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Unser Buchtipp: Frauen in der Kirche

Der Südtiroler Moraltheologe Pater Martin Lintner OSM (Servitenorden) geht als herausgeber eines Sammelbandes auf die „Frauen in der Kirche“ ein und stellt einige „Denkanstöße zur Geschlechterfragen“. Ein Gespräch über Frauen, Kirche und was sich ändern muss.

Vatican News: Was genau war das Anliegen des Brixener Theologischen Jahrbuches „Frauen in der Kirche – Denkanstöße zur Geschlechterfrage“?

P. Lintner: Das Anliegen war, dass wir ein aktuelles Thema aufgreifen, das sowohl kirchlich als auch sozial-gesellschaftlich relevant ist. Papst Franziskus selbst hat mehrfach angeregt und davon gesprochen, dass die Kirche über die Einbindung von Frauen in das offizielle kirchliche Leben, wo Entscheidungen getroffen werden, wo diskutiert wird, wo beraten wird, nachdenken muss. Er hat auch die Theologie aufgefordert, hier einen Beitrag zu leisten. Wir haben uns dieser Herausforderung gestellt und wollen dazu mit unserem Band des Theologischen Jahrbuches beitragen.

Vatican News: In Ihrem Jahrbuch geht es um sehr viele verschiedene Themen. Gibt es eine Linie, die Sie bei deren Auswahl geleitet hat?

P. Lintner: Die Bandbreite ist deshalb so groß, weil jeder Kollege beziehungsweise jede Kollegin einen Beitrag aus dem eigenen Fachbereich beigesteuert hat. Der rote Faden ist tatsächlich die Frau und das Vorgehen der Kirche – zum Teil sehr differenziert aufgearbeitet – bezüglich kirchenrechtliche Fragen, historischer und biblischer Fragen. Mein eigener Beitrag setzt sich mit den Gender-Studien auseinander, die in der Kirche leider immer als ideologisch verurteilt, beziehungsweise einseitig betrachtet werden.

Ich habe versucht, hier deutlich zu machen, dass auch in der Kirche der Diskurs differenzierter sein müsste. Der rote Faden ist aber tatsächlich der Umgang mit der Frau, mit Frauen in Kirche und Gesellschaft, besonders in der Kirche, aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der theologischen Fachdisziplinen.

Vatican News: Viele bedauern, dass die Sache der Frau schon zu lange in einer „Ruhephase“ steckt. Was kann die Theologie zur Änderung dieser aktuellen Situation beitragen?

P. Lintner: Das ist richtig, und ich kann diesen Unmut vonseiten sowohl von Frauen als mittlerweile auch Männern nachvollziehen und verstehen. Es wird lang und breit über diese Themen diskutiert und ich habe den Eindruck, dass auch diesbezüglich bereits sehr viel theologische Vorarbeit geleistet worden ist, dass dann aber auf der konkreten Ebene noch recht wenig davon umgesetzt wird.

Ich denke zum Beispiel daran, dass in Leitungsgremien oder in Gremien, wo Entscheidungen getroffen werden, auf diözesaner oder weltkirchlicher Ebene, Frauen immer noch unterrepräsentiert sind, ihr Anteil verschwindend gering ist. Aber ich denke zum Beispiel auch an die Weihefrage, wo man seitens der Theologie mit sehr viel Vorarbeit und auch mit sehr vielen vertiefenden Studien darauf hingewiesen hat, dass die Argumente, mit denen seitens des Lehramtes in dieser Frage einfach immer noch einfach abgeblockt wird, teilweise aus theologischer Sicht schlicht und einfach schwach sind.

Dabei kann man es nicht belassen, man darf den Status quo nicht weiter zementieren. Man muss sich auf diese berechtigten Fragen einlassen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Das ist nicht zufriedenstellend und deshalb verstehe ich den Unmut, den sehr viele hier verspüren.

Vatican News: Würden Sie sich in Papst Franziskus‘ Theologie der Frau einordnen oder versuchen Sie eher, einen neuen Weg zu gehen?

P. Lintner: Einerseits verstehe ich das Anliegen von ihm, andererseits wäre es wichtig, dass wir eine Theologie des Menschen entfalten, die zutrifft auf Mann und Frau, wo die Differenz von Mann und Frau sehr wohl auch wertgeschätzt wird aber, wo zugleich aber auch Mann und Frau beziehungsweise die sexuelle Identität eines Menschen nicht Kriterium ist für zum Beispiel Ausschluss oder Zulassung zu Aufgaben oder Ämtern.

Ich glaube, es wäre sehr wichtig, dass die Männer darüber hinauskommen, über die Frau in der Kirche zu diskutieren. Es geht auch darum, und das ist auch ein Anliegen, das ich in der Auseinandersetzung mit der Gender-Frage verfolgt habe, über das Menschenbild insgesamt nachzudenken. Da wird die Differenz von Mann und Frau natürlich wahrgenommen, aber nicht zu einem Ausschlusskriterium für irgendetwas. Da werden, wo es jetzt um das Thema Frau geht, Frauen selbst angehört, Diskussionen nicht ohne die Frauen geführt und Entscheidungen nicht ohne sie getroffen.

