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Papst Franzikus hatte sich bei seinem Rückflug von Abu Dhabi zum Thema Missbrauch von Ordensfrauen gäußert Papst Franzikus hatte sich bei seinem Rückflug von Abu Dhabi zum Thema Missbrauch von Ordensfrauen gäußert  (Vatican Media)

Missbrauch an Ordensfrauen: In Deutschland nicht „systematisch“

Es ist ein altbekanntes Problem, doch mit seinem Eingeständnis, Missbrauch komme auch hinter Klostermauern vor, hat Papst Franziskus neues Feuer in der Debatte um Missbrauch von Ordensfrauen entfacht. Unsere Kollegen vom Kölner Domradio haben mit der Vorsitzenden der deutschen Ordensobernkonferenz, Schwester Katharina Kluitmann, gesprochen.

Schwester Katharina Kluitmann (Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz): Ich bin sehr froh, dass Dinge, von denen man weiß und die zum Teil auch veröffentlicht worden sind, auch vom Papst offen ausgesprochen werden. Wir haben in der letzten Zeit viel über den Missbrauch an Minderjährigen gesprochen.

Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass wir uns überhaupt dem Thema des Missbrauchs zuwenden. Auch da, wo es um volljährige Opfer geht. Ordensfrauen gehören dazu, aber eben auch Ordensmänner und auch andere Frauen und Männer.

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie denn die Situation in den Orden ein? Ist es ein Milieu, das auch Missbrauch begünstigen könnte?

Kluitmann: Wir sind natürlich in diesen Fragen immer darauf angewiesen, dass Betroffene sich melden. Aber ich würde aus meiner Erfahrung sagen, dass Missbrauch von Klerikern an Ordensfrauen auch in Deutschland vorkommt, aber nicht als Teil einer großen Kultur, als ein systematisches Vorgehen. Das halte ich für Deutschland für nicht wahrscheinlich. Und das ist der Bereich, den ich ein wenig überschauen kann.

DOMRADIO.DE: Da ist es sicher notwendig, dass eine möglichst große Offenheit und Transparenz herrscht, damit sich die Betroffenen auch zu äußern trauen. Denn das sind ja sensible Bereiche, die es da gibt.

Kluitmann: Von daher denke ich, dass diese Äußerung des Papstes auch wichtig ist. Es ist wichtig, dass das Thema Missbrauch angesprochen werden kann. Das heißt einmal, dass man Worte dafür findet und, dass auch jemand wie der Papst sagt: „Ja, so etwas kommt vor“ - und, dass man überhaupt diese Vorstellung zulässt, dass so etwas vorkommt.

Ganz wichtig bei erwachsenen Betroffenen ist, dass man ernst nimmt, in welch einer Abhängigkeit, in welch einer verwundbaren Position man zum Beispiel in einer Seelsorgebeziehung ist und, dass die Äußerung „Warum haben die denn nichts gemacht? Die waren doch volljährig!“, völlig daneben ist.

DOMRADIO.DE: Da gilt die seelsorgliche Abhängigkeitsbeziehung, die sehr sensibel ist und die man genau berücksichtigen muss?

Kluitmann: Man muss es parallel zu therapeutischen Prozessen sehen. Die eine Seite ist auf der Seite der Helfenden und die andere Seite offenbart sehr viel aus ihrem sehr persönlichen, sehr intimen Leben. Dadurch entsteht ein Machtgefälle. Damit muss derjenige, der begleitet, umgehen können. Im deutschen Recht, im Strafgesetzbuch unter Paragraf 174c ist klar geregelt, dass da ein besonderer Schutz gilt. Der muss analog auch für Seelsorgebeziehungen, Beichte, geistliche Begleitung und dieses gesamte Feld gelten.

DOMRADIO.DE: Sie haben den Papst sehr dafür gelobt, dass er das angesprochen hat. Aber hätte der Vatikan da nicht schon viel transparenter sein müssen und schon viel eher diesen Missbrauch öffentlich machen müssen? Das ist jetzt auf dem Rückflug doch eher auf Nachfrage und fast ungeplant herausgekommen, oder?

Kluitmann: Da zitiere ich einfach den Papst: „Wer bin ich, darüber zu urteilen?“ Ich bin erst einmal froh, dass es wenigstens jetzt passiert ist. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass jetzt bald auch diese große Konferenz der Vorsitzenden der Bischofskonferenz zum Thema Missbrauch mit dem Papst stattfindet. So wird das Thema auf einer weltkirchlichen Ebene noch einmal ganz anders angegangen, als nur in nationalen oder kontinentalen Zusammenhängen.

DOMRADIO.DE: Der Papst sagte auch: „Beten sie dafür, dass wir jetzt weitermachen können. Ich will weitermachen.“ Was, glauben Sie, sollte jetzt weiter passieren?

Kluitmann: Das Entscheidende ist: Ansprechen, Transparenz erzeugen und Betroffene ermutigen. Die weltweite Vereinigung der Generaloberinnen hat im November alle betroffenen Ordensfrauen aufgefordert, über jegliche Form von Missbrauch zu sprechen. Das heißt eben auch für die, die das vielleicht zu hören bekommen, das gut aufzunehmen. Das ist ein ganz wichtiger Teil, ein Mentalitätswandel. Man muss schauen, wo man strukturell etwas tun kann, damit Missbrauch zwar wahrscheinlich leider nie ganz verhindert, aber doch erschwert wird.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(domradio)

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08 Februar 2019, 10:44