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2019.11.22  Unser Sonntag Sr. Gabriela Zinkl 2019.11.22 Unser Sonntag Sr. Gabriela Zinkl 

Unser Sonntag: Josef, der stille Mann für große Taten

Zum vierten Adventssonntag bringt uns Sr. Dr. M. Gabriela Zinkl den Heiligen Josef, den Pflegevater Jesu, näher. In der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen spielt er eine zentrale Rolle - obwohl kein einziges Wort von ihm überliefert ist.

Sr. Dr. M. Gabriela Zinkl SMCB, Jerusalem

4. Advent Mt 1,18-24

Das Evangelium des 4. Adventssonntags handelt von einem, der an Weihnachten meistens unbeachtet bleibt, obwohl doch alles ohne ihn nicht möglich gewesen wäre. In unseren Kirchen und Wohnungen bauen wir in diesen Tagen kunstvolle Krippendarstellungen auf. Neben dem Jesuskind, der Maria, den Engeln, den Hirten, den Schafen und vielen anderen gibt es eine Figur, die nicht fehlen darf: das ist Josef.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Meistens sieht er aus wie ein älterer Mann und steht etwas abseits. Das wird seiner tragenden Rolle aber alles andere als gerecht, wie wir bei Matthäus hören und lesen. Dort wird berichtet, dass Josef mit Maria verlobt war. Als sie unerwartet schwanger wird, noch dazu unter sehr seltsamen Umständen, will er sich von ihr trennen, um ihr Schlimmeres zu ersparen.

Evangelium mit Sprengstoff

Aha. Wir hören da von einem verlobten Paar. Die Frau wird schwanger, ohne mit ihrem Verlobten geschlafen zu haben. Und was jetzt, denken sich beide, jeder für sich? – Finden Sie nicht auch, dass dieser Erzählstoff echtes Potential für ein Drama hat? Daraus könnte sich zum Beispiel ein Eifersuchtsdrama entwickeln, in dem der betrogene Verlobte dem vermeintlichen Rivalen nachjagt. Es könnte ein Morddrama werden, in dem die Familie der Frau, allen voran ihre Brüder, sie umbringen (lassen), weil sie die Familienehre geschändet hat. Es könnte auch ein Trauerspiel werden, in dem das Paar sich trennt, das uneheliche Kind in einem Waisenhaus aufwächst, einen Vaterkomplex entwickelt und als junger Mann an seiner Schule Amok läuft.
Aber, wie wir wissen und wie uns das Matthäusevangelium berichtet: aus diesem Erzählstoff wurde kein Drama, sondern die beste Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen überhaupt. Unter dem Titel „die größte Geschichte der Welt“ ist sie übrigens fast 2000 Jahre später, Ende der 1960er Jahre, in Hollywood als einer der ersten großen Stoffe für das Farbfernsehen verfilmt worden.

Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen

In der real gewordenen Liebesgeschichte Gottes, wie sie uns die Hl. Schrift überliefert, spielt Josef eine entscheidende Rolle, auch wenn er diese Zuschreibung sicher von sich gewiesen hätte. Josef ist ein stiller Mann. Wie komme ich darauf? Es gibt kein einziges Wort, das uns von Josef überliefert ist, nicht in der Hl. Schrift und auch nicht außerhalb. Von Maria gibt es viele einprägsame Sätze, sogar ein ganzes Preislied auf Gott, das Magnifikat, das die Kirche bis heute täglich in der Vesper betet. Doch Josef bleibt stumm, und dabei er ist er doch der Vater des so berühmten Pflegesohnes.
Sein Name „Josef“ ist semitischen Ursprungs und bis heute in vielen Sprachen der Welt nach wie vor sehr populär, zum Beispiel neuhebräisch als Yossi, arabisch als Yussuf, italienisch als Giuseppe oder englisch und französisch als Joe. Josef ist die Kurzform von Josifija, was im Alten Testament so viel bedeutet wie „Gott“ (JO bzw. JHWH) „möge hinzufügen“. Josef bedeutet verkürzt: „Er möge hinzufügen“. Diese Bedeutung lässt sich zurückführen auf die alttestamentliche Erzählung über den Patriarchen Jakob, dem durch seine Zweitfrau Rahel ein weiterer Sohn geboren wird (vgl. Gen 30,23.24): Josef, der später durch seine Halbbrüder an Sklavenhändler verkauft worden ist. Mit dem hebräischen Namen Josef verbindet sich also ursprünglich das Familienideal von Nachkommenschaft: „er möge hinzufügen“.

„Josef wollte unbedingt das Schlimmste von Maria abwenden und entschloss sich zu diesem Ausweg, den das jüdische Gesetz erlaubte.“

Genauere Informationen zum „berühmten“ Namensträger Josef des Neuen Testaments, dem Ziehvater Jesu und dem Verlobten und Ehemann Marias, sind spärlich. Wir kennen sein Alter nicht, und dass er schon ein betagter Mann war, als er sich mit der jugendlichen Maria verlobte, ist eher Legende als Tatsache. Wir dürfen annehmen, dass er zum Zeitpunkt der Verlobung mit Maria um die 30 Jahre alt gewesen sein muss, nicht mehr ganz jugendlich, aber im richtigen Alter für eine Familiengründung. Als die beiden gerade am Beginn ihrer Partnerschaft und Familiengründungsphase stehen, passiert das Unerwartete: Maria empfängt ein Kind „durch das Wirken des Heiligen Geistes“ (Mt 1,18), noch vor der Heirat und bevor die beiden überhaupt zusammenleben.

