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Pater Eberhard v. Gemmingen, früherer Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan Pater Eberhard v. Gemmingen, früherer Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan 

Unser Sonntag: Jesus ist unangepasst

Pater Eberhard von Gemmingen stellt uns Vorbilder aus der jüngeren Vergangenheit vor Augen - auch an ihnen wird deutlich, dass das Leben in der Nachfolge Jesu kein Spaziergang ist. Und: Das Eigentliche im menschlichen Leben ist Geschenk.

P. Eberhard Gemmingen SJ

4. Fastensonntag

Joh 9, 1-41

Erstaunlicherweise hat es im Lauf der Christentums-Geschichte immer wieder bis in unsere Tage Menschen gegeben, denen es geschenkt war, ihr Leben so an Christus festzumachen, dass sie für ihn ihr Leben gaben.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Also es geschah bis in unsere Tage dieses Wunder. Menschen wurden so die Augen geöffnet, dass für sie Christus das Wichtigste war und sie an nichts mehr hingen außer an Jesus Christus. Ich nenne einfach einmal Alfred Delp und Edith Stein, Abbe Pierre und Mutter Teresa, Roger Schütz und Dietrich Bonhoeffer.

Persönlichkeiten, die ihr Leben für Gott hingaben

Es ist also möglich, dass die geistigen Augen von gebildeten Menschen so geöffnet wurden, dass sie ihr Leben auf den Kopf stellten und für den Glauben an Christus leben und sterben. Es ist also keine Utopie, sondern Möglichkeit. Mit dieser Überlegung komme ich auf das heutige Evangelium. Jesus öffnet einem Blinden die Augen, zunächst physisch, er heilt ihn von seiner Blindheit, dann geistig, denn er bringt ihn zum Glauben an Ihn, der ihn geheilt hat. Es ist eine doppelte Augenöffnung. Und die zunächst genannten großen Christen sollten Ihnen – liebe Hörerinnen und Hörer - zeigen, dass es nicht Märchen aus der alten Zeit sind, sondern dass solches auch heute noch möglich ist. Aber das Geschehen, das wir Wunder nennen, ist auch immer ein Konfliktstoff der Theologie. Zunächst meinen die Jünger Jesu, der Blindgeborene habe selbst gesündigt und sei dafür von Gott mit Blindheit gestraft worden, oder seine Eltern hätten gesündigt, dass sie eben ihr Sohn blind geboren wurde. Jesus sagt: ihr irrt, weder er noch seine Eltern haben gesündigt, aber die Werke des Vaters im Himmel sollen an ihm offenbar werden.

Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“

Und dann sagt Jesus auch noch: „Ich bin das Licht der Welt.“ Ein Satz, über den man auch heute noch staunen kann. Aber man darf ihn nicht einfach überhören oder wegwischen. Jedenfalls wird Jesus von seinen Zuhörern mit einer falschen theologischen Ansicht konfrontiert. Theologie kann irren. Und dann heißt es im weiteren Verlauf: Die Pharisäer sagen: Wir verlassen uns auf unseren Moses, von diesem Jesus wissen wir nicht woher er kommt. Vor allem: Er hat den Blinden am Sabbat geheilt, daher kann er nicht von Gott kommen. Noch eine andere falsche theologische Meinung. Früher hatte Jesus seine Jünger verteidigt, die am Sabbat Weizenkörner gegessen und damit geerntet hatten. Jesus legt die Gebote des Moses souverän aus. Seine Ansicht: man darf nicht am Buchstaben hängen. Vor allem ist das Heilen eines Menschen wesentlicher als das Halten des Sabbatgebotes. 

„Das Leben und Gehen mit Jesus ist kein Spaziergang“

Was mir aber an der ganzen Szene gerade in der heutigen Zeit am wichtigsten scheint: Das Leben und Gehen mit Jesus ist kein Spaziergang, sondern immer wieder ein Ringen und Staunen, ein Sich-Auseinandersetzen. Jesus passt nicht in menschliche Systeme, Jesus sprengt die von gescheiten oder machtbewussten Menschen gebauten Systeme. Jesus ist unangepasst.
Und die von mir anfangs genannten christlichen Persönlichkeiten haben sich der Unangepasstheit Jesu angeschlossen. Delp ging in den Widerstand gegen Hitler, Edith Stein verließ ihren jüdischen Glauben, weil ihr Jesus Christus aufgegangen war, Abbe Pierre und Mutter Teresa konnten sich mit dem Elend der Menschen in der Gosse nicht abfinden und sahen Jesus Christus in ihnen, Roger Schütz erkannte die Weise, wie man junge Menschen zu Christus führt und der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer gab auch sein Leben, weil er beim Hitlersystem nicht mitmachen wollte. Ihnen waren die Augen aufgegangen.

Das Geheimnis des Unglaubens...

In meinem Messbuch steht als Erklärung des Evangeliums der Satz: „Die Pharisäer sind nicht fähig zu sehen, weil sie nicht bereit sind, anzubeten. Das ist das Geheimnis des Unglaubens.“ Mit anderen Worten: Wer nicht bereit ist, niederzuknien, sich klein zu machen, bescheiden zu werden, dem gehen die Augen des Glaubens nicht auf. Damit uns die Augen des Glaubens aufgehen, müssen wir bescheiden, demütig sein, uns eingestehen: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wenn wir im Gegensatz dazu meinen, auch wunderbare Vorgänge in der Welt einfach ablehnen zu müssen, dann sind wir eingebildet und eitel, haben vielleicht – ohne es zu wissen – eine falsche Theologie. Ich zitiere nochmals Werner Heisenberg: „Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott!"

„Wir können und sollen vertrauen, dass er uns sehend machen kann“

Wir moderne Menschen, moderne Christen tun uns vermutlich oft schwer, hinter die Dinge zu schauen, in Politik, in der Wissenschaft, und vor allem im Glauben. Wir stellen vielleicht manchmal fest: Ich bin blind, ich verstehe nicht, kann nicht erklären. Ich komme nicht hinter die Dinge. Ich verstehe vor allem auch vieles in der Kirche nicht, verstehe nicht, warum es so und nicht anders sein muss in der Kirche. Viele Menschen suchen Antworten in Meditation, in Kontemplation, in Yoga, in allen möglichen Formen, die eigene Seele zu heilen und ins Lot zu bringen. Jesus flüstert uns vielleicht zu: Lass dich doch mal in Ruhe und längere Zeit von mir anschauen. Glaube bitte, dass ich Dich anschaue. Halte aus in Geduld. Das Eigentliche im menschlichen Leben kann man nicht machen, es muss einem geschenkt werden.

Kirche muss wachsen aus dem Evangelium

Auch Kirche kann man nicht organisieren. Kirche muss wachsen aus dem Evangelium. Wenn Christen gemeinsam das Evangelium anschauen, dann gehen ihnen vielleicht gemeinsam die Augen auf.
Also hüten wir uns davor, schon zu wissen – wie die Pharisäer oder die Jünger Jesu. Seien wir skeptisch gegenüber unserem Allgemeinwissen, vielleicht laufen wir doch gemeinsamen Vorurteilen nach. Denken wir an die oben genannten Vorzeigechristen. Ihnen gingen die Augen auf und sie waren glücklich weil sie Jesus entdeckt hatten und für ihn durch die Decke gingen. Amen
(radio vatikan - claudia kaminski)

21 März 2020, 11:00