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Thomas Widmer, Kaplan der Päpstlichen Schweizer Garde Thomas Widmer, Kaplan der Päpstlichen Schweizer Garde 

Unser Sonntag: Die Haltung der Kinder Gottes

Witwen waren zur Zeit Jesu schutz- und rechtlos. Mit der Witwe, die den Richter bedrängt, zeigt Jesus uns das Beispiel eines Menschen, der die Haltung des Kleinseins, die Haltung der Demut annimmt. Das ist die Haltung des Kindseins vor Gott mit der beharrlichen und vertrauensvollen Bitte um Erhörung meint Kaplan Widmer von der Schweizer Garde.

Kaplan Thomas Widmer

Lk 18, 1-8


Im heutigen Evangelium lehrt Jesus seine Jünger ohne Unterlass zu beten und darin nicht nachzulassen. Er tut dies mit einem Gleichnis. Da ist von einer Witwe die Rede, welche ständig, fast aufdringlich, ohne Unterlass, darauf pocht, dass sie zu ihrem Recht kommt.

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Der Evangelist Lukas berichtet in seinem Evangelium auffällig häufig von den Witwen. Da ist von der Frau in Sarepta die Rede, welche Elia zu essen gibt. Er erzählt von der Witwe von Nain, welche um ihren toten Sohn trauert. Er berichtet, wie die anderen Evangelisten auch, von der Witwe, welche das ganze Vermögen in den Opfertopf wirft.

Witwen waren zur Zeit Jesu schutz- und rechtlos

Witwen galten zur damaligen Zeit als rechtlos. Der Mann war es, der sich um den Lebensunterhalt kümmerte. Ohne ihren Mann waren sie schutz- und rechtlos. Es gab keine Witwenrente und keine Sozialhilfe. Ein erwachsener Sohn konnte dieser Not abhelfen.

Die Witwe, von welcher der Evangelist Lukas im heutigen Evangelium spricht, wurde anscheinend ungerecht behandelt. Schutzlos und rechtlos kämpft sie nun eindringlich und vertrauensvoll um ihr Recht, wohlwissend, dass dies nicht üblich ist, da auch Rechtsfragen nicht in ihrer Kompetenz stehen und dass ihr Bitten lästig und unangebracht erscheint.

...die Haltung des Kleinseins vor Gott

Jesus führt uns diese Witwe als Beispiel vor Augen und lehrt uns dabei, vor Gott die Haltung dieser Witwe einzunehmen. Es ist die Haltung des Kleinseins, die Haltung der Demut. Es ist die Haltung des Kindseins vor Gott, die beharrliche und vertrauensvolle Bitte um Erhörung. Diese Haltung der Witwe ist die Haltung der Kinder Gottes.
Im Evangelium ist aber auch vom ungerechten Richter die Rede. Die Gestalt eines Richters, der Gott nicht fürchtet, ist im Alten Testament und vor allem bei den Propheten nicht selten. Da heisst es beispielsweise beim Propheten Jesaja: „Sie verschaffen den Waisen kein Recht, die Sachen der Witwen gelangen nicht vor sie“ (Jes 1, 23). Oder: „Es sind jene, die den Schuldigen für Bestechungsgeld freisprechen und dem Gerechten sein Recht vorenthalten“(Jes 5, 23). Oder bei Jeremia ist davon die Rede, dass sie „das Recht der Waisen, die Erfolg erwarten, und die Sache des Armen nicht entscheiden“ (Jer 5, 28).
Der Richter im heutigen Evangelium ist nicht etwa gutmütig gewillt, Recht zu verschaffen. Vielmehr verschafft er der armen Witwe endlich Recht, damit diese nicht ständig stört, damit sie endlich aufhört lästig zu sein.

„Wieviel mehr möchte Gott, der gut ist, der barmherzig ist, Recht verschaffen!“

Und Jesus sagt dann im Evangelium: „Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern bei ihnen zögern“ (Lk 18, 6-7)? Jesus möchte also sagen: Im Gleichnis handelt es sich um einen ungerechten Richter, der etwas gibt. Wieviel mehr möchte Gott, der gut ist, der barmherzig ist, Recht verschaffen! Ja, gerade, weil Gott barmherzig ist, ist er gerecht. Weil er barmherzig ist, möchte er dem Recht verschaffen, der unrecht behandelt wurde.

Gott schafft den Unterdrückten Recht

Das kommt auch im Magnificat, dem Lobgesang Mariens zum Ausdruck. „Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und er lässt die Reichen leer ausgehen“(Lk 1, 51-53). Oder im Psalm 146 heisst es: „Recht schafft er den Unterdrückten, Brot gibt er den Hungernden, der Herr befreit die Gefangenen. Der Herr öffnet die Augen der Blinden, der Herr richtet auf die Gebeugten, der Herr liebt die Gerechten. Der Herr beschützt die Fremden, er hilft auf den Waisen und Witwen, doch den Weg der Frevler krümmt er“ (Ps 146, 7-9).

