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In den Bayerischen Alpen In den Bayerischen Alpen  (ANSA)

Aktenzeichen: Susanne Habelt und Frater Desiderius

Seit 2018 ist Dr.med. Susanne Habelt als leitende Fachärztin in Chirurgie im herausragenden Spital im schweizerischen Wattwil spezialisiert in Hand- und Fußchirurgie. Zusätzlich ist sie mit zwei Publikationen hervorgetreten: „Frater Desiderius - Leben und Wirken des letzten barmherzigen Bruders im berühmten Bad Wörishofen“ und „Ludwig von Stubenrauch - Leben und Werk eines bekannten Münchner Chirurgen“.

Aldo Parmeggiani – Vatikanstadt

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

wir haben heute einen Gast ins Studio geladen, der eine besondere Vorstellung verdient und erfordert: Es handelt sich um die Fachärztin der Chirurgie Susanne Habelt, mit zweifachen Doktortitel, Oberärztin in der Schweiz, spezialisiert in Hand- und Fußchirurgie sowie Traumatologie. Eben hat die namhafte Chirurgin noch zusätzlich das Postgraduiertenstudium an der renommierten Päpstlichen Lateran Universität in Rom erfolgreich abgeschlossen. Herzlichen Glückwunsch. Außerdem ist Dr. Habelt eine junge, eifrige Katholikin, das sie durch ihr breitgefächertes Wissen und Wirken oft und gerne unter Beweis stellt.

Hier zum Nachhören

Im Laufe dieser Sendung, verehrte Hörer, wird Dr. Susanne Habelt uns auch über eine weniger bekannte Persönlichkeit sprechen – es handelt sich um einen aus ihrer Familie stammenden Ordensmann – nämlich über Alois Pammersberger alias Frater Desiderius, über den Dr.Habelt eine ausführliche Biografie geschrieben hat. –Er war der letzte Ordensmann der sogenannten Barmherzigen Brüder und letzter Nachfolger der Einrichtung von Sebastian Kneipp in Bad Wörishofen. Der 1973 verstorbene Frater Desiderius war anerkannter Heilpraktiker und Irisdiagnostiker im Sebastianeum in Bad Wörishofen, heute noch ein weltbekannter Kurort.

Krankheiten lindern - und für den Menschen da sein

Susanne Habelt, bitte erzählen Sie uns kurz etwas über sich selbst – Ihre Kindheit, Ihr Elternhaus, Ihre Erinnerungen aus der Jugendzeit…

Habelt: „Ja. Ich bin ein echtes Münchner Kindl, geboren 1974 in München, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe das Nymphenburger Gymnasium besucht und nach dem Abitur dann meinen Studiengang der Medizin zunächst in München begonnen und in der Universität Wien weiter fortgeführt. Ich bin Einzelkind, habe eine sehr behütete Kinderzeit und Jugend gehabt, bin in der Natur aufgewachsen, sehr bodenständig und naturverbunden…“

Jetzt verraten Sie uns bitte das Geheimnis Ihrer steilen Arztkarriere: Wann haben Sie das erste Mal ernsthaft gespürt, dass der Arztberuf für Sie gleichzeitig auch Ihre Berufung sein wird? Waren es Ihre Eltern? Ihre Lehrer? War es ein Buch, ein Film oder eine Freundschaft, die Sie dahingeführt hat?

Habelt: „Das kann ich Ihnen sehr gut beantworten. Es war so, dass unser Großvater fünf Jahre lang schwer parkinsonkrank bei uns in der Familie versorgt wurde. Im Sinne einer Großfamilie wurde die Pflege des Großvaters bis zu seinem Tod durchgeführt; er durfte auch bei uns im Familienkreis sterben. So war ich von Anbeginn schon sehr mit Ärzten in Verbindung, bin auch mitgefahren ins Krankenhaus, zum Hausarzt mitgegangen – und so habe ich erkannt, welche Möglichkeiten man hat als Arzt, sowohl die Krankheiten bzw. Schmerzen zu lindern als auch für den Menschen auf seinem letzten Weg dazu sein. In dieser Situation habe ich erkannt, dass das mein Weg sein wird und das sein wird, was ich gerne bis zu meinem Lebensende durchführen möchte.“

„Gottvertrauen ist wichtig“

Welche waren nun die Haupt-Voraussetzungen und wichtigsten Charakterzüge für Ihren beruflichen Weg? Der Fleiß, die Ausdauer, die Liebe zum auserwählten Beruf – oder hat Ihnen einfach der Herrgott unter die Arme gegriffen?

