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Ärztin im Krankenhaus Ärztin im Krankenhaus  (REUTERS)

D: Moraltheologe rechtfertigt schwere Entscheidungen in Coronakrise

Der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff aus Freiburg ruft dazu auf, alles zu tun, um in Krankenhäusern dramatische Entscheidungssituationen über die Weiterbehandlung Schwerkranker zu vermeiden. In extremen Notlagen müsse das ärztliche Personal allerdings nach der Frage vorgehen, wer die besten Überlebensaussichten habe. Das sagte Schockenhoff im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung”.

In norditalienischen Krankenhäusern, in denen die verfügbaren Kapazitäten zur Behandlung aller Corona-Patienten nicht mehr ausreichen, müssen Ärzte bereits jetzt in manchen Fällen entscheiden, wen sie weiterbehandeln und wen nicht. Das Instrument der sogenannten Triage kommt aus der Militärmedizin, die Kranken werden in drei Gruppen eingeteilt: die Leichtverletzten, die Schwerverletzten, die gute Chancen haben, sofern sie rasch behandelt werden, und die Schwerverletzten, die auch bei rascher Behandlung schlechte Überlebensaussichten haben.

[ Die einzige realistische Alternative wäre ja NIchthandeln ].

Mit dem ethischen Grundsatz, dass jedes Leben gleich viel wert ist, sei die Triage auf den ersten Blick nicht vereinbar, sagte Schockenhoff. „Aber wenn man genau hinschaut, sieht man ja: Es wird nicht eingeteilt, dass das eine Leben wertvoller als das andere ist.” Es sei die Frage zu stellen, bei wem die begrenzten medizinischen Ressourcen „aller Voraussicht nach die beste Wirkung erzielen”. Diese Frage setze das medizinische Personal einer hohen psychologischen Belastung aus: „Man müsste sie ihnen, solange es irgendwie geht, ersparen. Aber wenn sie unabwendbar ist, dann erkenne ich nicht, warum sie aus ethischen Gründen nicht vertretbar sein sollte. Die einzige realistische Alternative wäre ja Nichthandeln und durch Nichthandeln einen noch größeren Personenkreis sterben zu lassen.” In dieser Alternative müsse „ein Arzt sich immer für die Option Lebensrettung entscheiden, auch wenn er sie nicht mehr allen zugutekommen lassen kann.”

Allerdings dürfe bei der Triage keine Rolle spielen, welche gesellschaftliche Position die erkrankte Person habe, so der Moraltheologe. Einzig die Heilungschancen müssten die Basis für die Entscheidung sein. Auch das Alter allein reiche nicht aus, um eine solche Auswahlentscheidung zu begründen.

„Eigentlich ist die Triage nach ärztlichem Ethos überhaupt unmöglich”, erklärte Schockenhoff. „Zumindest eine palliativmedizinische Versorgung müsste jedem zuteilwerden können. Aber nach allem, was man aus Italien, aus den am meisten betroffenen Gebieten hört, ist selbst das dort nicht mehr möglich. Umso dringlicher ist das Bestreben, dass wir in Deutschland versuchen, eine solche Situation, die sich nicht mehr beherrschen lässt, überhaupt nicht entstehen zu lassen.”

(Schwäbische Zeitung/vatican news - gs)

 

23 März 2020, 10:52