Cerca

Vatican News
Bischof Hermann Glettler Bischof Hermann Glettler 

Innsbrucker Bischof: „Jesus hat immer die Mitte eingenommen“

Er ist bei der österreichischen Bischofskonferenz für „Kunst und Kultur“ zuständig: Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler leitet seit eineinhalb Jahren die Tiroler Diözese. Wir sprachen mit ihm über „Gott und die Welt“… und natürlich auch über Kunst.

VATICAN NEWS: Bischof Glettler, Sie sind jetzt eineinhalb Jahre Bischof von Innsbruck. Was hat Ihnen diese Zeit gebracht?

Bischof Glettler: Viele Überraschungen. Ich bin gut angekommen in diesem Land und habe es auch lieben gelernt, war sehr viel unterwegs, habe versucht, die Menschen kennenzulernen, die Gegend, die Täler. Auch die Kultur Tirols ist sehr vielfältig, es gibt nicht das eine Tirolerisch. Diese Vielfalt des Landes, der Menschen und auch der Kirche, die sehr unterschiedliche Gesichter hat – also ich wollte einfach voll reingehen, auch diesen Puls des Landes und der Kirche fühlen und mich da gut einklinken.

VATICAN NEWS: Was ist Ihnen im Rückblick auf die anderthalb Jahre ein bisschen schwerer gefallen, als Sie sich erhofft hätten?

Bischof Glettler: Teilweise war für mich doch überraschend, dass es doch eine – ich sage nicht „Polarisierung“ – aber doch sehr deutliche Positionen gibt. Im traditionellen, sagen wir eher konservativen Bereich und auf der liberalen Seite, diese Spannung der Kirche in Tirol. Man kann natürlich sagen „Pluralität“ – und wir müssen „pluralitätsfit“ werden. Das versuche ich auch zu tun. Dass diese Spannung so deutlich ist, das hat mich schon auch überrascht, wenngleich ich versuche, beide Seiten zu verunsichern, also auf eine Mitte hin zu verunsichern. Für mich als Bischof ist es doch ein ganz wesentlicher Auftrag, für die Einheit da zu sein.

VATICAN NEWS: „Auf die Mitte hin verunsichern“: Das ist eine Formulierung, die mich sofort neugierig werden lässt. Was bedeutet das genau?

Bischof Glettler: Es ist leichter, sich auf eine Seite zu schlagen und zu wissen: Für die kirchlichen Herausforderungen und Probleme hat man sofort eine Lösung. Das hört man von einer sehr konservativen Seite sehr deutlich und von einer liberalen Seite auch sehr deutlich, aber auszuhalten, dass es in der Kirche eine Entwicklung gibt, dass es Geduld braucht, dass die Kirche vorangeht, aber nicht hetzt, also die Mitte ist eigentlich die anstrengende Position – gilt, glaube ich, auch politisch. Es ist leichter, sich auf ein Extrem auszuschlagen, als eine Mitte auszuhalten, ohne dass es eine beliebige Mitte wird. Wenn man auf Jesus schaut im Evangelium, er hat immer die Mitte eingenommen.

VATICAN NEWS: Also der Ausgleich ist nicht so sehr, dass man dem Einen Recht gibt und dem Anderen Recht gibt, sondern eigentlich eine neue Form der Kommunikation findet.

Bischof Glettler: Eben das wäre mir viel zu statisch, wenn man nur auf so einen Ausgleich hin konzentriert ist. Sondern: Ich möchte beide Flügel verunsichern, um gemeinsam voranzugehen. Mein Motto heißt: Geht, heilt, verkündet! Das hat doch eine Richtung nach vorne. Das heißt, als Kirche auch zukunftsfit zu sein, sich auf Menschen unserer Zeit einzulassen, mit einer Zuversicht in die Zukunft zu gehen, möglichst nahe an den Menschen, möglichst nahe auch an den Entwicklungen, die da sind, die wir nicht aufhalten können.

VATICAN NEWS: Sie gehören der Gemeinschaft Emmanuel an, die sich genau diesen Dialog, dies „Zugehen auf“ auf die Fahnen geschrieben hat, also eine neue Form von Evangelisierung, des Hineintragens und des gleichzeitigen Hinaustragens der Botschaft von Jesus. Welche Formen nimmt diese Form der Evangelisation jetzt konkret bei Ihnen im Bistum an?

