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Christkönig-Fenster in einer englischen Kirche Christkönig-Fenster in einer englischen Kirche  (©Renáta Sedmáková - stock.adobe.com)

Unser Sonntag: Das Kreuz als Königsthron

Sascha Jung erzählt kurz die Legende vom vierten König als Passionserfahrung. Sie bringe zusammen, so Jung, was die Kirche an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellt: den Christuskönig!

Sascha Jung 

Lk 23,35b-43

Christkönig 

In seinem Roman „Der vierte König“ erzählt der deutsche Schriftsteller Edzard Schaper (1908-1984) die gleichnamige Legende vom vierten König mit dem Namen Coredan, der sich wie die heiligen drei Könige aufmacht, um dem neugeborenen Gottessohn zu huldigen. Doch der Weg dieses Königs verläuft nicht so geradlinig, wie bei den drei Kollegen aus dem Morgenland: er wird auf seiner Reise immer wieder aufgehalten und muss seine kostbaren Gaben, die für jenen neugeborenen König bestimmt sind, anderweitig einsetzen.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Seine Gaben verwandelt er dabei in sieben Werke der Barmherzigkeit, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen zu können, in welche hinein der Stern ihn immer wieder geführt hatte. Am Ende hat er nichts mehr in seinen Händen. Als Coredan nach drei Jahrzehnten der Suche es aufgegeben hat, den König und Gottessohn zu finden, kommt er nach Jerusalem und erblickt den Gekreuzigten auf dem Berg Golgota. In der Legende heißt es dann:

„So muss ich also sterben, ohne dich gesehen zu haben?“

»Coredans Stern, der ihn einst zu dem Kind führen sollte, blieb über dem Kreuz in der Mitte stehen, leuchtete noch einmal auf und war dann erloschen. Ein Blitzstrahl warf den müden Greis zu Boden. „So muss ich also sterben“, flüsterte er in jäher Todesangst, „sterben, ohne dich gesehen zu haben? So bin ich umsonst durch die Städte und Dörfer gewandert wie ein Pilger, um dich zu finden, Herr?“ Seine Augen schlossen sich. Die Sinne schwanden ihm. Da aber traf ihn der Blick des Menschen am Kreuz, ein unsagbarer Blick der Liebe und Güte.

Cordeans Barmherzigkeit hat den Herrn getröstet

Vom Kreuz herab sprach die Stimme: „Coredan, du hast mich getröstet, als ich jammerte, und gerettet, als ich in Lebensgefahr war; du hast mich gekleidet, als ich nackt war!“ Ein Schrei durchbebte die Luft – der Mann am Kreuz neigte das Haupt und starb. Coredan erkannte mit einem mal: dieser Mensch ist der König der Welt. Ihn habe ich gesucht in all den Jahren. Er hatte ihn nicht vergebens gesucht, er hatte ihn doch gefunden.«
Die Legende vom vierten König – sie ist eine Passionserfahrung. Und sie bringt zusammen, was die Kirche an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellt: den Christuskönig! Ich mag dieses Fest, so wie ich ein glühender Verehrer des Kreuzes Christi bin – vielleicht ist es gerade das, was mich an diesem Sonntag auch so anspricht.
In meinem Heimatort Niederzeuzheim, gelegen am Fuße des Westerwaldes nicht weit entfernt von der Bischofsstadt Limburg, verehren wir eine Kreuzreliquie, die der Hadamarer Fürst als Geschenk des Papstes aus Rom mitgebracht hat. Dafür wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von den Franziskanern eigens eine kleine Kapelle nach dem Vorbild der Jerusalemer Grabeskirche erbaut. Der Abstand von Kapelle zur Pfarrkirche soll sogar die ungefähre Entfernung von Kreuzigungsstelle und Beisetzungsort Jesu haben, was ich aber aus meinen Besuchen der heiligen Stätten in Jerusalem so nicht ausmachen kann.

„Der König siegt, sein Banner glänzt, geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz!“

Aber die Botschaft dieser Kreuzkapelle ist unüberhörbar, wie es mit der Niederzeuzheimer Kreuzhymne vertont wurde: „Der König siegt, sein Banner glänzt, geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz!“. Wie oft bin ich diesen Weg zum Kreuz gegangen, auch innerlich – auf der Suche nach dem Geheimnis der gekreuzigten Liebe.

Gerade aufgrund dieser geistlichen Haltung zum Kreuz hin ist mir diese Erzählung vom vierten König wichtig geworden. Die Legende ermutigt, in den Spuren Jesu zu bleiben, die uns einen weiten, einen sehr weiten Weg führen: von Bethlehem bis hinauf nach Jerusalem – jenen Weg, den ich mit Pilgern im Heiligen Land schon gegangen bin. Es ist ein Weg, der in der Spannweite von Menschwerdung und Verherrlichung steht. In der Dynamik dieses Weges von der Krippe in Bethlehem zum Kreuz auf Golgota liegt unser ganzes Christsein. Nur auf diesem Weg kann erkannt werden, was für ein Königskind Jesus, der Christus, ist.