Vatican News: Papst Franziskus hat sich wiederholt kritisch zu den Gender-Theorien geäußert. Auch wenn er es nie klar benennt, scheint er dennoch Teile davon gerechtfertigt zu finden. Welche sind das?

P. Lintner: Das Interessante ist, dass er, wie viele andere im kirchlichen Bereich, von der Gender-Theorie im Singular spricht und sie als ideologisch betrachtet. Was er konkret benennt sind meistens zwei Punkte: Zum einen wirft er vor, dass das biologische und das soziale Geschlecht – Sex und Gender – gleichsam auseinandergerissen werden, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Zum zweiten lehnt er kritisch ab, dass das Geschlecht allein eine Frage der freien Wahl eines Menschen ist.

Nun ist es aber so, wenn man sich die Gender-Studien in ihrer Vielfalt und Bandbreite anschaut, dann findet man kaum eine, die sich mit diesen beiden Aussagen identifizieren ließe. Sie sind in diesen Punkten sehr viel differenzierter und auch sehr viel kritischer. Die Gender- und die biologische Dimension sind sehr wohl differenziert voneinander zu betrachten, auch wenn man sie nicht voneinander lösen kann. Das findet sich sogar in „Amoris Laetitia“. Papst Franziskus sagt, dass Gender sich sozial und kulturell entwickelt, dass diese Formen nicht erstarrt sind, dass es auch möglich sein muss, dass sich hier einiges im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit verändert. Er spricht auch positiv von den Frauenrechten. Er nimmt sehr viel mehr positiv auf, als er sprachlich tatsächlich benennt.

Wo Gender als ideologisch zurückgewiesen wird, wird es mit sehr engen Positionen definiert, die sich in dieser Form aber kaum in Genderstudien und bei Gendertheoretikerinnen und Gendertheoretikern finden. Da muss man differenzieren und der Komplexität der Genderstudien gerecht werden.

Vatican News: Wo ist der theologische Hebel, um berechtigte Anliegen der Gendertheorien kreativ in das katholische Lehramt zu integrieren?

P. Lintner: Meines Erachtens ist es tatsächlich wichtig, sich mit Grundfragen der Anthropologie auseinanderzusetzen, wofür uns die Genderstudien ja auch sensibilisiert haben: Sehr viele Menschen – ohne, dass sie es frei wählen – können nicht einfach in die Zwei-Polarität von Mann und Frau eingeordnet werden. Teils schon rein auf der biologischen Ebene – immerhin gibt es von 500 Menschen einen Menschen, der biologisch keine deutliche Geschlechtsidentität aufweist – gibt es Abweichungen in Bezug auf die Genderidentität.

Unterschiede gibt es auch in Bezug auf die individuelle Identität. Denken wir an Menschen, die homosexuell orientiert sind oder auch an transsexuelle Menschen. Wir können von diesen Menschen nicht einfach sagen, die fallen aus einer schöpfungsgemäßen oder gottgewollten Zweigeschlechtlichkeit heraus. Wir haben uns stattdessen tatsächlich zu fragen, wie wir mit den Menschen umgehen können, die sich in dieser geschlechtlichen Identität wiederfinden, die sie nicht selbst gewählt haben, die sie aber als die ihrige entdecken und zu der sie auch stehen dürfen sollen. Das stellt uns vor große Herausforderungen. In der Vergangenheit sind wir als Kirche mit diesen Menschen falsch umgegangen, das sehen mittlerweile, glaube ich, die Meisten ein.

Vatican News: Woher kommt das offensichtlich tief verankerte Unwohlsein des katholischen Lehramtes mit den Gendertheorien?

P. Lintner: Ich denke die Grundangst ist tatsächlich die, dass einiges am Menschenbild infrage gestellt wird. Wenn wir davon ausgehen, dass das einzige, was schöpfungsgemäß und daher gottgewollt ist, entweder deutlich Mann oder Frau und deutlich heterosexuell orientiert zu sein hat, dann stellt das einiges infrage. Ich glaube, es ist tatsächlich so etwas wie das Weltbild, das wir im späten Mittelalter überdenken haben müssen.

Zweitens, glaube ich, gibt es eine Grundangst, weil ja tatsächlich mit diesem Modell soziale Zustände legitimiert worden sind, die infrage zu stellen sind, weil sie zu Asymmetrie, gerade auch innerhalb der Kirche, führen. Das wird als ein Angriff auf die eigene Ordnung, auf die eigene Autorität verstanden.

Drittens gibt es nicht einfach eine vorgegebene natürliche Ordnung und wer sich da nicht einfügt, der fällt halt heraus. Es geht darum, wie sich der Einzelne zu einer vorgegebenen Realität bezieht. Und wenn die vorgegebene Realität für den Einzelnen zum Beispiel darin besteht, dass er homosexuell orientiert ist, dann kann man ihm nicht einfach die Lehre der deutlichen Geschlechtsidentitäten vorgeben. Die Kirche tut sich noch sehr schwer damit, die Verantwortung des Einzelnen im Sexualbereich anzuerkennen.

Das Gespräch führte Gudrun Sailer.

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(vatican news)

16 März 2019, 11:57