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DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer 

„Eine Geburt ist auch in Corona-Zeiten ein freudiges Ereignis“

So manches ist im Gesundheitssystem in den letzten Jahren „auf der Strecke geblieben“, in der Pflege und auch der Geburtshilfe. Das bringt die Corona-Krise jetzt ans Licht. Dennoch: „Eine Geburt ist auch in Corona-Zeiten ein freudiges Ereignis“, erinnert die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Ulrike Geppert-Orthofer, im Interview mit Radio Vatikan. Dass sich der Papst in seiner Botschaft zum „Internationalen Tag der Pflege“ für die Geburtshilfe stark macht, freut sie sehr.
Hier hören Sie das gesamte Interview

Vatican News: Papst Franziskus hat in seiner Botschaft explizit Hebammen und deren kostbaren Dienst am Leben gewürdigt. Frau Geppert-Orthofer, was sagen Sie dazu? Hätten Sie damit gerechnet?

Geppert-Orthofer: Da freuen wir uns sehr darüber, dass Papst Franziskus sich dieses Themas annimmt, weil wir genau diese Unterstützung von bedeutender Stelle wirklich auch brauchen für die Geburtshilfe – eigentlich weltweit!

Vatican News: Die Corona-Krise bringt für Hebammen und werdende Mütter eine besondere, eine schwierige Situation mit sich. Wie hat sich das auf die Geburtshilfe ausgewirkt?

Geppert-Orthofer: „Die Corona-Krise macht zum einen deutlich, was für Fehlentwicklungen es gegeben hat in der Geburtshilfe. Wir sehen, dass Krankenhäuser Begleitpersonen teilweise nicht mehr zulassen zur Geburt. Das bedeutet dann in dem Fall für Frauen, dass sie häufig ganz alleine sind, weil auch die Hebammen mehrere Frauen gleichzeitig betreuen. Wenn bei einer Frau Covid-19 positiv bestätigt wurde, dann hat sie das Glück, dass sie eine Hebamme hat, die sich ausschließlich um sie kümmert. Und das ist aber eigentlich das, was jeder Frau zusteht während der Geburt! Die Geburt ist eines der existentiellsten Ereignisse im Leben der Frauen und Familien und natürlich der Kinder, die dort geboren werden, und bedarf einfach unser aller Aufmerksamkeit, die größtmögliche Wertschätzung und die bestmögliche Versorgung. Und da ist in den vergangenen Jahren einiges auf der Strecke geblieben. Und das zeigt sich jetzt unter Corona ganz besonders. Dass Papst Franziskus das jetzt so deutlich zum Ausdruck bringt, ist das, was Hebammen und werdende Eltern sich eigentlich seit Jahren wünschen. Und insofern freuen wir uns natürlich sehr darüber.“

Vatican News: Geburten in Corona-Zeiten machen also derzeit, auch in Deutschland, Frauen eher Angst?

Geppert-Orthofer: „Was mir wichtig ist zu betonen, und das kommt in diesen Zeiten immer zu kurz: Dass eine Geburt auch in Corona-Zeiten ein freudiges Ereignis ist, das existenziell ist für Frauen, für Familien, für unsere Gesellschaft. Und wir müssen als Gesellschaft alles dafür tun, dieses Ereignis so positiv wie möglich zu gestalten. Wie eine Geburt erlebt wird, hat einen Einfluss auf Familienbindung, aber auch auf die Gesundheit der Familie. Wir müssen bereit dazu sein, möglichst viel Aufmerksamkeit, Mittel, Betreuung, natürlich auch medizinischen Hintergrund zur Verfügung zu stellen, damit dieser Start ins Leben gelingt, denn Geburten stellen unsere Zukunft sicher.“

Vatican News: Die Geburtshilfe ist ja in Deutschland seit einiger Zeit in der Krise, klagen Hebammen - was Berufsbedingungen und was den Umgang mit Kliniken mit diesem Dienst betrifft... Wie stellt sich die Lage der Hebammen derzeit dar? Wo sehen Sie die größten Probleme?

Geppert-Orthofer: Das große Problem sehen wir gerade darin, dass auch jetzt die Geburtshilfe häufig vergessen wird oder wurde – so wurde nicht automatisch auch für Hebammen die Schutzkleidung mit berücksichtigt, die Kindernotbetreuung wurde nicht automatisch und selbstverständlich auch für Hebammen-Mütter geschaffen.. Und daran zeigt sich, dass die Geburtshilfe nicht wirklich in unserem gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein verankert ist. Und das zeigt sich jetzt noch einmal ganz gravierend.

Vatican News: Der Papst wirbt in seiner Botschaft konkret für mehr Investitionen im Gesundheitssektor und mehr Anerkennung der Pflegeberufe und der Geburtshilfe, die ja hauptsächlich durch Frauen geleistet werden. Warum wäre diese Aufwertung so wichtig? 