Bischof Glettler: Bevor es um dieses „hinaus zu den Menschen“ geht und um das deutliche Sich-Zuwenden zu den Menschen, braucht es auch ein Ganz-Bei-Christus-Sein. Das ist mir sehr wichtig, denn sonst wird man sehr nervös oder gehetzt, unruhig. Also bei Christus sein, bei ihm Verweilen, Eucharistie feiern, das Wort Gottes zu hören, auch die Mitte zu finden, auch auf Ihn zu schauen – eucharistische Anbetung ist mir persönlich ganz wichtig – aber dann dieses Sich-Wieder-Wagen, als Kirche sich aussetzen, konkret: Ich habe einen Bischofsvikar für missionarische Pastoral ernannt, der mit einem Assistenten im positiven Sinn „Unruhe stiftet“, um Pfarren, christliche Gemeinschaften zu bewegen, neue Formate zu versuchen beziehungsweise das, was man sowieso tut in der normalen Standardpastoral mit einer neuen Herzlichkeit, mit einer neuen missionarischen Aufmerksamkeit zu tun. Das beginnt, gut zu greifen. Ein Aspekt oder ein Versuch, den ich lanciere seit einem Jahr schon, ist die Bildung von Weggemeinschaften. Das sind also kleine Gruppen von Menschen in den Pfarren, in der Nachbarschaft, die miteinander das Evangelium lesen, die sich fragen, wo sie in der Nachbarschaft gebraucht werden, also der soziale Aspekt und Einüben von einer sehr einfachen Art, miteinander zu beten. Diese Weggemeinschaften sind ein missionarisches Projekt. Man muss „Mission“ nicht immer als Wort vor sich hertragen. Das schreckt auch einige ab. Ich meine, wir kennen die belastete Geschichte. Aber in der Haltung, im Sinne – die Frage lautet: Wie können wir im Sinne von Jesus am besten wirken heute?

VATICAN NEWS: Also das heißt, es geht darum, nicht immer von Jesus zu sprechen und zu sagen „Jesus will … und so weiter“, sondern, Jesus zu leben.

Bischof Glettler: Das ist ganz schön formuliert, ja. „Jesus zu leben“, beziehungsweise das Evangelium zu leben, angreifbar zu sein, nahe zu sein, auch einen Dienst der Entlastung zu tun, der Versöhnung, also sich auch hinzustellen, wenn Unrecht passiert, eben christliche Spiritualität hat Zukunft. Wir müssen eben neu formulieren und buchstabieren, damit es aus dem Formelhaften und Verkrusteten rauskommt, gerade die Herz-Jesu-Spiritualität in Tirol hat eine starke Geschichte, einige Fragezeichen, aber ich glaube, auch eine Zukunft.

VATICAN NEWS: Wie Sie gesprochen haben vom „Verunsichern auf die Mitte hin“, da kommt natürlich in Ihrem Fall immer dazu, diese Art, mit zeitgenössischer Kunst umzugehen. Sie waren Künstlerseelsorger in der Steiermark und haben diese künstlerische Art und Weise, Kirche zu verunsichern, auch nach Tirol mitgenommen. Nicht jeder und jede sieht mit Sympathie und auch Kenntnis auf zeitgenössische Kunst, gerade im sakralen Raum. Wie gehen Sie um mit Kritik, die da an Sie herangetragen wird?