Habelt: „Das ist sehr schön gesagt! Sicher ist es zunächst die Voraussetzung der Schule gewesen, die Charaktereigenschaft des Fleißes ist auch bestimmt nicht hinderlich gewesen – aber das Gottvertrauen, das ich von Anfang an mitbekommen habe, hat mich sicher geleitet, den Beruf so zu wählen und vielleicht auch an Tagen, wo es etwas schwieriger gewesen ist, zu wissen: Ich bin auf dem richtigen Weg, ich kann mich auf Gott verlassen. Das ist der richtige Weg, den ich eingeschlagen habe, das möchte ich gerne machen!“

Wie kamen Sie nun ausgerechnet auf das medizinische Spezialgebiet der Fuß- und Handchirurgie?

Habelt: „Ich bin Allgemein-Chirurgin mit Spezialisierung auf Traumatologie-Unfallchirurgie und Zusatz-Zertifikaten für Fuß- und Handchirurgie. Ich denke, dass das ein sehr breites Spektrum ist, das man damit abdecken kann. Es ist wie überall, man muss sich eine Nische und ein Steckenpferd suchen – so ist es bei mir die Handchirurgie. Ich denke, Hände können sehr viel aussagen, auch charakterisieren; sobald eine kleine Funktion der Hand nicht mehr intakt ist, ist das Leben des Patienten und des Menschen sehr stark eingeschränkt, und so bereitet es sehr große Freude, dort mit vielleicht kleineren Hilfestellungen (es muss nicht immer operativ, sondern kann auch konservativ sein) dem Patienten eine Linderung, eine Verbesserung zu ermöglichen.“

„Wenn einer an starker Demenz erkrankt ist – wird er noch an der Hüfte operiert, wird das auch später durch das Gesundheitssystem noch weiter getragen?“

Sie arbeiten auch intensiv an Lösungsfindungen im Umgang mit Patienten, die an Alzheimer-Demenz leiden. An welchem Punkt ist die Wissenschaft auf diesem Gebiet heute angelangt?

Habelt: „Persönlich interessiert mich die Demenz, speziell Alzheimer-Demenz, sehr, auch wenn es vielleicht nicht den direkten Bezug zur Chirurgie hat. Dennoch: Wir haben derzeit 1,5 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, und bis 2030 schätzt man ca. 2,4 Millionen. In Deutschland wird man sicherlich damit mehr konfrontiert sein, was auch heißt: Welcher Patient mit welcher Grunderkrankung bekommt welche Therapie? Wenn einer an starker Demenz erkrankt ist – wird er noch an der Hüfte operiert, wird das auch später durch das Gesundheitssystem noch weiter getragen? So denke ich, dass es auch wichtig ist, sich als Chirurg auf dem Gebiet weiter damit zu beschäftigen, inwiefern dieses System diese Erkrankungen tragen wird.“

Obwohl Sie bereits Höhen erreicht haben, von denen andere nur träumen, Frau Dr. Habelt – gibt es am weiteren Horizont noch etwas, was Sie als Ihr weiteres berufliches Ziel anstreben?

Habelt: „Mein berufliches Ziel ist, glaube ich, im Moment sehr gut erreicht. Doch das, was ich bereits erreicht habe, zu halten und auszubauen im Sinn, dass ich mich weiter auch mit der Demenz-Erkrankung (speziell auch in Bezug auf meinen jetzigen Studiengang der Theologie an der Lateran-Universität) beschäftigen möchte und weiter auch mit der seelsorglichen Begleitung von Angehörigen von Patienten, die an Demenz erkrankt sind: Das wird mein weiteres Fortkommen sein…“

Das Ziel klar vor Augen halten

Welchen Rat geben Sie als anerkannte Akademikerin in Medizin der Jugend von heute weiter?

Habelt: „Das Ziel klar vor Augen halten, den Blick klar nach vorne gewandt. Das, was man möchte, mit Freude angehen, mit Zuversicht und einer Spur Gottvertrauen!“

Wollen wir noch kurz den sozialen Aspekt Ihres Engagements beleuchten? Ihr Beruf ist mit einem hohen sozialen Quotienten verbunden. Wie würden Sie unseren Hörern diesen Aspekt am besten erklären?

Habelt: „Es mag wohl sein, dass der Beruf einen hohen sozialen Aspekt hat; letztendlich zählt aber die Menschlichkeit. Die Menschlichkeit am Patienten, am Bett, dann wenn wir gegen Lebensende alle gleich sind.“

Schwenken wir jetzt über auf das Lebensbild von Frater Desiderius, einem Verwandten Ihrer Familie, über den Sie auch ein Buch geschrieben haben mit dem Titel: „Frater Desiderius – das Leben und Wirken des letzten Barmherzigen Bruders in Bad Wörishofen“.

