Bischof Georg Bätzing Bischof Georg Bätzing 

Bätzing: „Eine sehr kritische Analyse“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hat die neue Enzyklika von Papst Franziskus gewürdigt. „Das ganze Dokument ist getragen von der Kraft des Evangeliums“, sagte er am Sonntag in seiner Bischofsstadt Limburg.

„Das ist kein politischer Text. Es ist ein Text, der politische Wirksamkeit entfalten will, denn Evangelium ist immer auch politisch. Aber für den Papst ist das Schreiben und zur-Verfügung-Stellen dieses Textes ein zutiefst religiöser Akt. Er gibt seiner religiösen Überzeugung, dass die Geschwisterlichkeit der Menschen und die soziale Freundschaft ein Auftrag an uns alle sind, Ausdruck und Gestalt.“

Anders als viele im Vorfeld behauptet hätten, sei „Fratelli tutti“ keine „Corona-Enzyklika“. Aber natürlich sei viel von den Erfahrungen, die wir angesichts der Pandemie machen, in den Text eingeflossen.

„Um klare Worte nicht verlegen“

„Ich verstehe diese Enzyklika als ein dringliches Werben darum, dass die Würde jedes einzelnen Menschen zum Fundament sozialer, politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Entwicklungen gemacht werden sollte. Und dass überall dort, wo diese Entwicklungen über die Würde des Menschen hinausgehen, wir uns fragen lassen müssen, ob wir hier wirklich dem Frieden dienen, dem Zusammenhalt der Völker, der internationalen Kooperation und dem Dialog.“

Franziskus sei „um klare Worte nicht verlegen“, so der Limburger Bischof. „Es ist eine sehr kritische – zeitkritische, politikkritische, wirtschaftskritische – Analyse von Problemhorizonten, die wir vom Papst schon von seiner vorherigen Enzyklika Laudato si‘ her kennen.“

Zum Nachhören

Wichtige Worte zur Aufnahme von Migranten

Der Papst stemme sich in der Enzyklika gegen das neoliberale Wirtschaftsmodell und setze sich beredt für Frieden und Abrüstung ein. Besonders wichtig auch für den deutschen Kontext findet Bischof Bätzing, was Franziskus zum Thema Migration zu bedenken gibt.

„Er sagt: Wir gehen in eine Welt hinein, in der Migration kein vorübergehendes, sondern ein bleibendes Phänomen ist. Er lädt zur Integration von Geflüchteten ein, die ein Anrecht darauf haben, in unseren reichen Ländern Aufnahme zu finden; er lädt dazu ein, deren Integration als positiven Schritt der Weiterentwicklung unserer Kulturen zu verstehen.“

„Eine sehr starke These gegen Populismus“

Kulturen entstünden nicht durch Abschottung, sondern durch Synthese von Eigenem und Fremdem, und so entwickelten sie sich weiter. „Ich finde, das ist eine sehr starke These, die ganz deutlich gegen Populismus und nationalstaatliche Abschottung aufsteht… Das ist ein Plädoyer für Integration und für die Sorge um Geflüchtete und Migranten jeder Art.“

Auch die sozusagen islamische Inspiration des Papst-Textes hat es Bätzing angetan. Wie überhaupt der beschwörende, engagierte Ton von Franziskus: „Wenn man angesichts der großen weltweiten Probleme den Eindruck haben könnte, dass der Einzelne da nichts ausrichten kann, sagt er: Doch! Es fängt beim veränderten Verhalten von uns Einzelnen an! So wird die Welt der Geschwisterlichkeit gebaut werden. Das gründet auf einer Hoffnung, dass der Fortschritt der Völker keine Utopie bleibt, sondern eine Wirklichkeit ist.“

(vatican news - sk)
 

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04. Oktober 2020, 13:12