Geppert-Orthofer: Zunächst würde diese Aufwertung bedeuten, dass sich die Versorgungs- und Betreuungssituation maßgeblich verbessern würde. Mit einer Aufwertung sehen wir, dass wir angemessene Personalschlüssel sicherstellen können für die Frauen. Damit geht einher eine bessere Betreuungsqualität und ein besserer Start ins Leben. Wir stellen fest in der Geburtshilfe wie überall im medizinischen Bereich, dass sehr viel Geld und Investitionen in die Intensivmedizin fließen, dass aber an menschlicher Zuwendung, die in der Geburtshilfe und auch in der Pflege maßgeblich eine Verbesserung des „Outcome“ bedeuten, gerne gespart wird! Und das ist eine Fehlentwicklung, die wir seit Jahren immer wieder anmahnen. Wo Menschen geboren werden, braucht es auch menschliche Zuwendung, Kompetenzen und empathischen Beistand – und manchmal braucht es medizinische Maßnahmen. Was wir erleben ist aber, dass lange an Personal gespart wurde, die Arbeitsbedingungen sich über Jahrzehnte seit Einführung des Systems der Fallpauschalen-Finanzierung (gängiges System der Leistungsabrechnung in Krankenhäusern, das sich an vorgegebenen ökonomischen Maßgaben orientiert – und das damit auch die Tätigkeit von Hebammen reguliert, Anm.) verschlechtert haben. Das hängt mit einer zunehmenden Ökonomisierung der Krankenhäuser und der Tatsache zusammen, dass Krankenhäuser Gewinne abwerfen sollen. Die Arbeitsbedingungen in der Geburtshilfe sind dadurch jetzt so, dass sich die Menschen, die in diesem System arbeiten, tatsächlich umorientieren. Das hätte man gut verhindern können, wenn man frühzeitig darauf geachtet hätte, dass die Arbeitsbedingungen gut sind. Und die macht man dort gut, wo man der Arbeit selbst eine angemessene Bedeutung gibt, und mir fällt nichts ein, was bedeutender sein kann als wenn ein Mensch geboren wird oder Menschen gepflegt werden.

Vatican News: Franziskus sagt auch, diese Profis im Gesundheitssektor, die dort täglich arbeiten und einen reichen Erfahrungsschatz mitbringen, müssen stärker einbezogen werden, wenn es um eine Gestaltung des Gesundheitssystems geht. Welche Chance sehen Sie da – im Vergleich zur aktuellen Situation? Man könnte auch fragen: wo wird das Potential der Hebammen noch gar nicht ausgeschöpft?

Geppert-Orthofer: Es ist so, dass unsere Entscheidungsgremien in der Tat noch nicht alle Berufsgruppen abgebildet haben, so dass keine Hebammen in übergeordneten Entscheidungsgremien weder automatisch in Krankenhäusern noch auf politischer Ebene vorgesehen sind. Wir stellen fest, dass unsere ganze Betreuung eine sehr ,Arzt-lastige' Sicht hat, die stark vom Gesichtspunkt heilen kommt, während die Hebammen mehr von der Richtung Gesunderhaltung kommen. Und das besser zu kombinieren schon bereits in Gremien, die Entscheidungen treffen, wie wir unser Gesundheitssystem gestalten, da gibt es mit Sicherheit noch viele Möglichkeiten, voneinander zu lernen. Im Moment ist es noch sehr einseitig, und da mehr Perspektiven reinzubringen, würde mit Sicherheit zu einer Verbesserung der Situation führen. Wir haben in Deutschland ein gutes Ergebnis, was kindliche und mütterliche Sterblichkeit betrifft. Wir haben, was Betreuungsschlüssel und Frühgeburtlichkeit angeht, da sind wir noch nicht einmal mit dem Maß – also da würde es uns ganz gut zu Gesicht stehen, weitere Perspektiven in die Gestaltung des Gesundheitssystems mit einzubeziehen. Es würde auch dazu führen, dass die Tätigkeit, die man nicht in Maßnahmen messen kann, anders aufgewertet würde. Im Moment wird bezahlt, wenn viele Eingriffe stattfinden. Es wird nicht so viel bezahlt, wenn Eingriffe verhindert werden durch eine aufmerksame, ressourcenfördernde Betreuung.

Vatican News: In der Tat ist die Geburtshilfe ein Bereich, der viel mit einem lebendigem Zugang zu tun hat. Wie in der Pflege reicht es da nicht, allein einem Protokoll zu folgen, sagt auch Franziskus, man muss sich mit den Betreuten ja ständig auf eine veränderte Situation einstellen. Ist in unserem westlichen, „durchgetakteten“ Gesundheitssystem Platz für einen solchen Zugang?

Geppert-Orthofer: Diesen Raum müssen wir schaffen. Das ist ein bedeutendes Ereignis, das braucht Raum. Wenn ich für eine gute Geburtshilfe als Gesellschaft nicht bereit bin, dieses zu ermöglichen, dann sagt das etwas aus über unsere Gesellschaft. Das ist in der Tat, finde ich, eine gesellschaftliche Entscheidung, und das ist genau das, wo wir ansetzen müssen.

Vatican News: Haben Sie eine Vermutung, warum das in Deutschland etwa nicht so ist? Oder Beispiele von Ländern, wo es anders, besser läuft?

Geppert-Orthofer: Wir haben ja auch einige Länder um Deutschland rum, wo so etwas sichergestellt wird, dass eine Frau während der Geburt niemals ohne Hebamme ist. Wir haben Holland mit der Hausgeburtshilfe, die in einem guten Betreuungsschlüssel stattfindet, wir haben Skandinavien mit der Hebamme als Primärverfolgerin einer Geburt, da ist bei jeder Geburt ununterbrochen eine Hebamme dabei. Wir haben in Großbritannien den rechtlichen Anspruch der Frauen auf eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Insofern haben wir diese guten Beispiele auch in der westlichen Welt. Die umzusetzen, ist eine politische und gesellschaftliche Entscheidung. Das ist unser Ziel: das zu erreichen.

Vatican News: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre weitere Arbeit.

Die Fragen stellte Anne Preckel.

(vatican news – pr)
 

12 Mai 2020, 12:04