Bischof Glettler: Die meiste Kritik ist berechtigt, weil sie irgendwie ein Erschrecken anzeigt, oder ein Zu-Wenig-Hinhören und Erklären. Aber es ist auch notwendig. Wir sollten uns vor dem Schrecken auch nicht fürchten. Ich denke da besonders an eine Installation von Manfred Erjautz. Der hat einen alten, schon weggeworfenen Christus-Korpus als Uhr installiert, das heißt, Christus eingeschrieben in die Zeit. Das war natürlich sehr provokant für viele: Darf man denn das? Aber ich habe darum gekämpft. Ich glaube, einige haben das wirklich gut verstanden. Das ist eine Form, dieses Geheimnis des Kreuzes heute auszudrücken. Kunst in der Kirche ist zu den besten Zeiten, wo Kirche vital war, da hat sie den Dialog mit zeitgenössischer Kultur gesucht und sich auch befruchten lassen. Diese Anschlussfähigkeit müssen wir wiedergewinnen. Das ist mein Ehrgeiz irgendwie und da versuche ich auch ein bisschen was zu investieren. Es geht nicht zu sehr nur um die Ausstattung von Kirchen. Das ist auch wichtig. Aber in der zeitgenössischen Kunst, die eine vielfältige Palette hat, geht es mehr um Prozesse auch des Nachdenkens, aber auch der Humanisierung oder der Transformation von Gesellschaft. Sich in diesen „Gedankenfluss“ hineinzubegeben, das ist mir wichtiger, als dass man „christliche Sakralobjekte“ erzeugt. Das braucht es auch. Aber ich sage: Auf diesen Puls zeitgenössischer Kultur zu horchen und einzugehen, fände ich wichtiger. Ich denke zum Beispiel an eine unglaubliche Produktion von Milo Rau bei den Wiener Festwochen: „Orest in Mossul“. Er hat im Irak ein unglaubliches Theaterstück gemacht, immer vor Ort. Ähnlich hat er es auch gemacht im Ostkongo, wo er Leute aus diesem Land involviert ins Theater. Das „kippt“ dann in eine reale Situation, das heißt, es geht um „Involvierung“, um Partizipation um Veränderung von Lebensstilen, also Kunst greift nach dem Leben. Es meint das Ganze.

VATICAN NEWS: Das heißt letztlich, dass die edelste Aufgabe, die zeitgenössische Kunst in einem sakralen Raum im weitesten Sinne haben kann, ist, Dinge in Bewegung zu bringen?

Bischof Glettler: Das würde ich sagen. Denn das Heilige ist nicht etwas Abgeschlossenes. Sondern Gott ist Lebendigkeit, höchste Vitalität. Wenn er mit uns kommuniziert, will er, dass wir möglichst aufmerksam, geistvoll, sensibel, auch verletzbar kommunizieren. Wir haben als Kirche einen sehr großen Auftrag, nämlich, Kultur gut zu erhalten. Das ist ein Wahnsinnskapital, das wir haben, aber auch eine riesige Last. Zumindest in Österreich ist die Kirche die größte Kulturguterhalterin. Aber nicht nur diese Tradition in einem musealen Sinn zu wahren, sondern auf Heute hin erstmal diesen Schatz zu erschließen und zweitens, auch anschlussfähig zu bleiben für heutige Kulturschaffende. In diesem Offenen geht es viel um das Sich-Provozieren-Lassen, sich herausfordern, herausrufen lassen, auch Fragen der neuen Solidarität, der Weggemeinschaft. Das sind Fragen, die der Papst uns ohnehin täglich serviert. Gerade im Umgang mit zeitgenössischer Kultur kann man das gut einüben. 

VATICAN NEWS: Einige fühlen sich allerdings auch wirklich beleidigt von sowas…

Bischof Glettler: Ja, das Argument höre ich. Wir hatten auch in Innsbruck schon einen Abend der Aussprache, wo sehr deutlich Dinge benannt wurden und ich konnte das gut nehmen. Aber ich sage immer ein bisschen „Vorsicht!“, wenn man so schnell von der Verletzung religiöser Gefühle spricht. Wirklich verletzt wird Gott, also, wenn man dann auch gesagt, das ist Blasphemie, wirklich beleidigt wird Gott, wenn wir ihn nicht ernstnehmen, nicht mit ihm ringen, ihn auch vielleicht nicht anklagen, einfach nicht mehr wahrnehmen und auch seine Repräsentation in dieser Welt in jedem Menschen und vor allem in den Ärmsten. Wenn wir das nicht wahrnehmen, das ist Blasphemie. Bei der „Beleidigung der religiösen Gefühle“ habe ich immer so den Verdacht, da schreit man ein bisschen schnell, wenngleich man achtsam sein soll. Denn das ist ja auch etwas Wertvolles, denn Gefühle machen einen Habitus. Es braucht ja vor allem im interreligiösen Dialog diese Achtsamkeit. Die können wir natürlich auch als Christen einfordern. Wenn ich an die Kreuzdiskussion denke: Ich hätte mir so oft gewünscht, dass man nicht nur sagt: „Hilfe, jetzt wird mein religiöses Gefühl beleidigt“, sondern dass man auch mal erklärt, was ist denn das Kreuz? Eben kein Herrschaftssymbol, kein Machtanspruch, sondern Zeichen größter Liebe, Zeichen der Verletzbarkeit Gottes, Zeichen der Verbindung mit allen, auch mit denen, die leiden. Aber diese Erklärungen kamen nicht. Man hat sich beschränkt auf „Wir sind das Opfer“.

