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Einkaufen am Sonntag Einkaufen am Sonntag  (AFP or licensors)

D: „Sonntag ist Zeit der Gemeinsamkeit in den Familien“

Aufgrund der Corona-Krise soll es nun vier zusätzliche verkaufsoffene Sonntage geben. Ist der Sonntagsschutz dadurch gefährdet? Die Kirchen zeigen Verständnis. Die katholischen Unternehmer sind hin und her gerissen. „Man muss in dieser Situation gut abwägen", so der BKU-Vorsitzende Ulrich Hemel. Ein Interview des Kölner Domradios.

DOMRADIO.DE: Der Sonntag ist für die katholische Kirche heilig: ein Tag der Ruhe, ein Tag, um den Gottesdienst zu besuchen. Aufgrund der Corona-Krise soll es jetzt vier zusätzliche verkaufsoffene Sonntage geben. Wie stehen Sie dazu?

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel (Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer / BKU): Ich glaube, da muss man sehr gut abwägen. Wir haben auf der einen Seite tatsächlich einen Ruhetag nötig und der ist auch im Christentum vorgesehen. Das ist der Sonntag und das ist uns sehr viel wert. Auf der anderen Seite haben wir das Bedürfnis der Gesellschaft, am Sonntag die Zeit auch für Einkäufe zu nutzen, speziell in diesen anfänglichen Post-Corona-Zeiten.

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Man kann sehr klar sagen, dass wir als Katholiken und Katholikinnen einen starken Sonntagsschutz möchten. Aber wir können nicht für die gesamte Gesellschaft entscheiden, was die Menschen am Sonntag tun sollen. Deswegen kann ich die Initiative der Landesregierung verstehen, auch wenn ich innerlich natürlich denjenigen nahestehe, die den Sonntagsschutz möchten. Wir müssen aber lernen, gerade als Katholiken und Katholikinnen, dass unsere Vorstellung nicht die gesamte Gesellschaft prägt.

DOMRADIO.DE: Ver.di will nun dagegen klagen und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung sagt, jetzt sei die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger gefordert und nicht mehr verkaufsoffene Sonntage. Schließlich könne man jeden Euro auch nur einmal ausgeben. Warum nicht in der Woche, sondern ausgerechnet am Sonntag?

Hemel: Der Sonntag ist nach wie vor eine Zeit der Gemeinsamkeit in den Familien, in den Partnerschaften. Die Möglichkeit, Entspannung mit dem Einkaufserlebnis zu verbinden, ist für viele Leute tatsächlich anstelle des Sonntagsgottesdienstes getreten, ob wir uns das wünschen oder nicht. Ich finde, wir sollten uns da auch ein bisschen an die eigene Nase fassen. Wenn wir spirituell eindrückliche und gute Sonntagsgottesdienste haben, werden die auch mehr besucht werden. Wir sollten diese einladende Seite unseres Glaubens noch stärker in den Vordergrund stellen und nicht so sehr das, was verboten ist.

DOMRADIO.DE: In der Kirche gibt es ganz unterschiedliche Meinungen. Der Leiter des katholischen Büros in Düsseldorf, Antonius Hamers, hat der Ausnahmeregelung für diese vier verkaufsoffenen Sonntage zugestimmt. Aber besteht damit nicht auch die Gefahr, dass der Sonntagsschutz zunehmend verwässert und später immer sonntags geöffnet sein wird?

Hemel: Diese Gefahr besteht tatsächlich. Aber ich habe hier auch zwei Seelen in der Brust. Ich finde, dass wir mit unserem spirituellen Angebot, mit der Glaubensfreude, die wir auch vermitteln möchten, einfach selbst stärker wirken und uns selber aktiv dafür einsetzen, dass wir am Sonntag auch eine Zeit der inneren und der geistlichen Ruhe haben. Wenn sich die Gesellschaft insgesamt verändert, dann müssen wir das letzten Endes zur Kenntnis nehmen und in unserem eigenen Sinne darauf einwirken.

DOMRADIO.DE: Auf unserer Facebook-Seite haben wir gestern eine Umfrage unter den Usern gestartet. 75 Prozent der Menschen, die mitgemacht haben, waren gegen die zusätzlichen verkaufsoffenen Sonntage. Was sagen Sie denen?

Hemel: Hier ist die erste Frage, welches Zielpublikum Sie haben. Natürlich sind bei den Menschen, die ihre Facebook-Seite nutzen, viele dabei, die der katholischen Welt sehr verbunden sind. Auf der anderen Seite haben wir einen Schulterschluss mit den Gewerkschaften und das verstehe ich gut. Es ist am Ende auch eine Frage, die der Menschlichkeit zugute kommt, wenn man nicht zu jeder Zeit alles tun kann. Trotzdem gibt es auch die Möglichkeit online einzukaufen, wann immer man möchte. Das sieht nur keiner. Das heißt, wir hätten hier eine gewisse Bevorzugung des Online-Handels gegenüber dem stationären Handel. Das finde ich auch wieder schwierig. Denn die kleinen und mittleren Ladengeschäfte kämpfen gerade in dieser Corona-Zeit ums Überleben. Deswegen braucht man wirklich beide Sichtweisen.

Das Interview führte Dagmar Peters

(domradio - mg)

04 Juli 2020, 10:39