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Arbeiter im Weinberg - Codex aureus Epternacensis XI. Jahrhundert Arbeiter im Weinberg - Codex aureus Epternacensis XI. Jahrhundert 

Unser Sonntag: Bei Gott gibt es keine halben Denare

Sr. Ursula Hertewich meint in ihrem Kommentar zum Evangelium von den Arbeitern im Weinberg, dass man sich eigentlich darüber freuen müsste, dass der Gutsbesitzer die meisten der Arbeiter deutlich übertariflich bezahlt. Jesus, so die Ordensfrau, mache allen einen Strich durch die Rechnung, die geistliches Leben mit spirituellem Hochleistungssport verwechseln.

Sr. M. Ursula Hertewich, OP

Mt 20, 1-16

Vor einigen Jahren war ich eingeladen, bei einer Talkshow zum Thema „Ausgebrannt und überfordert“ mitzudiskutieren. Als Vertreterin einer Ordensgemeinschaft, in deren Gästehaus ganzheitliche Erholung angeboten wird, sollte ich etwas davon erzählen, mit welchen Themen die ausgebrannten und überforderten Menschen von heute zu uns ins Kloster kommen. Gemeinsam mit mir saß auch der deutsche Unternehmer Sven Franke in der Runde, der im Rahmen der Sendung etwas zu seinem Projekt „Augenhöhe – Der Film“ erzählte. Er berät Unternehmen, Organisationen und Schulen bei Veränderungsprozessen und setzt sich mit großer Leidenschaft für Partizipation und Mitarbeiterbeteiligung ein.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Ich staunte nicht schlecht, als er mir am Rande der Sendung von Projekten erzählte, bei denen alle Mitarbeitenden einer Firma ohne irgendwelche Vorgaben von außen selbst entscheiden dürfen, mit welchem Lohn sie ihre Arbeitskraft vergütet haben möchten. Überraschenderweise hatte dieses Vorgehen zur Folge, dass die beteiligten Unternehmen zum Teil deutliche Einsparungen bei den Lohnzahlungen verzeichneten, die Mitarbeitenden aber gleichzeitig zufriedener waren und sich gerecht behandelt fühlten, da sie ja ihr Gehalt selbst bestimmt hatten.

„Eigentlich müsste man sich als Hörer des Gleichnisses ja darüber freuen, dass der Gutsbesitzer die meisten der Arbeiter deutlich übertariflich bezahlt“

Als ich mich mit dem heutigen Sonntagsevangelium beschäftigt habe, musste ich etwas schmunzelnd an diese Begegnung zurückdenken. Wie wäre die Geschichte wohl ausgegangen, hätten sich die Arbeiter im Weinberg selbst entlohnen dürfen? Ehrlich gesagt, ich bin mir fast sicher, dass auch der Gutsbesitzer im Evangelium eine Menge Geld gespart hätte, wäre er vorgegangen wie die innovativen Unternehmer, von denen Sven Franke mir erzählte. Welcher der Arbeiter, die noch zur elften Stunde angeheuert wurden und nur eine Stunde im Weinberg aktiv waren, hätte es gewagt, sich selbst mit dem üblichen Tagessatz von einem Denar zu entlohnen? Es ist interessant: Eigentlich müsste man sich als Hörer des Gleichnisses ja darüber freuen, dass der Gutsbesitzer die meisten der Arbeiter deutlich übertariflich bezahlt und niemand von ihnen übervorteilt wird, aber trotzdem wirkt das ganze Szenario erst einmal alles andere als fair.

Ist das gerecht: Gleicher Lohn für alle?

Jesus vergleicht das Himmelreich mit einem Gutsbesitzer, der von frühmorgens bis spätabends damit beschäftigt ist, Arbeiter für seinen Weinberg zu gewinnen. Mit der ersten Truppe, die er am frühen Morgen rekrutiert, vereinbart er noch explizit einen Arbeitslohn von einem Denar am Tag. Denjenigen, die um 9 Uhr, um 12 Uhr, und um 15 Uhr angeheuert werden, gibt er nur die Zusage: „Ich werde Euch geben, was recht ist.“ Und bei denjenigen, die er um 17 Uhr noch untätig herumlungernd auf dem Marktplatz antrifft, ist von Lohn schon gar keine Rede mehr. Bis dahin fühlt sich erst einmal alles völlig in Ordnung an, der Gutsbesitzer scheint ein netter Mann zu sein, für den sich gut arbeiten lässt.

Sr. M. Ursula Hertewich
Sr. M. Ursula Hertewich

Doch dann geschieht das völlig Unerwartete: Die Stunde der Abrechnung kommt, und der Verwalter wird beauftragt, den Arbeitern ihren Lohn auszuzahlen – „angefangen bei den Letzten, bis hin zum Ersten!“ „Muss das eigentlich sein?“, frage ich mich da unweigerlich, und ich erinnere mich, dass mich diese Frage schon als Kind beschäftigte. – Muss das eigentlich sein, dass der Gutsbesitzer die Arbeiter der ersten Stunde, die ihm deutlich mehr Dienste erwiesen haben, die „die Last des Tages und die Hitze ertragen“ mussten, derart brüskiert? Hätte man das nicht deutlich charmanter und diplomatischer abwickeln können? Es wäre ja ein Leichtes gewesen, die Gehälter so auszuzahlen, dass die Ersten ihren vereinbarten Lohn auch als Erste erhalten, so dass sie überhaupt nicht mitbekommen hätten, dass die anderen Arbeiter für deutlich weniger Mühen das Gleiche bekommen.