VATICAN NEWS: Ist das aus Ihrer Sicht ein Zeichen religiöser Reife, wenn man mit etwas zunächst erstmal Schockierendem, einem Kunstwerk im sakralen Raum, reflektiert umgeht, wenn man sich nicht beleidigen lässt so schnell?

Bischof Glettler: Zumindest würde ich den Tipp geben, sich dem auszusetzen, was anfangs sperrig ist, was man nicht so leicht verkraftet. Sonst bleibt man auf dem ästhetischen Niveau, auf dem man sich eingependelt hat. Wenn man etwas lernen will, dann muss man sich Dingen aussetzen, die einen mäßig, aber immerhin doch überfordern. Das heißt, auch zu einer weiteren und tieferen Sicht zu stimulieren. Das heißt nicht, alles herunterbrechen und hin diktieren auf das Tribunal des aktuellen Geschmacks, sondern mehr zulassen, als einem momentan verständlich ist. Das ist mein Tipp.

VATICAN NEWS: Sie sind auf dem Bischofsstuhl eines Vorgängers von Ihnen, Bischof Stecher, der ebenfalls künstlerisch tätig gewesen ist bis ins hohe Alter hinein. Sie waren selbst auch als Künstler tätig. Haben Sie Lust, das noch weiterzuführen?

Bischof Glettler: Ich kann es leider nicht ganz lassen. Diesen Virus trage ich schon in mir. Aber es ist eher so eine Fingerübung, um nicht zu vergessen, wie schwierig es ist, gute Kunst zu machen. Ich habe also jetzt vor Kurzem auch eine Ausstellung gehabt in Kramsach. Da sind ein paar Dinge, glaube ich, auch ganz gut gelungen, aber das spielt für mich nur eine Nebenrolle. Wichtiger ist mir die Vermittlung, also dass zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler wieder den Eindruck haben, sie sind willkommen in der Kirche, man möchte mit Ihnen in einen ernsthaften Dialog treten, auch Aufträge geben. Das ist wichtiger. Das Heilige braucht das Vitalste der Zeit. Nicht irgendwie einen Abklatsch, eine sterile Wiederholung alter Formen, das ist irgendwie lieblos.

VATICAN NEWS: Herr Bischof, was ist Ihr Lieblingsgebet?

Bischof Glettler: Wenn Sie mich so direkt vor Pfingsten fragen, dann antworte ich mit der Pfingstsequenz. „Komm herab, oh heil’ger Geist, der die finst’re Nacht zerreißt. Strahle Licht in diese Welt. Komm, der alle Armen liebt“ und so weiter. Ich habe das als Student gelernt. Mit dem Gebet fange ich eigentlich fast täglich meine Gebetszeit an. Es ist etwas Schönes, diese Freundschaft mit dem Heiligen Geist. Erstens merkt man, dass man nicht selbst alles tun kann, auch nicht tun muss. Das ist eine Inspiration, auch zur Ruhe kommen, also Gebet zum Heiligen Geist ist mein Lieblingsgebet.

VATICAN NEWS: Kommen wir auf Österreichs Politik zu sprechen. Die durchläuft gerade eine noch nie dagewesene Phase, wie wir wissen. Es gibt in Österreich schon seit langer Zeit sich immer mehr verstärkende Tendenzen des Rechtspopulismus. Auch katholische Gläubige sind davor nicht gefeit, so jemanden auch zu wählen. Wir sehen das mittlerweile aber in ganz Europa. Was macht Ihnen daran eigentlich am meisten Sorgen?

Bischof Glettler: Vielleicht grundsätzlich, wenn ich sagen darf, in Österreich funktioniert die Zivilgesellschaft. Wir haben einen guten Sozialstaat, auch ein Gesundheitswesen, das funktioniert. Ich will das nicht krankreden. Aber tatsächlich gab es Versuche, das zu unterwandern. Das heißt also, Menschen, die sozial schwächer gestellt sind, zu diskriminieren. Sozialleistungen infrage zu stellen. Die Erosion hat nicht stattgefunden. Trotzdem ist sehr große Vorsicht geboten. Auf die spezifische Frage: Ja, es stimmt. Teilweise sind Gläubige anfällig für Verführungen von denen, die sagen, „wir bieten euch eine strenge Form“. Beziehungsweise noch viel plumper, wenn bei Veranstaltungen, wie der italienische Innenminister [Matteo Salvini] das getan hat, mit dem Kreuz herumfuchtelt oder mit dem Rosenkranz: Das ist wirklich Ködern auf sehr billigem Niveau. Darauf fallen leider einige hinein. Man müsste fragen: Was soll denn das? Das Kreuz ist doch nicht ein politisches Signal, geschweige denn ein kulturelles Icon zur Abgrenzung von Andersgläubigen oder zur Verteidigung eines Landes. Man muss sagen: Bitte! Da haben wir aus der Geschichte deutliche Blutspuren und die wollen wir nicht wieder haben.