Habelt: „Ja – wahrscheinlich werden Sie mich fragen, wie ich dazu kam, über ihn zu schreiben. Da gibt es eine kleine Geschichte: Mein Chef hat mich zu einer Institution in der Nähe unseres Spitals geschickt, zu einer Reha-Klinik. Dort sollte ich mich nach etwas erkundigen, und so bin ich auf die Barmherzigen Brüder dort gestoßen. Zuhause habe ich dann erzählt, dass ich dort gewesen bin, und so sind wir plötzlich im Gespräch darauf gekommen, dass ich ja einen Großonkel habe, der ebenfalls bei den Barmherzigen Brüdern war. Da ich gerne Biographien schreibe, habe ich mich also ans Werk gemacht und habe über Frater Desiderius Daten eingeholt und seine Lebensgeschichte zusammengeschrieben.“

Frater Desiderius - der Kneipp-Fachmann

Alois Pammersberger – so sein weltlicher Name – ist Jahrgang 1906 aus Jägerndorf in Niederbayern. Er verspürte schon in seiner Jugend den Drang, Ordensmann zu werden, und trat relativ jung in den Orden der Barmherzigen Brüder ein. Eine herausragende Eigenschaft von ihm – so heißt es in Ihrem Buch – war schon immer seine auffallende Hilfsbereitschaft und ein Drang zur medizinischen Berufung. Durch Praxis und Studium erwarb er sich nicht so viele Doktortitel wie Sie, Frau Dr. Habelt, aber durch Fleiß und Freude wurde er bald ein angesehener Kneipp-Fachmann und Iris-Diagnostiker im berühmten Wasserkurort Wörishofen, gegründet vom ebenso berühmten Pfarrer Kneipp.

Habelt: „Das stimmt, das ist schön zusammengefasst! Er ist aus einer kinderreichen Familie gekommen, in armen Zeiten geboren; es waren zuhause zehn Kinder. Er hat zunächst die Lehre als Braumeister in Niederbayern begonnen. Durch die Kriegswirren wurde er nach Regensburg beordert, hat dort sehr lange bei den Barmherzigen Brüdern im Spital gearbeitet und dort auch den Krieg verbracht, ein schweres Bombardement durch die Amerikaner überlebt. Er hat dort auch sehr viele Patienten retten können, war dort auch in der Kriegs-Chirurgie tätig. Nach dem Krieg kam er dann über mehrere Umwege (er war auch bei einem Pfarrer in Liechtenstein tätig) zur Wassertherapie und wurde so nach einigen Jahren der letzte Nachfolger des Pfarrer Kneipp im Sebastianeum in Bad Wörishofen.“

Apropos Iris-Heilkunde. Geht man zurück in die Geschichte, so findet man schon bei den Ägyptern und auch in den chaldäischen Schriften Angaben über das Phänomen von Augenbild und Gesundheitszustand eines Menschen oder vielleicht sogar auch bei Tieren. Weiß man, wie und warum sich Frater Desiderius gerade diesem heiklen medizinischen Spezialgebiet zugewandt hat?

Habelt: „Es ist keine anerkannte, wissenschaftliche Heilmethode. Dennoch war er sehr erfolgreich: Die Patienten sind aus aller Welt zu ihm gekommen. Man konnte dort anhand der Iris-Ablagerungen auf Krankheiten wie Diabetes oder Veränderungen im Magen-Darm-Trakt schließen. Daraus hat sich später die Medikamententherapie entwickelt, die Frater Desiderius selbst mit eigenen pharmakologischen Substanzen entwickelt hat. Auf diesem Gebiet war er sehr anerkannt, wurde geehrt und geschätzt.“

Die UNESCO und der Barmherzige Bruder

Am Donnerstag, 29. März 1973, verstarb Frater Desiderius im Krankenhaus – ein selbstloses, der Hilfsbereitschaft zugeeignetes Leben ging zu Ende. Frau Habelt, wer spricht heute noch von ihm?

Habelt: „Er wird heute noch im Sebastianeum verehrt. Es gibt noch heute Patienten, die sich an ihn erinnern. Es ist ein großes Porträt im Sebastianeum aufgehängt, und durch sein Leben und Wirken ist er dort immer noch vertreten.“

Die deutsche UNESCO-Kommission hat das Kneippen als traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Zu dieser Ehre hat auch Frater Desiderius seinen Beitrag geleistet, und so bedanken wir uns bei Frau Dr. Susanne Habelt für ihren Bericht über ihre eigenen, erfolgreichen Lebensstationen, zu denen wir herzlich gratulieren können, und ihre Rückschau auf das Leben des Frater Desiderius.

(radio vatikan)
 

29 Dezember 2019, 10:17