Zeichen für die abgrundtiefe Barmherzigkeit Gottes...

Das heutige Evangelium von der inständig bittenden Witwe und vom ungerechten Richter führt also zur Betrachtung der Grösse der abgrundtiefen Barmherzigkeit Gottes, welche dem demütig Bittenden unverzüglich zu Hilfe eilt.
Die vom hl. Papst Johannes Paul II. heiliggesprochene Mystikerin und Ordensschwester Faustina Kowalska schreibt im Januar 1938 in ihrem Tagebuch ein Gebet: "O unbegreiflicher Gott, (…) Alles beginnt mit Deiner Barmherzigkeit und endet in Deiner Barmherzigkeit... Alle Gnaden fließen aus der Barmherzigkeit, und die letzte Stunde ist voller Barmherzigkeit für uns. Möge an Gottes Güte niemand zweifeln, auch wenn seine Sünden schwarz wie die Nacht wären; Gottes Barmherzigkeit ist stärker als unser Elend. Eines ist notwendig, nämlich dass der Sünder seine Herzenstür ein wenig für den Strahl der Barmherzigkeit Gottes öffnet; das übrige tut Gott. Unglücklich die Seele, die vor der Barmherzigkeit Gottes die Tür verschlossen hält und das auch in der letzten Stunde. Solche Seelen versenkten Jesus im Ölgarten in Todestrauer, doch aus Seinem mitleidigsten Herzen ergoss sich die Barmherzigkeit Gottes."
Ein weiterer Eintrag ins Tagebuch der hl. Faustyna handelt von einer mystischen Erfahrung.

...glaubt wenigstens meinen Wundmalen

Sie schreibt Worte, die sie von Jesus gehört hatte: Jesus sagt ihr: „Mein Herz leidet, dass selbst auserwählte Seelen nicht verstehen, wie groß Meine Barmherzigkeit ist. Ihr Umgang ist in einem gewissen Sinne Misstrauen. Wie sehr verletzt das Mein Herz! Denkt an mein bitteres Leiden. Und wenn ihr meinen Worten nicht glaubt, so glaubt wenigstens meinen Wundmalen."

Die heiliggesprochene Schweizerin, Marguerite Bays pflegte zu sagen: „Die Güte Gottes ist unendlich, wir dürfen nie an seinem Erbarmen zweifeln.“ Das heutige Evangelium lädt uns also zu einer Art Gewissenserforschung ein: Ist mein Beten von diesem Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes geprägt? Erwarte ich sein Kommen? Erwarte ich, dass der Herr in seiner Barmherzigkeit alles kann? Glaube ich an seine Allmacht, glaube ich an seine Barmherzigkeit, die auch die tiefsten Abgründe erreichen kann? Oder gebe ich gleich auf, wenn es scheint, dass alles nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe oder bleibe ich im Gebet dran, wie die Witwe im Evangelium?

„Jesus fordert uns mit dem heutigen Evangelium auf, im Gebet nicht nachzulassen“

Ja, es gibt die Erfahrung, dass man meint, dass Gott anscheinend das Gebet nicht hört. Aber ist dies nicht gerade eine Prüfung für unseren Glauben, unser Vertrauen und unsere Ausdauer im Gebet? Gilt es nicht gerade dann an die inständig bittende Witwe und an Gottes abgrundtiefe Barmherzigkeit zu denken? Ja, Jesus fordert uns mit dem heutigen Evangelium auf, im Gebet nicht nachzulassen. Das Evangelium endet mit dem Satz: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden“(Lk 18, 8)?

Gebet der Heiligen Edith Stein

Glauben ist eben noch nicht Schauen. Irgendwie ist da noch Dunkelheit. Er gehört zum Diesseits, wo einiges noch geheimnisvoll bleibt, wo der Mensch noch nicht alles bis zuletzt versteht, auch wenn er voll Vertrauen seine Anliegen dem barmherzigen Vater übergeben hat. Eine grosse Frau des letzten Jahrhunderts hat dies gut verstanden. Es ist die heilige Edith Stein, welche im Jahr 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Sie betet:

„Lass blind mich, Herr, die Wege gehen, die deine sind. Will deine Führung nicht verstehen, bin ja dein Kind. Bist, Vater der Weisheit, auch Vater mir. Führst durch Nacht mich auch, führst doch zu dir. 

Herr, lass gescheh’n, was du willst, ich bin bereit. Auch wenn du nie mein Sehnen stillst in dieser Zeit. Bist ja du der Herr der Zeit, das Wann ist dein. Das ew’ge Jetzt, einst wird es mein.

Mach alles wahr, wie du es planst in deinem Rat. Wenn still du dann zum Opfer mahnst, hilf auch zur Tat. Lass überseh’n mich ganz mein kleines Ich, dass ich, mir selber tot, nur leb’ für dich. Amen“.
(vatican news - claudia kaminski)
 

19 Oktober 2019, 11:00