VATICAN NEWS: Das Problem ist, wenn man den Menschen, um im Bild zu bleiben, sozusagen den Rosenkranz verbal aus der Hand reißt, dann wird die Reaktion eine besonders scharfe sein. Wie kann man dem nachgehen, sodass es wirklich konstruktiv wird?

Bischof Glettler: Indem man auf die Mitte hinkommt, noch einmal gesagt. Auf Jesus hört, auf das Evangelium Gottes, sich nährt, also dass der Mensch sich innerlich aufbaut. Jeder, der innerlich gestärkt ist, dessen Seele genährt ist, der ist weniger anfällig für Verführungen. Deswegen beginnt christliche Spiritualität mit Unterbrechung, mit einem Stopp. Aber der zweite Schritt ist schon, sich innerlich aufbauen zu lassen, mit Geist, mit einer Jesus-Gemeinschaft. Und Er hat versucht, Menschen zusammenzubinden. Der Rosenkranz ist ein fantastisches Gebet zum Anhalten. Es wird niemandem der Rosenkranz weggenommen, sondern ganz im Gegenteil, es ist ein Gebet zum Ruhigwerden, zum Durchmeditieren mit Maria, die offen war, die sich überraschen ließ. Auch mit Maria kann man jetzt nicht für das christliche Abendland kämpfen. Sondern das ist ein offener Prozess, die Geschichte. Ich kann nur sagen, wir Gläubige, Katholikinnen, Katholiken, Christen, wir brauchen ein gesundes und demütiges Selbstbewusstsein. Wenn der Glaube frisch gelebt wird, hat er Attraktivität. Dann werden wir auch ernstgenommen von Andersgläubigen.

VATICAN NEWS: Wo kommt die Angst vor dem Fremden her, die im Moment Europa umtreibt?

Bischof Glettler: Das liegt tief im Menschen begründet, dass er sich vor dem Fremden, vor dem Anderen fürchtet. Es hat teilweise damit zu tun, dass man den Identitätsraum zu eng abgrenzt. Das braucht Übung. Das gehört dazu. Wen meinen wir, wenn wir „wir“ sagen? Wer gehört zu unserer Gesellschaft? Wer sind die Anderen? Wer gehört zu unserer Gemeinschaft, zu unserer Pfarrgemeinde. Das sind ganz wichtige Fragen, dass man diesen Identitätsraum weitet durch Begegnung. Konkret: Durch Menschen, die man anhört oder besucht, in ihr Schicksal hineinhorcht, sich einfühlt. Also durch Empathie weitet sich der Identitätsraum. Und dann merkt man plötzlich: Die wesentlichen Fragen von uns Menschen sind immer die gleichen. Bin ich angenommen, geliebt, habe ich etwas zu sagen, kann ich etwas wirken, etwas bewirken. Also, den Identitätsraum zu weiten, das relativiert die Angst. Auch zu sehen: In den meisten Gebieten dieser Erde sind wir die Fremden. Das heißt, wir wachsen als Menschheitsfamilie sowieso zusammen. Das alles aufzuhalten, kommt einem sehr verbitterten, verkrampften Versuch gleich, sich irgendwie von der Welt abzuschotten.

VATICAN NEWS: Wenn Papst Franziskus in dieser Linie, die Sie da gerade dargelegt haben, spricht, dann erntet er immer häufiger Kritik. Sei es in Europa, sei es vor allen Dingen auch in Nordamerika. Wie nehmen Ihrer Einschätzung nach die Menschen in Tirol, die Menschen in Österreich Papst Franziskus wahr in seinem doch sehr kompromisslosen Eintreten für die schwächsten Angehörigen unserer Gesellschaft?