Schwangerschaft in der Verlobungszeit galt als Ehebruch

Damit stehen Josef und Maria vor einem riesigen Problem, besonders in deren familiärem, sozialem und religiösem Umfeld. Eine Schwangerschaft während der Verlobungszeit durch einen anderen Mann galt als Ehebruch. Nach jüdischem Gesetz hätte Maria, die vermeintlich „fremd gegangene“ Frau, getötet oder aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden müssen. Ihr Leben wäre also total ruiniert gewesen. Beides wollte Josef verhindern, deshalb zog er eine andere Möglichkeit in Betracht: eine Scheidung im Stillen. Es wäre dann offen geblieben, wer der Vater des Kindes ist. Das ist also gemeint, wenn es im Evangelium heißt: „Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen“ (Mt 1,19). Josef wollte unbedingt das Schlimmste von Maria abwenden und entschloss sich zu diesem Ausweg, den das jüdische Gesetz erlaubte.

Gott greift ein - durch einen Traum

In dieser schwierigen Situation, als Josef die plötzliche Schwangerschaft Marias sicher nicht verstehen kann, noch dazu das Wirken des Heiligen Geistes, und sich mit einer gerechten Lösung herumquält, da greift Gott ein. Und zwar – wie so oft bei Menschen in der Hl. Schrift, die dringend nach Rat suchen – durch einen Traum. Dem Josef erscheint im Schlaf ein Engel des Herrn und rührt tief in ihm etwas ganz Bestimmtes an: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; … Sie wird einen Sohn gebären, ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,20f). Als „Sohn Davids“ angesprochen,wird Josef an seinen Stammbaum erinnert: er ist ein Nachkomme des Hauses Davids, des großen Königs David. Bis heute spielt die (männliche) Herkunft im Orient über Generationen hinweg eine besondere Rolle, so auch damals. Josef wird auf diese Weise die besondere Verantwortung seiner Herkunft bewusst und die Verbundenheit mit dem von Gott berufenen königlichen Geschlecht. Nicht zuletzt klingt darin die Zusage Gottes an David an, dass er an seiner Seite stehen und ihn stützen wird, so wie er den kleinen David im Kampf gegen den überlegenen Goliath beschützt hat.

„Josef ist also gerade nicht, wie er so häufig gesehen wird, der zahnlose Zimmermann“

Mit dieser Erinnerung, mit diesem „Codewort“ hat der Engel Gottes im Traum das Vertrauen des Josef geweckt. Als Josef vom Schlaf erwacht, weiß er ganz genau, was er zu tun hat. Er tut dies ohne Zweifel, aus Überzeugung und voll und ganz für Gott und er wird dies sein Leben lang einhalten: Josef nimmt seine Frau Maria und ihren Sohn zu sich und wird ihm, wie vom Engel beauftragt, den Namen Jesus geben, ihn großziehen und für beide sorgen, so gut er kann.
All das können wir deutlich herauslesen aus dem Text des heutigen Evangeliums über Josef. Er wird uns dort zuerst vorgestellt als Verlobter und Ehemann, dann als gerechter Ehrenmann, der Maria nicht der Schande preisgeben will, und schließlich als Gottes wichtiger Helfer und Pflegevater Jesu. Josef ist also gerade nicht, wie er so häufig gesehen wird, der zahnlose Zimmermann, der kommentarlos eine viel jüngere, noch dazu schwangere Frau und ihr Kind annimmt. Das heutige Evangelium widerspricht entschieden jeder Banalisierung seiner Person und der ganzen ungewöhnlichen Situation der Familie Jesu. Eine solche Verharmlosung und ein Herunterspielen der Rolle des Josef bei der Menschwerdung Jesu Christi nimmt auch die Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen nicht wirklich ernst.

Auf den Heiligen Josef schauen!

Das, was Josef nach seinem Traum für Gott gewagt hat, traut sich nur ein offener, dem Leben zugewandter Mensch. So passen Maria und Josef ganz gut zueinander: Sie sind Menschen mit einem offenen Herzen, offen für Gottes Auftrag an sie, offen für das Wirken Gottes an ihnen und mit ihnen. Deshalb können die beiden Eltern Jesu besondere Vorbilder für uns sein, gerade in diesen letzten Tagen vor Weihnachten, in denen wir das Fest der Geburt Jesu Christi erwarten und seine Menschwerdung vor 2000 Jahren feiern. Durch Maria und durch Josef wurde das Wirken des Hl. Geistes unter uns präsent: Jesus Christus wurde Mensch in unserer Welt, hineingeboren in eine Familie mit all ihren Freuden und auch Sorgen.
Zeitnahe zu diesem Evangelium erklingt am 23. Dezember in der Liturgie des Stundengebets (der Vesper) und vor dem Evangelium in der Hl. Messe die letzte der sieben O-Antiphonen der Adventszeit: „O Immanuel“ – „Gott mit uns“ (Jes 7,14; vgl. Mt 1,23). „Unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: o komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und Gott!“, heißt es in dieser Sequenz. Dass Gott mit uns ist, können wir auf vielerlei Weise erfahren: Wie bei Josef im Traum, als er vor einer schwierigen Entscheidung stand, später als Ehemann Marias und als Helfer bei seiner Aufgabe als Pflegevater für Jesus. Wenn wir auf den Hl. Josef schauen, dann sollten wir immer daran denken: Gott braucht auch die stillen Leute für große Taten.

(vatican news - claudia kaminski)

 

21 Dezember 2019, 11:00