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Unser Buchtipp: Als der Wagen nicht kam

Manfred Lütz, Kölner Psychiater und Vatikanberater, hat vor Jahren die Aufzeichnungen seines Großonkels Paulus Van Husen (1891-1971) entdeckt. Warum er schon beim ersten Überfliegen ahnte, dass er diese Erinnerungen publizieren musste, und warum daraus umgehend ein Bestseller wurde, erzählt der Autor im Gespräch mit uns.

Vatican News: In drei Sätzen - wer war Ihr Großonkel Paulus van Husen?

Luetz: „Paulus van Husen war ein Mitglied im Kreisauer Kreis im Widerstand gegen Hitler. Stauffenberg ist von seiner Wohnung aus in die Wolfschanze zum Attentat gefahren. Er hat also einen der wenigen Verschwörer überlebt und ist dann der erste Verfassungsgerichtspräsident Nordrhein-Westfalens geworden.“

Zum Nachhören

Vatican News: Eine faszinierende Persönlichkeit in einer für Deutschland ereignisträchtigen Zeit, wobei uns besonders van Husens Kreisauer Kreis interessiert. Er war ein Katholik, kam aber zu dem Schluss, dass ein Tyrannenmord im Fall von Hitler moralisch zu rechtfertigen ist. Wie kam es dazu?

Lütz: „Die Gruppe war durchaus christlich. (Helmuth James Graf von) Moltke war der Leiter beziehungsweise Anreger des Kreisauer Kreises. Er selbst war Protestant und sehr tiefgläubig. Paulus von Husen war im Kreisauer Kreis die katholische Persönlichkeit. Er war es auch, der den Kontakt zu von Galen, dem Bischof von Münster, gehalten hat. Dieser ist ihm hinterhergelaufen, beschreibt er in seiner Autobiografie, und sagte: „Ich bete, dass der Kopf draufbleibt!“ Aus seiner tiefen katholischen Überzeugung heraus, als Jurist, als jemand, der Staat, Kaiser und Weimarer Republik treu gewesen ist, kam er zu dem Schluss, dass man den Tyrannen eines solchen Unrechts-Regimes töten muss. Als er ihn zum letzten Mal sah, sagte Stauffenberg: „Man wird ihn (Hitler) umbringen müssen.“ Dann ist Stauffenberg losgefahren. Darüber hat man ja nicht gesprochen, damit nicht weitere Leute informiert waren.“

Vatican News: Was an diesen Aufzeichnungen ist für Sie am bemerkenswertesten?

Lütz: „Bei Paulus von Husen kann man erleben, wie diese Zeit für einen gläubigen Katholiken war, der sehr selbstbewusst Kardinal Bertram kritisierte, wütend über das Reichskonkordat, das dieser Papst mit Hitler abgeschlossen hatte. Gleichzeitig war er tieffromm. Ich bin sein Erbe gewesen, habe seinen Haushalt aufgelöst und selten einen Haushalt mit mehr Madonnendarstellungen pro Quadratmeter erlebt. Dieser ganz fromme Mann beschreibt berührende Szenen, wie er ins KZ gefahren wird und der vorne sitzende SS-Mann sagt: „Reden Sie da hinten nicht!“ Er sah im Rückspiegel, dass van Husen seinen Mund bewegte, und ein anderer Gefangener saß daneben. Van Husen antwortete: „Ich rede nicht, ich bete den Rosenkranz.“ Dann kamen sie ins KZ, wo ihm am Empfang der Rosenkranz und andere Sachen abgenommen wurden. Dieser SS-Mann ist gekommen, hat den Rosenkranz genommen und ihn ihm gegeben. Das sind unglaublich berührende Szenen, die toll beschrieben sind und es erlauben, auch emotional zu verstehen, wie es damals gewesen sein muss.“

Vatican News: Ihr Großonkel hatte einen sehr packenden Schreibstil. Vieles, was historisch schon bekannt ist, aus einer persönlichen Perspektive und sehr gut verarbeitet, fast schriftstellerisch.

Lütz: „Ja, das ist das Tolle. Meine Frau als Journalistin hat gesagt, das müsse man unbedingt veröffentlichen. Ich war erst ein wenig zögerlich. Es gibt schon eine historisch-kritische Veröffentlichung davon – die ist natürlich etwas nüchterner und mit vielen Anmerkungen. Die neue Version hingegen ist ein Krimi in der Wirklichkeit, man erlebt das richtig mit. An einigen Stellen ist es auch sehr witzig. Mein Großonkel hat zum Beispiel eine Köpenickiade in München aufgeführt, war irgendwie ins Oberkommando der Wehrmacht gekommen, also ins Kriegsministerium. Die Leute wussten ja nicht genau, was das für ein Typ ist, hatten den Eindruck, er hätte wahnsinnig viel Macht. Hitler hatte ja verschiedene Paladine, die Macht hatten, wie Himmler, Göring und so weiter. Da wusste man nie genau, wen er gut kennt. Am Ende des Krieges musste er nach München fahren, weil das Oberkommando der Wehrmacht wollte, dass die NSDAP alle Waffen abgibt. Das haben die aber nicht richtig gemacht. Da wurde ausgerechnet er abgeordnet, ins Hauptquartier der NSDAP nach München, ein riesiges Gebäude, faschistischer Stil, er beschreibt das wunderbar. Dort durfte nicht geraucht werden, weil Hitler auch nicht rauchte. Dort hat er sich mit den Führern der NSDAP hingesetzt, hat ganz langsam eine Zigarette herausgezogen, sich aus einem Stück Papier einen Aschenbecher gemacht – Aschenbecher gab es natürlich nicht – und hat genüsslich die Zigarette angezündet. Keiner hat etwas gesagt. Da wusste er - das waren die die Führenden der NSDAP - ,Ich habe hier gewonnen! Die halten mich für einen wahnsinnig coolen und mächtigen Typen.´ Solche Storys machen die Geschichte einfach unterhaltsam.“

Vatican News: Was können wir heute noch von Paulus van Husen lernen?

Lütz: „Ich glaube, dass es auch in einer Zeit, die sehr zivilisiert zu sein scheint, plötzlich passieren kann, dass die Unmoral gewinnt, dass plötzlich Leute an die Macht kommen, die total unmoralisch sind. In Amerika erleben wir zurzeit einen Präsidenten, der keine moralischen Kategorien mehr zu haben scheint. Auch bei uns gibt es in der Politik und anderswo Leute, für die nur noch Geld, Erfolg und Größe zählen. In dieser Situation ist es wichtig an Menschen zu erinnern, die aus ihrem Gewissen heraus sogar bereit waren, für die Erhaltung der Freiheit und Würde von Menschen ihr Leben einzusetzen. Darum ist mein Großonkel für mich ein großes Vorbild und ich glaube, dass jeder, der das Buch liest, nicht nur gut unterhalten wird, sondern vielleicht auch etwas für sein Leben lernt.“

Die Fragen stellte Gudrun Sailer.

Manfred Lütz, Paulus van Husen: Als der Wagen nicht kam. Eine wahre Geschichte aus dem Widerstand. Herder 2019, 25 Euro.

(vatican news)

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12. April 2019, 13:41