In Bethlehem kam eine neue Königsherrschaft zur Welt

Eine neue Art von Königsherrschaft kam dort in Bethlehem zur Welt. Mit dem Jesuskind fängt etwas grundsätzlich Neues an – ja, selbst Gott ist da nicht mehr der alte. Er regiert nicht, wie man es sich bis dahin vorgestellt hat, mit einem Zepter von oben herab und unnahbar. Er ist plötzlich ganz dich an den Menschen, lebt mitten unter uns. Das ist riskant und – wie es uns die Passionsgeschichte Jesu lehrt, obendrein auch lebensgefährlich.
Die Vorstellungen eines gottgleichen Königs werden allesamt mit einem Schlag auf den Kopf gestellt: die Vorstellungen Israels nach einer Königsgestalt, wie sie in David vollendet erschien ebenso, wie die aller weltlichen Herrscher in künftigen Zeiten. Der Weg in die Niedrigkeit ist Gottes Weg zur Herrschaft!
Mit dem Kreuz als Königsthron wird sichtbar, dass die übliche Herrschaft nicht etwa nur in einem neuen Gewand erscheint oder die alten Herrscher nur durch einen neuen oder vergleichsweise besseren ersetzt werden. Es wird nicht lediglich ein ‚Herrschaftswechsel‘ inszeniert – die bisherige Herrschaftsstruktur wird durchkreuzt! Mit ihr ist es aus, seit der Erniedrigte der Erhöhte ist. –

„Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben“

Das ist ein wichtiges Merkmal der lukanischen Theologie, die aus seinem Evangelium herauszulesen ist. Mit seinem Tod am Kreuz tritt Jesus in seine Herrlichkeit ein und nimmt den Thron Davids in Besitz. Auf dem Kreuzesholz kommt zur Erfüllung, was der Erzengel Gabriel einst Maria ankündigte: „Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben“ (vgl. Lk 1,32-33). Diese Nähe des Holzes der Krippe zum Holz des Kreuzes, wie sie schon die frühen Kirchenväter immer hervorgehoben haben, ist wichtig. Wenn die Engel den Hirten bei ihrer Nachtwache verkünden, dass „heute der Stadt Davids der Retter geboren“ Ist (vgl. Lk 2,11), erfüllt sich dieses Schriftwort in seiner ganzen Macht und Fülle in der dunkelsten Stunde Jesu auf dem Kreuzesthron. Dieser Erfüllungsgedanke zeigt eine Krippe, wiederum in meiner Heimat. In der Jesuitenkirche in Hadamar sieht man die Engel über dem Stall von Bethlehem. Sie kommen nicht nur ihrer Aufgabe nach, dem Hirtenvolk die Botschaft der Heiligen Nacht zu künden, sondern sie bringen dem Jesuskind Geschenke an den Ort seiner Geburt: eine Krone für den Christuskönig ebenso wie das Kreuz, sie bringen die Gaben von Brot und Wein für die Feier der Eucharistie. Ostern ist in dieser weihnachtlichen Darstellung ebenso zu finden, wie das Leben der Menschen auf den vielfältigen Wegen ihrer Menschwerdung. –

Jesus: Urheber und Vollender des Glaubens

Das Lukasevangelium platziert inmitten seiner Passionserzählung eine eindrückliche Szene, die an die Legende des vierten Königs erinnert. An diesem Fest des Christuskönigs wird sie im Evangelium verkündet. Einer der beiden, die man mit Jesus gekreuzigt hatte, spricht in dieser dunkelsten Stunde seines Lebens ein Wort des Glaubens. Mit Blick auf den Gekreuzigten erkennt dieser - anders als sein Leidensgenosse - im sterbenden Jesus den Urheber und Vollender des Glaubens. Er bindet alle Kraft der Hoffnung an ein Bild, in dem viele Fäden der biblischen Verheißung zusammenlaufen: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ (vgl. Lk 23,42). Und das Wort Jesu auf diese Bitte hin offenbart den Christuskönig in der tiefsten Weise seiner Herrschaft: in seiner Barmherzigkeit.
Der Bericht von der Kreuzigung mit diesen beiden Kriminellen und des Dialogs zwischen ihnen und Jesus ist in den Evangelien einmalig. Lukas zeigt hier ganz konkret, was er in seinem Evangelium an so vielen Stellen angedeutet hat: dass Jesus gekommen ist, „um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (vgl. Lk 19,10). Der Ruf der Heiligen Nacht, „Christ, der Retter ist da“, offenbart sich jetzt in diesem Moment, in dem der Christuskönig auf dem Kreuzesthron seinen Platz eingenommen hat. Wenn das Volk und die führenden Männer für Jesus nur Spott und Hohn übrig haben, was der eine Verbrecher aufgreift, um damit Jesus zu konfrontieren, so zeigt sich der zweite Kriminelle als gottesfürchtig, auch wenn er die religiöse Außenseiter vertritt, die bei Lukas als beispielhaft dafür stehen, dass Menschen sich nach Gott sehnen und in Jesus das Heil suchen.

Der starke Sog der Liebe Gottes vom Kreuz

Auch wenn die Szene selbst offen bleibt, so ahnen wir doch, wie stark der Sog der Liebe Gottes vom Kreuze aus sein wird, durch den dieser reumütige und Gott suchende Kriminelle nun zur Heilung seiner Schuld und das ewige Leben finden wird. Vielleicht hatte Paulus ein ähnliches Bild vor Augen, als er der Gemeinde in Philippi schrieb: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“ (vgl. Phil 3,10-11).
Ich wünsche Ihnen an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr, dass Sie die Möglichkeiten suchen und finden, wie der vierte König aufzubrechen und in Ihrem Leben nach dem Christuskönig suchen. Er wird sich finden lassen; vielleicht nicht dort, wo Sie es erwartet haben, aber gerade dort, wo Sie seine Liebe und seine Barmherzigkeit gerade ganz besonders brauchen.
(vatican news - claudia kaminski)

23 November 2019, 11:00