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Missbrauch: Symbolbild Missbrauch: Symbolbild  (©artit - stock.adobe.com)

Jesuit Mertes warnt vor Opferentschädigung aus Kirchensteuergeld

Der Jesuitenpater Klaus Mertes kritisiert die geplante Entschädigung der katholischen Kirche für Opfer von Missbrauch durch Geistliche. Er warnte am Montag bei einer Tagung in Siegburg davor, dass durch den Einsatz von Kirchensteuern bei der Entschädigung „das gesamte Kirchenvolk in Mithaftung genommen wird für das Leitungsversagen weniger“.

Mertes hatte 2010 als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Deutschlands öffentlich gemacht. Er äußerte sich bei einer Tagung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen.

Kritisch bewertet der Jesuit eine Opferentschädigung in sechsstelliger Höhe. Mit Blick auf die Finanzsituation der Orden sagte er, deren Finanzmittel steckten in deren sozialen Werken oder Schulen sowie in der verpflichtenden Alterssicherung der Ordensmitglieder. Hohe Entschädigungszahlungen gingen deshalb an die Substanz.

„‚Wir zahlen, dann haben wir unsere Ruhe‘ – das darf auf keinen Fall passieren“

In einem Interview des „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Montag warnte Mertes zudem, es könnte der fatale Eindruck entstehen, die Kirchenleitung kaufe sich auf Kosten des Kirchenvolkes frei: „‚Wir zahlen, dann haben wir unsere Ruhe‘ – das darf auf keinen Fall passieren.“ Er kritisierte auch das Selbstlob, wenn Bischöfe sinngemäß sagten, die Kirche habe nun die großzügigste Regelung weit und breit zustande gebracht. „Was werden die Heimkinder dazu sagen? Oder der Weiße Ring, der die Opfer von Gewaltverbrechen vertritt?“, fragte er. „Wie steht es mit der ökumenischen Solidarität? Was bedeutet es für das Staat-Kirche-Verhältnis, wenn die Kirche das etablierte Rechtssystem verlässt und sich dafür auch noch lobt?“

Werden eine Milliarde Euro an Opfer ausgezahlt?

In der vergangenen Woche hatten die deutschen Bischöfe auf ihrer Vollversammlung in Fulda einen Systemwechsel hin zu einer umfassenden Entschädigung der Opfer beschlossen. Um festzulegen, welche Summen am Ende gezahlt werden, müssten die Bischöfe noch zahlreiche Fragen im Detail klären, hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärt. Berechnungen, wonach 3.000 Opfer je 300.000 Euro Entschädigung erhalten würden und somit insgesamt knapp eine Milliarde Euro ausgezahlt werden müsste, seien derzeit noch nicht verifizierbar. Mertes sagte dazu, bei der Verwendung von Kirchensteuern würden die Gläubigen, die keine Schuld an Missbrauch und Leitungsversagen haben, zu sekundär Betroffenen des Missbrauchs.

Vielen Betroffenen sei zudem noch wichtiger, dass die Kirche sich ändert, als dass sie zahlt – das gelte auch für Betroffene, die Zahlungen fordern. „Vielleicht ist das Geld am Ende sogar das, was am wenigsten weh tut – jedenfalls dann, wenn es in Hülle und Fülle da ist“, sagte er der Zeitung. Wichtiger sei zum Beispiel die Investition von Zeit. „Ich bin in Gesprächsprozessen mit Betroffenen, die sich manchmal über Jahre hinwegziehen.“

(kna – tg)

30 September 2019, 15:06