Proteste in Chemnitz... und auf dem Bild eine Reaktion aus Köln Proteste in Chemnitz... und auf dem Bild eine Reaktion aus Köln 

Chemnitz: „Kirchen müssen wieder Menschen erreichen“

Ausschreitungen so groß, dass die Polizei kaum noch mitkommt: Das ist Chemnitz im Sommer 2018. Um dem Unmut zu entgegnen, müsse man den Menschen zeigen, warum der Weg der Demokratie und des Grundgesetzes der bessere ist, sagt Prälat Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe.

Es sei „schon sehr bedrückend zu sehen“, dass viele Menschen „den demokratischen Konsens aufkündigen und den Rechtsstaat nicht seine Arbeit machen lassen“, so Prälat Jüsten gegenüber dem Kölner Domradio. In Chemnitz ist am Wochenende ein Mann erstochen worden, tatverdächtig sind ein Syrer und ein Iraker. Rechtsextreme reagierten mit schweren Ausschreitungen. Dazu Prälat Jüsten:

„Gleichwohl weiß ich natürlich, dass wir auch auf der linken Seite Probleme haben“

„Die anschließenden Ausschreitungen sind insofern sehr bedrückend, weil sich viele Menschen dem angeschlossen haben. Ich unterstelle nicht allen, Nazis zu sein oder sich nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes zu bewegen, sondern sich aus welchen Unzufriedenheiten auch immer zu artikulieren. Gleichwohl weiß ich natürlich, dass wir auch auf der linken Seite Probleme haben. In Berlin erleben wir das insofern, als dass wir uns als Kirche fragen müssen: "Wie können wir die Menschen erreichen, die sich vom demokratischen Konsens verabschiedet haben?“

Die Geschehnisse und Ausschreitungen, die in Chemnitz stattgefunden haben, machten den Vertretern der Kirche in Chemnitz „sehr betroffen und lösen auch eine große Besorgnis aus“, so Diakon Daniel Frank, Leiter des Katholischen Büros Sachsen, im Gespräch mit dem Domradio.

„Die Straftat kann aber niemals rechtfertigen, dass Bürger sich zu fremdenfeindlichen, menschenverachtenden und volksverhetzenden Demonstrationen zusammenrotten“

„Die tödliche Messerstecherei in der Nacht zum Sonntag stellt eine Straftat dar, die noch aufzuklären und mit rechtsstaatlichen Mitteln zu ahnden ist. Die Straftat kann aber niemals rechtfertigen, dass Bürger sich zu fremdenfeindlichen, menschenverachtenden und volksverhetzenden Demonstrationen zusammenrotten. Eine Straftat darf nicht dazu instrumentalisiert werden, gegen ganze Volksgruppen zu hetzen. Das gilt erst recht, wenn diese Straftat noch nicht einmal vollständig aufgeklärt ist.“

Die Antwort als katholische Kirche auf diese Geschehnisse könne nur in den Versuchen einer Befriedung bestehen, so Diakon Frank. „In unseren Gemeinden und in unseren Vereinen bieten wir schon Foren der Begegnung an – damit vermittelt werden kann.“

Zum Nachhören

Verbale Ächtung der Politik

 

Die Politik ächtet verbal die Hetzjagden oder andere Gewalt auf den Straßen Sachsens. Das sei aber nur das eine, so Prälat Jüsten. Das andere sei, dass die Kirche die Menschen wieder erreichen müssen. „Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist dafür die politische Bildung. Wir als Kirchen bemühen uns darum. Ein wichtiger anderer Anknüpfungspunkt ist auch, in dieses rechte Milieu rein zu kommen, um mit den Menschen zu reden und sie davon überzeugen, dass sie vielleicht auf dem Irrweg sind. Wir müssen sie davon überzeugen, dass der andere Weg – nämlich der der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und unseres Grundgesetzes – der bessere Weg ist. Dazu müssen die Menschen aber auch von den Erfolgen des Systems überzeugt sein und davon profitieren. Wir müssen auch genau hinschauen, inwiefern sich die Menschen ungerecht behandelt und abgehängt fühlen. Auch wenn es objektiv vielleicht keine Ungerechtigkeiten gibt, haben die Menschen oft das Gefühl, dass sie nicht angemessen behandelt werden. Das ist wiederum eine eigene Wahrheit, die ich zunächst einmal annehmen und ernstnehmen muss. Ich muss auf die Menschen zugehen. Das gilt auch für uns als Kirche.“

 

Aufgabe der Kirche: zum Frieden mahnen

 

Diakon Frank fügt hinzu, dass es Aufgabe der Kirche sei, zum Frieden zu mahnen und gleichzeitig auch Veranstaltungen anbieten, in denen Menschen in Kontakt kommen und miteinander sprechen können. „Wo Menschen natürlich ihre Sorgen und Ängste ausdrücken, aber sich auch mit Menschen anderer Volksgruppen aussprechen können. Es muss in unseren Gemeinden ein Klima herrschen, wo wir uns auf Augenhöhe begegnen, wo wir achtungsvoll miteinander umgehen, wo wir Gastfreundschaft üben, wo Vorurteile abgebaut werden können. Ich denke, die Hauptaufgabe für uns als Kirche besteht darin, Räume und Orte anzubieten, wo Menschen zusammenkommen und ins Gespräch kommen und einen Dialog miteinander führen können.“

In Sachsen liegt die Anzahl der evangelischen Christen bei etwa 20 Prozent, die der katholischen bei vier Prozent. „Das heißt aber nicht, dass wir nichts tun können“, so Diakon Frank, Leiter des Katholischen Büros Sachsen. „Vom Evangelium ist uns gesagt, ,Salz der Erde´ zu sein. Und Salz hat die Eigenschaft, dass wenig viel bewirken kann. Es muss also unsere Aufgabe sein, dass wir uns dafür einsetzen, dass diese Gesellschaft nicht durch Ängste den Geschmack am Leben verliert und das können wir, indem wir auch Angebote schaffen, zu denen wir die gesamte Bevölkerung einladen. Die Katholische Akademie zum Beispiel führt solche Angebote in ihrem Programm, wo Menschen ins Gespräch und die Diskussion miteinander kommen.“

(domradio – mg)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

30. August 2018, 13:40