat verteufelt, sondern dass man eine Synthese hinbekommt, bei der der Staat im Führerstand sitzt, dann aber den Kräften auch die Entfaltung ermöglicht und zwar so, dass insgesamt – und ich wiederhol das noch mal – heraus kommt, was dann für alle gut ist. Es kann gelingen. Man muss aber ständig dran arbeiten, damit diese Balance nie verloren geht.

Papst Franziskus beim Angelus
Papst Franziskus beim Angelus

„Ich finde es sehr faszinierend, dass der Papst sich tief Gedanken macht, wie man die Wirtschaft gestaltet; wie man eine bessere Wirtschaft hinbekommt, die also mehr den Menschen dient, als bisher der Fall ist.“

Radio Vatikan: Was hat Sie denn auch persönlich dazu motiviert, bei „Economy of Francesco“ mitzumachen?

Professor Bofinger: Ich finde es sehr faszinierend, dass der Papst sich tief Gedanken macht, wie man die Wirtschaft gestaltet; wie man eine bessere Wirtschaft hinbekommt, die also mehr den Menschen dient, als bisher der Fall ist. Ich glaube, das ist ein unglaublich wichtiges Unterfangen und ich denke, es ist auch wichtig, dass wir als Ökonomen uns da einbringen und eben von unserer Seite aus im ökonomischen Grundgedanken und Grundmechanismen in die Debatte einbringen. Ich glaube, das ist genau das, was Sie gerade gesagt haben, vielleicht müsste man stärker noch an diesem Dialog zwischen Ökonomie und Theologie arbeiten. Ich denke am Freitag war das ein sehr erfolgversprechender Start und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich glaube auch die jungen Menschen, die da waren, fanden das toll. Und ich muss sagen: ich habe selten so bedauert, dass das nur eine Online-Veranstaltung war. Es war ein toller Geist da und das jetzt mit dem Menschen real zu erleben, wäre natürlich noch viel schöner gewesen, aber vielleicht ist das ja nicht die letzte Veranstaltung dieser Art.

„stärker noch an diesem Dialog zwischen Ökonomie und Theologie arbeiten“

Radio Vatikan: Das heißt, Sie würden gerne nochmals mitmachen, wenn es eine zweite Veranstaltung dieser Art gebe?

Professor Bofinger: Ja, sehr gerne! Wenn es dann mit den Menschen real wäre, dann wäre das natürlich noch viel faszinierender, aber dafür, dass es eine Online-Veranstaltung war, gab es eine sehr gute Atmosphäre.

Das Gespräch führte Mario Galgano.

(vatican news)

21 November 2020, 11:38