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Buchtipp: Paul Baddes „Abendland“

„Abendland“: Das ist ein Begriff, von dem derzeit nur neuheidnische Nationalisten zu träumen scheinen – ausgerechnet. Zum Glück hat das Abendland jetzt in Paul Badde, einem Chesterton unserer Zeit, einen Apologeten gefunden. Oder besser gesagt: einen Erzähler.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt  

Denn es verhält sich ja wirklich so, wie schon die ersten zwei Sätze von Baddes neuem, im fe-Medienverlag erschienenen Opus sagen: „Das Abendland ist kein Land. Es ist eine Geschichte.“ Diese „Geschichte einer großen Sehnsucht“ muss man erzählen. Und das tut der frühere Geschichtslehrer und Reporter Badde so spannend und kundig, wie nur er das vermag. 

Seine Prämisse: Das Abendland hat sich „um die Geschichte der Kirche herum entwickelt“, oft auch in Reibung mit ihr. Von einem verklärenden Blick hält dieser Autor allerdings nichts; sein Abendland ist, ja war schon immer ein Krisenland, „fast könnte man es ein Labor der Krisen nennen“. 

Europa – ein chaotischer Turm von Babel  

Vor dem inneren Auge des Lesers entsteht kein wohlgeordnetes „europäisches Haus“ und auch kein himmlisches Jerusalem – auch wenn die entsprechende Vision der „Offenbarung des Johannes“ als geheimer Masterplan Europas gedeutet wird. Stattdessen erhebt sich hier ein Turm von Babel: vielstimmig, chaotisch, inspiriert. 

Von der Hagia Sophia über den Führerbunker zum Petersplatz  

Paul Baddes Abendland ist ein „Road movie“. Er verzichtet auf Fußnoten, geht assoziativ vor. Wir streifen mit ihm durch die Hagia Sophia. Fahnden in einem Münchner Safe nach einem alten Codex. Besuchen Reims und den Monte Cassino. Entdecken an einem Berliner Spielplatz die Reste von Hitlers letztem Bunker. Führen in einem Prager Café ein fiktives Gespräch mit Michail Gorbatschow, György Konrád und Karol Wojtyla.  

Und wir erleben – das ist die letzte Szene – den eindringlichen „Urbi et Orbi“ von Papst Franziskus am menschenleeren Petersplatz, während des Corona-Lockdowns im März 2020. Alles im Präsens.  

Dieses Abendland geht nicht unter  

Bewegend wird es immer, wenn Badde an die Geheimnisse des christlichen Glaubens rührt. Und es ist atemberaubend, wie er den Bogen vom Glauben zur Geschichte schlägt und zu dem, was das Abendland in seinem tiefsten Kern ausmacht. 

Oswald Spengler hat einst über den „Untergang des Abendlandes“ geschrieben. Hier ist jetzt endlich, hundert Jahre und einen Weltkrieg später, die Antwort auf Spengler. 

Ich musste beim Lesen an einen Vers der deutsch-jüdischen Dichterin Rose Ausländer denken: „Mein Venedig versinkt nicht“. Auch Paul Baddes Abendland („ein Kontinent der Kathedralen“) kann gar nicht untergehen. Es kann sich höchstens häuten, eine neue Metamorphose erleben. Vielleicht ist ja auch die Corona-Krise, wie der Autor hofft, Ausgangspunkt für einen neuen Paradigmenwechsel im alten Europa…  

(vatican news)

28 November 2020, 09:50