„...es geht um eine Provokation von Menschen, die sich in ein unheilvolles Leistungsdenken verstrickt haben“

Eines ist mir inzwischen klar: Es geht in diesem Gleichnis definitiv nicht um die glatte Abwicklung einer Lohnauszahlung, es geht um eine Provokation von Menschen, die sich in ein unheilvolles Leistungsdenken verstrickt haben. „In der Welt“, im zwischenmenschlichen Miteinander mag es ja durchaus seine Berechtigung haben, als Arbeiter einen gerechten und angemessenen Lohn zu erwarten, in Übereinstimmung mit der eingesetzten Arbeitskraft. Existentiell bedrohlich wird es allerdings, wenn dieses sehr dominante menschliche Denkmuster auf das geistliche Leben übertragen, oder gar der Wert einer Person an ihrer Leistungsfähigkeit bemessen wird.

Zweiklassengesellschaft im Himmelreich?

Man muss sich nur einmal vorstellen, die Aussage des Gleichnisses wäre gewesen: Wer mehr für das Reich Gottes tut, wer den Ruf zur Arbeit in Gottes Weinberg früher vernimmt, wird im Himmelreich einen größeren Lohn erwarten können als derjenige, der die meiste Zeit seines Lebens vor sich hindümpelt, weil niemand ihn angeheuert hat. Ist es nicht ein grauenhafter, vollkommen gnadenloser Gedanke, gäbe es auch im Himmelreich eine „Zweiklassengesellschaft“, wo diejenigen, die rechtzeitig bei der Stelle waren, eine andere Gehaltsklasse einnehmen, als diejenigen, denen jenes Glück der frühen Stunde verwehrt geblieben ist? Leistung an sich ist ja nichts Verwerfliches, ganz im Gegenteil. Der unermüdliche Einsatz des Gutsbesitzers, Arbeitskräfte anzuheuern, lässt keinerlei Zweifel daran, dass es nicht unsere Bestimmung ist, den ganzen Tag untätig auf dem Markt dahinzuvegetieren.

Arbeit ist göttlicher Auftrag

Es gehört zu unserer menschlichen Würde, es ist unser göttlicher Auftrag zu arbeiten, etwas zum großen Ganzen beizutragen und dadurch Selbstwirksamkeit zu erfahren. An anderer Stelle sagt Jesus sogar: „Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.“ Mit der eindrücklichen Geschichte des heutigen Evangeliums will er allerdings jenen Zeitgenossen einen kräftigen Strich durch die Rechnung machen, die geistliches Leben mit spirituellem Hochleistungssport verwechseln und auf diese Weise in der Gefahr stehen, im Guten zu verhärten.
Bevor ich 2006 ins Kloster eingetreten bin, hatte ich einige Jahre als Apothekerin in einem naturwissenschaftlichen Arbeitskreis an der Universität des Saarlandes gearbeitet. Wir erfreuten uns dort innerhalb des Kollegenkreises an einem wunderbaren Arbeitsklima, in dem es uns allen leichtfiel, unser Bestes zu geben. Ich muss heute noch darüber lachen, dass einer meiner Kollegen manchmal nach einem langen, erfüllten Arbeitstag sagte: „Heute hatten wir so viel Spaß, wir müssten eigentlich fairerweise unser Gehalt zurückzahlen.“

Bei Gott gibt es keine halben Denare

Ja, es stellte sich ganz oft das Gefühl ein, dass uns im Rahmen unserer Arbeit durch das unbeschwerte menschliche Miteinander weit mehr geschenkt wurde, als wir uns verdienen konnten. Wenn ich auf meine persönliche Zeit der Arbeit in Gottes Weinberg schaue, dann geht es mir genauso. Ich zähle wahrscheinlich zu jenen Arbeitern, die bereits am frühen Morgen in den Dienst getreten sind, da ich das Glück hatte, schon als Kind von Gott berührt worden zu sein. Schon als Achtjährige war es für mich klar, dass ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften für ihn und mit ihm in dieser Welt wirken will, weil ich schon damals ahnte, dass die Botschaft des Evangeliums das Potential hat, alle Menschen glücklich zu machen.

„Jeder Mensch braucht mehr Liebe, als er verdient“

Ich wollte dafür kämpfen, dass möglichst viele davon hören… Auch wenn nach vielen Jahren die Mittagshitze nun manchmal drückt und es Zeiten gibt, in denen alles mühsam zu sein scheint: allein das Wissen darum, dass Gott uns Menschen für würdig erachtet, Seine Gegenwart in den Herzen der Anderen wachzuhalten, für Ihn und mit Ihm in diesem Weinberg zu wirken, ist für mich ein weit größerer „Lohn“ als alle Reichtümer der Erde. Bei Ihm gibt es keine halben Denare, bei Ihm gibt es keinen Hungerlohn, Er schenkt sich uns immer ganz, wenn wir uns rufen lassen. Und genau diese verschwenderische Liebe, diese Großzügigkeit haben wir so dringend nötig, wenn wir meinen, uns unsere Daseinsberechtigung durch außergewöhnliche Leistungen verdienen zu müssen. Gott wird dadurch jedem Menschen gerecht, auch wenn sein Handeln provoziert und unsere Selbst-Gerechtigkeit zuweilen gegen den Strich bürstet. Denn, wie es jemand einmal so treffend ausdrückte: „Jeder Mensch braucht mehr Liebe, als er verdient.“

(radio vatikan - claudia kaminski)
 

19 September 2020, 10:13