Bischof Glettler: Grundsätzlich positiv. Ich merke, dass Breiten der katholischen Kirche, aber auch der ganzen Gesellschaft, sehen, dass er so deutlich ein so humanes Gesicht zeigt. Er ist da eine geistliche Leitfigur weit über die katholische Kirche hinaus, eine Weltautorität momentan. Mit dieser Herzensweite, das wird positiv angenommen. Natürlich gibt es Zirkel, die sagen: Na, jetzt geht er zu weit. Aber wir sind doch kein Papstbewertungsverein! Der so ein Ranking macht, ob er jetzt ganz oben ist oder schon „Likes“ verloren hat. Allen, die da so Ränke schmieden, möchte ich bitte sagen: Es geht nicht darum, ob der Papst so oder so ist, sondern, ob wir in der Spur Jesu bleiben und dem Evangelium treu sind. Das hat zu jeder Zeit große Herausforderungen gemacht. Wir müssen größer denken. Die Begegnung mit ihm heute bei der Audienz war wieder eine Inspiration. Gehen wir doch gemeinsam einen Weg in Verschiedenheit! Er hat von seinem Besuch in Rumänien erzählt, von Bukarest. Sensationell, weil die orthodoxe Kirche in Rumänien jetzt nicht geradezu auffällig war mit ökumenischer Initiative, aber es scheint eine gute Begegnung gelungen zu sein. Dann besucht der die griechisch-katholische Kirche, spricht sieben Märtyrerbischöfe selig und geht in die Roma-Siedlung. Das sind ganz deutliche Signale. Also Mut, Märtyrer, was auch immer an Zeitgeist daherkommt, auch an Gegenwind, möglichst gemeinsam über Konfessionsgrenzen hinweg die, die zu den Ärmsten zählen, die bewusst mit hineinzunehmen und zwar proaktiv.

VATICAN NEWS: Worin sehen Sie das ganz große Prophetische an Papst Franziskus?

Bischof Glettler: Die Herzensweite, seine Frische, seine geistige Aufgeschlossenheit, die Nähe, die er lebt: Das ist, glaube ich, prophetisch in einer Zeit, die gefühlsmäßig so auseinanderdriftet, wo man sich abgrenzt und meint, da ist man schon möglichst sicher für die Zukunft, wenn man möglichst viele Zäune und Absicherungen hat. Er sagt: Nein, die Nähe, die bringt Zukunft. Also „build up relations“, Beziehungen aufbauen, das ist das Programm, das ist prophetisch.

VATICAN NEWS: Wenn aber der Einwand, gerade auch die benachteiligten Schichten in einem Land wie Österreich, die sich bedroht fühlen von Fremdheit, von Andersartigkeit, die auf sie zukommt und die aus diesen Gründen politisch wegdriften – was entgegnen Sie?

Bischof Glettler: Ja ich sehe eine gewisse Pluralitätsmüdigkeit. Das kommt daher, dass man ein Zuviel an Informationen hat, einer großen Zerstreuung ausgesetzt ist. Dieses Viele, was so schnell durch die verschiedenen Medien zu uns hereinkommt, nicht verarbeiten zu können. Beziehungsweise fühlt man sich in diesem Großen ohnmächtig, als könnte man in dieser Geschichte und in dem Verlauf der Dinge nichts ändern. Diese Wirkungsohnmacht ist ein sehr wesentlicher Grund, warum Menschen dann denen Stimmen geben, die oft in frecher Manier, in einer unmenschlichen Weise sagen: Ich kann alles machen. Ich kann mir die größten Frechheiten und Entgleisungen leisten, aber ich bin euer Hero. Ich brauche jetzt keine Namen zu nennen, aber die breiten Massen, die jetzt von ihrem Lebensumfeld her, von ihrem Milieu, von ihren Lebensvoraussetzungen her, nichts gemeinsam haben an Schnittmengen mit diesen politischen Typen, die sich so als Messias inszenieren – und trotzdem werden sie gewählt. Also: Was tun? Diesen Menschen Gewissheit geben, dass sie doch in ihrem Umfeld etwas gestalten können, dass ihre Stimme zählt. Es geht wieder um Wahrnehmungen, das ist das Um und Auf. Wahrnehmen, anhören, hingehen, Gemeinschaft stiften, Begegnungen ermöglichen: Es wird immer dieser schöne, aber mühsame Weg sein.

Das Interview führte Gudrun Sailer.

(vatican news)

14 Juni 2019, 11:13